Designer aus Sachsen-Anhalt Wie ein Havelberger das bekannte Mitropa-Geschirr entwarf

Sein Geschirr hatte fast jeder Ostdeutsche einmal in der Hand. Er selbst blieb aber weitgehend unbekannt: Der Keramik- und Glas-Designer Erich Müller aus Havelberg in Sachsen-Anhalt. Vor 30 Jahren starb er. Seine Arbeit wird aktuell in Dresden ausgestellt.

Kännchen aus dem Service "Rationell" (1970) von den Designern Erich Müller und Margarete Jahny.
Kännchen aus dem Service "Rationell" (1970) von den Designern Erich Müller und Margarete Jahny. Die Gestalterin hatte bereits während ihres Studiums eine ähnliche Serie entworfen. Bildrechte: Kunstgewerbemuseum, Staatliche Kunstsammlungen Dresden/Gunter Binsack

Seine Ideen kennt beinahe jeder, der in der DDR gelebt hat, aus eigener Erfahrung. Er selbst aber blieb weitgehend unbekannt: Der Keramik- und Glas-Designer Erich Müller stammte aus dem sachsen-anhaltischen Havelberg. Berühmt wurde vor allem sein sogenanntes Mitropa-Geschirr. Anfang der 70er-Jahre für Hotels und Kantinen entwickelt, erlangten Teller, Tassen und Kännchen vor allem deshalb Bekanntheit, weil sie von Gaststätten und in den Speisewagen der Deutschen Reichsbahn genutzt wurden.

Das Design war klar und schnörkellos – und extrem praktisch: Die Tassen ließen sich leicht und platzsparend stapeln und die Deckel hielten auf den Kännchen auch bei größerer Neigung beim Eingießen. Form folgt Funktion, das war Erich Müllers Credo. So führte er das Erbe der Bauhaus-Designer weiter. Still, aber in vollem Bewusstsein, wie sein Sohn Peter Müller einst berichtete – selbst als in der DDR die Bauhaus-Kunst als formalistisch gebrandmarkt wurde.

Mitropa Speisewagen von innen 4 min
Bildrechte: IMAGO / Arkivi
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Der Mann, der das Mitropa-Geschirr entworfen hat, kommt aus Sachsen-Anhalt! Er heißt Erich Müller, ist in Havelberg geboren und genau dort hat sich Reporterin Katharina Häckl auf Spurensuche begeben.

MDR SACHSEN-ANHALT So 16.01.2022 11:40Uhr 03:47 min

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Von Havelberg ins Brandenburgische

Erich Müller wurde 1907 in Havelberg geboren und verbrachte die ersten 14 Lebensjahre in dem Städtchen. Seine Geschichte dort ist noch nicht aufgearbeitet. Beispielsweise ist noch nicht bekannt, aus welcher der 24 Müller-Familien Erich genau stammte.

Weil sein Vater eine Arbeit bei der Bahn bekam, zog die Familie 1921 nach Fürstenberg an der Oder. Müller war deutschlandweit einer der ersten Jugendlichen, die die Jugendweihe erhielten; vor allem sein Vater war politisch interessiert und stand der Sozialdemokratie nahe. Zunächst wurde Müller Glasmaler. Schon in der Lehre fiel er durch seine Grübelei auf, wie Gebrauchsgegenstände praktischer gestaltet werden können, etwa Gläser, Vasen oder Schüsseln.

Geschirr aus DDR-Zeiten.
Erich Müllers Geschirr wird bis heute privat oder in Cafés genutzt. Bildrechte: dpa

Praktisch: Geschirr für Umsiedler und stoßfeste Wirte-Gläser

Nach dem Zweiten Weltkrieg kreierte Müller zunächst erfolgreich das "Siedlergeschirr". Die Flüchtlinge aus dem ehemals deutschen Osten hätten mit voluminösen Kannen und Schüsseln nichts anfangen können; ihre neuen Bleiben waren oft eng, Geschirr und Glas durften nicht zu viel Platz einnehmen.

Margarete Jahny und Erich Müller: Stapelbare Wirtegläser, 1973
Margarete Jahny und Erich Müller: Wirte-Gläser, 1973. Stapelbar und stoßfest waren sie, das Gastro-Personal war dankbar. Bildrechte: Günter Höhne

Neben dem Siedler- und dem Mitropa-Geschirr schuf Müller Anfang der 70er-Jahre die sogenannten Wirte-Gläser. Mehrere Kellner-Generationen waren dem kreativen Kopf dafür dankbar: 20 Gläser auf einem Tablett in überfüllten Diskotheken, Dorfsälen und Gaststätten hoch über dem Kopf balanciert – kein Problem! Die Gläser waren dünnwandig und deshalb leicht, aber dennoch stoßfest.

Kompromisslos wie seine Entwürfe

Noch heute werden Erich Müllers Gläser und sein Geschirr im Alltag genutzt, wenn auch nicht mehr derart verbreitet wie zu DDR-Zeiten. Der Designer arbeitete in seinen 50er-Jahren beim DDR-Amt für Formgestaltung.

Als er Rentner wurde, zog er einen Schlussstrich: Die Familie war in Neuzelle heimisch geworden, Müller und seine Frau bekamen vier Kinder. Nach dem Berufsleben ließ er vollständig ab vom Design, kümmerte sich zu Hause um die eigene kleine Landwirtschaft. Sein Vater, schrieb Sohn Peter in seinen Erinnerungen, sei als Mensch so gewesen wie seine Entwürfe: klar, pragmatisch und kompromisslos.

Ausstellungs-Tipp

Erich Müllers Mitropa-Geschirr ist in der Ausstellung "Deutsches Design 1949 – 1989" der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden zu sehen.

"Deutsches Design 1949 – 1989. Zwei Länder, eine Geschichte"
bis 6. März 2022

Adresse:
Kunsthalle im Lipsiusbau
Georg-Treu-Platz 1
01067 Dresden

Öffnungszeiten:
täglich 10—17 Uhr, Montag geschlossen

Eintrittspreise:
regulär 8 Euro, ermäßigt 6 Euro

Die aktuellen Corona-Auflagen des Museums finden Sie hier.

Dieses Thema im Programm: MDR SACHSEN-ANHALT | 16. Januar 2022 | 11:40 Uhr

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