Ausstellung Leipziger Kindermuseum geht auf Hörspielreise ins jüdische Leben

Schon 321 gab es in Deutschland Jüdisches Leben. Wie vielfältig und dynamisch es seither war und ist, zeigt nun das Kindermuseum Unikatum in Leipzig in der Wanderausstellung "Shalom – 1.700 Jahre: Eine Hörspielreise". Dabei lädt das Museum zu einer Zeitreise ein: Jüdische Kinder und Jugendliche erzählen aus ihrem Leben. Hier erfahren Sie alles Wissenswerte zu Ihrem Besuch, wie Adresse, Öffnungszeiten und Eintrittspreise.

Ausstellung im Unikatum
Eindrücke der Ausstellung im Leipziger Kindermuseum Unikatum Bildrechte: Roland Kersting

Köln im Jahre 321. Rina ist 12 Jahre alt. Seit sie denken kann, wohnt sie hier am Fluss. Ihre Eltern sind Tuch- und Segelmacher. Und ohne es wissen zu können, wird sie Zeugin der frühsten dokumentierten Form jüdischen Lebens in einem Gebiet, das heute zu Deutschland gehört. Die Stadt ist zu jener Zeit Teil des Heiligen Römischen Reiches und unter der Herrschaft von Kaiser Konstantin dem Großen. Er ordnet an, dass sich die jüdische Gemeinde an der Stadtverwaltung beteiligen soll. Dieses Edikt ist es, das heute als frühester Hinweis auf jüdisches Leben in Deutschland gilt.

Begehbares Bilderbuch

Ausstellung im Unikatum
Eindrücke der Ausstellung im Leipziger Kindermuseum Unikatum Bildrechte: Roland Kersting

Und so kommt es denn auch, dass Rina die erste Figur ist, der die Besucherinnen und Besucher der Wanderausstellung: "Shalom – 1.700 Jahre: Eine Hörspielreise" im Kindermuseum Unikatum in Leipzig begegnen. Ihre Geschichte und ihr Wohnort bilden die erste von insgesamt acht Stationen. Eine jede besteht aus einem großformatigen Bild, das die Figur zeigt, die ihre persönliche Geschichte im Audioformat erzählt. In die Bildplatten sind an die Stelle der Gesichter Aussparungen gefräst. So werde das Publikum werde aufgefordert, Fotos zu machen.

Es ist wie eine Fotostation gemacht, sodass die Besucherinnen und Besucher den eigenen Kopf durchstecken und die Person sein können.

Annegret Hänsel, Geschäftsführerin des Kindermuseums

Viele Mitmach-Möglichkeiten

Darüber hinaus bleibt die vermittelte Reise durch Zeit und Raum keineswegs theoretisch. Die Kinder sind eingeladen, die Bewegung interaktiv nachzuempfinden, indem sie den auf dem Boden abgebildeten Fußspuren folgen. Auf einer Europakarte sind die jeweiligen Orte markiert und mit Jahreszahlen versehen. Der Mitmachcharakter setzt sich in der Tatsache fort, so Annegret Hänsel, "dass man tatsächlich historische Fotos von den Orten sieht, dass man noch mal hineinschauen kann in die Zeit und auch bestimmte jiddische Fachwörter erklärt sind". Die sogenannten "Guckis", kleine hinter Klappen versteckte Schaukästen, bergen entsprechende Aufnahmen.

Unbegreifliches greifbar machen

Es geht nicht unbedingt um diese großen historischen Katastrophen, die es natürlich gab und die man nicht unerwähnt lassen kann, aber die doch eher im Hintergrund bleiben. Es geht eigentlich immer auch um eine gewisse Normalität, die dazwischen auch existierte.

Robert Rudolph, ein Macher der Ausstellung

Das zentrale Element der Ausstellung sind die Geschichten der Kinder an ihrem jeweiligen Ort in der jeweiligen Zeit. Worms 1221, ein fränkisches Dorf 1690, Berlin 1764. Hamburg 1895. Wann und wo wichtige Meilensteine des jüdischen Lebens in Deutschland entstanden sind, weiß Robert Rudolph. Er hat nicht nur die informierenden Begleittexte geschrieben, sondern sich auch die Erzählungen der Figuren ausgedacht.

Je weniger historische Quellen es gebe, desto freier sei er beim Verfassen der fiktiven Geschichten gewesen. Er hat versucht, die Entwicklung des jüdischen Lebens in Deutschland über mehrere Jahrhunderte zwar kompakt, doch auch realistisch facettenreich darzustellen. Freilich habe es immer wieder Eskalationen gegeben, etwa im Mittelalter sowie im zwanzigsten Jahrhundert. Darauf finden sich auch diverse Hinweise in der Ausstellung. Doch es gehe immer auch um eine gewisse Normalität, die dazwischen existierte.

Kinder können sich in den Geschichten wiederfinden

Rina erzählt im Jahre 321 von Streitereien mit ihrem jüngeren Bruder. Thomas spricht 1929 über die Hetzblätter gegen Juden, die sein älterer Bruder nicht ernstnimmt. Ira, 1958 in Frankfurt zuhause, berichtet vom Stadt-Land-Fluss-Spiel mit ihrer Familie, bei dem für gewöhnlich eine Art Fernweh aufkommt. Im Begleittext ist derweil von einer verstärkten Auswanderung von Juden aus Deutschland die Rede.

Rekonstruktion der Synagoge der Stadt Worms aus dem 13. Jahrhundert.
Rekonstruktion der Synagoge der Stadt Worms aus dem 13. Jahrhundert. Bildrechte: Stadt Worms/Institut für Stadtgeschichte/Stadtarchiv

"Der Gedanke ist", erläutert Robert Rudolph, "dass sich der Alltag natürlich in einem komplett anderen und einem für uns schwer vorstellbaren Umfeld abspielt, aber dass es trotzdem natürlich bestimmte Dinge gibt, die Kinder und Jugendliche zu allen Zeiten beschäftigen und verbinden." Manches bleibe einfach über Jahrhunderte irgendwie ähnlich, meint er. Und so dürften sich auch die Kinder von heute in den Geschichten wiederfinden. Zumal die Reise durch 1.700 Jahre in der Tat im Leipzig der Gegenwart endet.

Ausstellung im Unikatum
Eindrücke der Ausstellung im Leipziger Kindermuseum Unikatum Bildrechte: Roland Kersting

Letzte Hörspiel-Station: Leipziger Gegenwart

An der letzten Station ist der Leipziger Rabbiner Zsolt Balla zu hören. Er beschreibt nicht nur die jüdische Gemeinde, wie es sie aktuell erlebt, sondern liefert auch einen Ausblick in die Zukunft.

Wenn wir es schaffen, junge Menschen in die Gemeinde einzubinden, dann haben wir die Möglichkeit, hier auch in der Zukunft ein blühendes jüdisches Leben zu haben.

Zsolt Balla, Leipziger Rabbiner

In diesem Sinne trägt das Kindermuseum Unikatum mit der Wanderausstellung: "Shalom – 1.700 Jahre: Eine Hörspielreise" dazu bei, gerade diese jungen Menschen für das Thema zu interessieren und bestenfalls zu begeistern.

Informationen zum Besuch der Ausstellung Wanderausstellung: "Shalom – 1.700 Jahre: Eine Hörspielreise"
ab 25. September 2021 bis Sommer 2022

Adresse:
Kindermuseum Unikatum
Zschochersche Straße 26
04229 Leipzig

Öffnungszeiten Museum & Café:
Dienstag bis Freitag, 14 bis 18 Uhr
Sonnabend und Sonntag, 10 bis 18 Uhr
sächsische Ferien und Feiertage, 10 bis 18 Uhr, Ferien-Montage 14 bis 18 Uhr

Eintritt:
Kinder bis 2 Jahre frei, danach 6 Euro

Empfohlen wird ein Besuch für Kinder ab dem Grundschulalter.
Bitte Hausschuhe mitbringen.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 22. September 2021 | 09:15 Uhr