Forschung 200 Jahre zurückgeblickt: Auswandererbriefe in Gotha erzählen vom Neuanfang in der Fremde

Die Forschungsbibliothek Gotha feiert in diesem Jahr ihr 375-jähriges Gründungsjubiläum. Zu den besonderen Sammlungen gehören auch die Briefe der Auswanderer, die einst Deutschland den Rücken gekehrt haben. Oftmals waren es einfache Menschen, die aus der Not heraus den teuren und gefährlichen Weg auf sich nahmen, meist nach Amerika. Die Briefe erzählen über das Ankommen und Bleiben zwischen den Jahren 1820 und 1990.

Ein alter Briefumschlag
Briefe aus der neuen Heimat Bildrechte: Ursula Lehmkuhl, Deutsche Auswandererbriefsammlung, Forschungsbibliothek Gotha

"Ich würde um keinen Preis in das unglückliche Deutschland zurückgehen; denn wer hier einmal das mit goldenen Sternen besäte Freiheitsbanner hat kennengelernt, der wünscht sich gewiß nicht in die Knechtschaft zurück." - Auszug aus einem Auswandererbrief

Nicht alle Briefe klingen so optimistisch, wie dieser aus dem Jahr 1852, geschrieben aus Chicago. Geschickt hat ihn ein Sachse, der nach Amerika ausgewandert und offenbar dort recht zufrieden war. Und trotzdem machte er seinem Bruder klar: "Solltest Du Dich entschliessen, zu mir nach Amerika zu kommen, so würde ich Dir raten – da Du und Deine Frau zu alt sind – das Geld, was die Reise kostet, in Deutschland in Frieden zu verzehren. Aber Deinen Kindern möchte ich sehr zuraten, denn sie legen den Grund zu ihrem und ihrer Kinder Glück."

Armut und Not den Rücken kehren

Frau mit Brille zeigt Brief und Foto
Prof. Ursula Lehmkuhl ist stolz auf die Sammlung Bildrechte: Ursula Lehmkuhl, Deutsche Auswandererbriefsammlung, Forschungsbibliothek Gotha

Wie viele Menschen einst auswanderten, kann heute nur geschätzt werden. Statistiken gehen von etwa sechs Millionen Menschen aus. Diese könnten Deutschland ab 1820 meist aus Gründen der Armut und der Not den Rücken gekehrt haben. Viele Handwerker waren dabei, die eine teure und auch kräftezehrende Schiffsreise auf sich nahmen, um in einer fremden Welt den Neuanfang zu wagen. Viele bauten sich eine neue Existenz auf, meist in den Vereinigten Staaten von Amerika. Oftmals waren es Männer, die sich auf den Weg begaben, um anderswo das Glück zu versuchen.

Europaweit größte Briefsammlung von Auswanderern in Gotha

Nicht allen gelang das Ankommen gut. Manche haben die Strapazen der mehrwöchigen Überfahrt auf einem Dampfschiff nicht überstanden, andere konnten beruflich nicht Fuß fassen, die nächsten waren von Heimweh geplagt und viele blieben anfangs Außenseiter in der neuen Umgebung. All diese Geschichten erzählen die Briefe der Auswanderer. Sie lagern heute in großen Teilen in Gotha und darauf ist Prof. Ursula Lehmkuhl von der Universität Trier besonders stolz, denn es sei die europaweit größte Sammlung, sagt sie. Die Sammlung gehört zur Forschungsbibliothek Gotha und damit auch zur Universität Erfurt.

"Das Besondere sind die Briefserien", so Prof. Ursula Lehmkuhl. Es sind "Briefe, die über einen längeren Zeitraum geschrieben worden sind." Damit geben sie Einblick in Lebenswege und Entwicklungen der Menschen. Die Briefe spiegeln das Leben der einfachen Leute wieder: Heirat, eine neue Familie, das erste Stück eigene Land, die Mühen, aber auch Erfolg. Lorenz Degenhart zum Beispiel schreibt ausführlich von seiner Reise und wie es ihm mit bescheidenem Wohlstand später als selbständiger Buchdrucker im Leben ergangen ist.

Alte Ostergrußkarte
Eine alte Ostergrußkarte findet sich ebenfalls in der Briefsammlung. Bildrechte: Ursula Lehmkuhl, Deutsche Auswandererbriefsammlung, Forschungsbibliothek Gotha

Lebensgeschichten aufbereitet für den Schulunterricht

Ein alter Brief
Ein alter Brief Bildrechte: Ursula Lehmkuhl, Deutsche Auswandererbriefsammlung, Forschungsbibliothek Gotha

Mittlerweile gehören zwischen 11.000 und 12.000 Briefe zur Sammlung. Die Kunsthistorikerin Dr. Marion Müller beschäftigt sich in Gotha mit dieser Sammlung, die stetig erweitert wird, stellt Material zusammen und arbeitet Datenbanken auf. Die Originale bewahrt sie in etlichen grauen Kartons auf. Sie sind vorsichtig in Mappen verpackt, bestehen aus vergilbten oder grauen, dünnen Papierseiten. Zum Teil sind es nur Zettelchen, denn gutes Briefpapier wäre für viele Menschen einfach zu teuer gewesen. Selbst Briefumschläge sind noch erhalten. 

Für Schulen gibt es eine perfekt aufbereitete Materialsammlung, sortiert nach Bundesländern und als Empfehlungen vorbereitet für die jeweilige Klassenstufe. Anhand originaler Quellen werden die Lebensgeschichten sichtbar. Lehrer können sich zudem an die Wissenschaftler wenden, wenn Fragen offen sind. Die Briefe sind manchmal im Original, manchmal auch als Abschrift erhalten und werden teilweise digital zur Verfügung gestellt. 

Gelber Briefumschlag
Post von Übersee Bildrechte: Ursula Lehmkuhl, Deutsche Auswandererbriefsammlung, Forschungsbibliothek Gotha

Auswandern ist immer noch ein Thema

Die Briefsammlung beginnt in den 1820er Jahren und endet etwa 1990. Was die Wissenschaftler gerne erreichen wollen? Sie möchten Menschen sensibilisieren und dafür gewinnen, wenn in ihrer Familiengeschichte entsprechende Dokumente vorhanden sind, diese auch der Forschung zur Verfügung zu stellen. Das Sammeln geht also weiter – vorausgesetzt, die entsprechende Zeitepoche wird eingehalten. Bis heute ist das Auswandern ein großes Thema. 2020 sollen nach Angaben der Statistiker 8.206 Menschen aus Deutschland nach Nordamerika ausgewandert sein. 12.000 Deutsche kamen allerdings auch wieder zurück.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 08. April 2022 | 06:15 Uhr