Eisenbahn-Postkarten-Museum Oschatzer Fotograf erforscht Weihnachten als Postkartenmotiv

Der Oschatzer Günther Hunger hat ein ganz besonderes Hobby: Der Fotograf ist Philokartist und hat sich als solcher dem Sammeln und Erforschen von Post- und Ansichtskarten verschrieben. 2019 eröffnete er das erste deutsche Eisenbahn-Postkarten-Museum im Südbahnhof Oschatz. Aufgrund der Corona-Notverordnung des Landes Sachsen ist die dort geplante Sonderausstellung "Weihnachtsgrüße – Postkarte genügt" frühestens ab dem 12. Dezember zu sehen. Bei MDR KULTUR gibt es einen kleinen Einblick vorab.

Günther Hunger 4 min
Bildrechte: Günther Hunger
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Günther Hunger hat ein besonderes Hobby: Der Oschatzer sammelt Ansichtskarten. Von Feldpost aus den Weltkriegen bis zu Weihnachtskarten aus verschiedenen Epochen. Ein Beitrag von Rebekka Adler.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 01.12.2021 06:00Uhr 04:08 min

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Von der Feldpost aus dem Ersten Weltkrieg bis zu den größten Eisenbahnunglücken Deutschlands, von Werbung und Propaganda bis zur Humorkarte: An den Wänden des Eisenbahn-Postkarten-Museums im Südbahnhof Oschatz hängt nur ein Bruchteil aus der mehrere Tausend Postkarten umfassenden Sammlung von Günther Hunger. Neben der Insel Rügen mit Hiddensee sammelt der Philokartist vor allem seltene Karten aus dem Altkreis Oschatz, rund um Collm, Mügeln, Dahlen und Wermsdorf.

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Die Sammlung Hunger umfasst mehrere Tausend Post- und Ansichtskarten. Bildrechte: Günther Hunger

Postkarten von 1898 bis in die Gegenwart

Die ältesten Karten in der Sammlung Hunger stammen aus dem Jahr 1898. Die erste Postkarte der Welt wurde 1840 in England verschickt. Wie immer, wenn neue Kommunikationsformen Fuß fassen, regte sich zunächst Widerstand. Man befürchtete, die offene Lesbarkeit der Botschaft könne von Fremden missbraucht werden. Zudem hatte man Sorge, dass durch die kurz gehaltenen Texte Sprachkultur verloren gehen könnte. Befürchtungen, die uns aus aktuellen Diskussionen um Datenschutz und Soziale Medien nur allzu bekannt sind.

Und trotzdem gewann das neue Medium immer mehr an Beliebtheit. Nicht zuletzt, weil die Postkarte einen Blick in ferne Welten ermöglichte, worin sich auch Günther Hungers Faszination seit Kindheitstagen begründet: "Fernsehen gab es in meiner Zeit noch nicht. In der Zeitung waren auch noch wenig Bilder. Als Kind war man begeistert, wenn man mal die Pyramiden, die chinesische Mauer oder einen Zug durch die Landschaft in Kanada fahren sieht – das bleibt in Erinnerung."

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Das Eisenbahn-Postkarten-Museum in Oschatz. Bildrechte: Günther Hunger

Feldpostkarten aus den Weltkriegen

Es sind Post- und Ansichtskarten mit fremden Erinnerungen. Bei den meisten handelt es sich um sogenannte "gelaufene Karten", die von Philokartisten als besonders wervoll eingestuft werden. Von "gelaufen" spricht der Sammler, wenn die Postkarte mit Briefmarke und Stempel versehen ist, den Postweg also "durchlaufen" und somit ihre Bestimmung, eine Nachricht erfolgreich von A nach B zu übermitteln, erfüllt hat, erklärt Günther Hunger.

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Eine "gelaufene" Feldpostkarte aus dem Jahr 1914. Bildrechte: Sammlung Günther Hunger Oschatz

Um solche Raritäten zu ergattern ist Hunger regelmäßig auf Tauschbörsen, Flohmärkten und Haushaltsauflösungen unterwegs. Sein besonderes Interesse gilt dabei dem thematischen Schwerpunkt Eisenbahn: "Ob es die Bahnhöfe sind, die Eingangsgebäude einer Ortschaft oder die meisterhaften Brücken. Besonders interessant sind die Feldpostkarten. Auch die gibt es mit Eisenbahn-Motiven, gerade aus den beiden Weltkriegen. Der einzige Kontakt zwischen Heimat und Front waren Postkarten und Briefe. Briefe waren etwas teurer, deshalb hat man Karten geschrieben und entsprechende Motive aus dem Krieg, natürlich auch mit Verherrlichung des Krieges, versandt", so Hunger.

Weihnachtspostkarten aus verschiedenen Jahrzehnten

Selbst aus dem Schützengraben wurden Weihnachtskarten versandt. Eine Postkarte aus dem Jahr 1916 zeigt den Weihnachtsmann an der Front: gekleidet in Feldgrau, übermittelt er den Soldaten die sehnsüchtig erwartete Heimatpost.

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Der Weihnachtsmann in feldgrau, Postkarte aus dem Jahr 1916 Bildrechte: Sammlung Günther Hunger Oschatz

Eine große Rolle spielen auch die Texte auf den Postkarten, die Günther Hunger gemeinsam mit Elke Horn aus Frankenberg in mühseliger Arbeit aus Altdeutsch und Sütterlin transkribiert hat, um sie dann für verschiedenste kulturhistorische Fragestellungen auswerten zu können. Laut Hunger geben die Karten einiges Preis, auch im Hinblick auf die Kulturgeschichte des Weihnachtsfests: "Auch der Weihnachtsmann ist der Zeit unterworfen. Der rote Mantel ist keine Erfindung von Coca-Cola, der Weihnachtsmann hat unterschiedliche Mäntel: Von blau, grün bis feldgrau. Früher noch mit ehrfurchtsvollen Kindern; heute sind sie freudiger mit riesengroßen Geschenken. Es gibt also Karten, auf denen der Sack des Weihnachtsmanns sehr leer ist und wenn man die heutigen Karten sieht, ist der Sack sehr überfüllt."

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Die Postkarte aus dem Jahr 1926 zeigt den Weihnachtsmann in grünem Mantel. Bildrechte: Sammlung Günther Hunger Oschatz

Doch eines haben die Weihnachtspostkarten, ob selbstgebastelt aus dem Schützengraben, Fotoporträts aus den goldenen 20ern oder die DDR-Karten, auf denen kirchliche Motive gänzlich verbannt wurden, gemein: Günther Hungers beeindruckende Postkartensammlung macht Lust, Freunde und Familie diese Weihnachten mit einem handgeschriebenen Postkartengruß zu bedenken.

Mehr Informationen Eisenbahn-Postkarten-Museum im Oschatzer Südbahnhof
Freiherr-vom-Stein-Promenade 1, 04758 Oschatz

Aufgrund der Corona-Notverordnung des Landes Sachsen bleiben das Museum und die Sonderausstellung "Weihnachtsgrüße – Postkarte genügt" vorerst bis zum 12. Dezember 2021 geschlossen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 01. Dezember 2021 | 06:10 Uhr

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