"Vergnügen" Erfurter Ausstellung "Kayfuyem" zeigt die jüdische Art zu genießen

"Kayfuyem" ist russischer Slang für "Vergnügen" und Titel der aktuellen Kunstausstellung in der Galerie Waidspeicher in Erfurt, die vom 23. September bis zum 28. November 2021 gezeigt wird. Zu sehen sind zeitgenössische Werke jüdischer Künstlerinnen mit ihrem persönlichen Blick auf ihre Identität als jüdische Frauen und große Themen wie Liebe oder Tod.

Was ist jüdische Kunst? Was ist weibliche, jüdische Kunst? Gibt es die überhaupt? Das fragt die aktuelle Ausstellung "Kayfuyem" in der Galerie Waidspeicher in Erfurt. In diesem Jahr werden 1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland gefeiert. 1.700 Jahre voller Traditionen, Geschichten und unterschiedlichster Lebenswege. In der Ausstellung "Kayfuyem" geht es aber vor allem um die Gegenwart, das Jetzt. Der Kurator Philipp Schreiner wollte zeigen, wie unterschiedlich dieses Lebensgefühl und auch die jüdische Identität ausgelebt wird.

Welche Bedeutung hat das Judentum überhaupt für junge Frauen in ihrem jetzigen Leben in Deutschland? Es gibt ja nicht nur dieses eine Judentum, sondern es gibt ganz viele verschiedene Gesichter.

Philipp Schreiner, Kurator

Wie es ist zum Judentum zu konvertieren

In der Ausstellung zu sehen sind acht dieser Gesichter. Acht Künstlerinnen, die das Judentum ganz unterschiedlich ausleben – oder sogar gar nicht. Manche Künstlerinnen haben das Judentum hinter sich gelassen.

Andere suchen es noch. Toni Mauersberg zum Beispiel: Sie will zum Judentum konvertieren – ein langer Weg. Bald muss sie drei Rabbinern gegenübertreten und zeigen, dass sie über das Judentum Bescheid weiß, die Bräuche und Regeln kennt, als Frau sogar zeigen, dass sie eine koschere Küche führen kann. Kein Wunder, dass sich die Künstlerin auch in ihrer Kunst intensiv mit jüdischen Traditionen auseinandersetzt.

Außerdem zu sehen sind zwei große Portraits der Klagemauer. Sie hängen als Diptychon nebeneinander. Auf einer Bildtafel ist die Seite der Männer zu sehen, auf der anderen die der Frauen. Davor ein unscheinbar wirkender, weißer Plastikstuhl – ein Original von der Klagemauer aus Jerusalem. Toni Mauersberg hat den Stuhl selbst aus Israel mitgebracht.

Während der Ausstellung wird live gemalt

Einen Stuhl und noch weitere Möbel zeigt auch das Werk von der Künstlerin Daniela Bromberg. Ein Teil ihres WG-Zimmers ist in der Ausstellung zu sehen, eine angedeutete Nachbildung. Ihr Erfurter WG-Zimmer ist nämlich gleichzeitig ihr Atelier. Und da werden nicht nur Leinwände bemalt, wie sie erklärt: "Und dann ging es weiter mit Oberflächen, mit Stühlen, dann war es ein Tisch, mehrere Tische". Sogar Kissen hat sie bemalt, die liegen jetzt in der Ausstellung, daneben Leinwände, teilweise noch unbemalt.

Eine Wand bemalt sie erst während der Ausstellung: "Ich fange an und ich bin gespannt, was da rauskommt. Ich habe nie eine Skizze oder nie einen richtigen, kompletten Gedanken, was das wird. Und das wird auch diesmal genau meine Experience sein. Ich werde auf die Wand meine Strichmännchen malen und werde dann sehen, erst wenn ich fertig gemalt habe, wie das aussieht."

Die Suche nach der eigenen, jüdischen Identität

Auf vielen ihrer Bilder sind Gesichter traditionell gekleideter, jüdischer Männer zu sehen. Daniela Bromberg ist in der Ukraine geboren, nach ihrer jüdischen Identität hat sie lange gesucht: "Das war für mich eher so ein Zwang, dass du jüdisch bist, und dann wollte ich einfach mal versuchen, da was anderes zu finden für mich und lange Zeit hatte ich mit Judentum wenig Berührung – ich wusste, im Unterbewusstsein, dass ich jüdisch bin und dass ich irgendwann jüdische Familie haben möchte, aber wann wusste ich nicht."

Auf Reisen nach Israel hat sie nicht zum Judentum zurückgefunden, sagt sie. "Da habe ich so meinen Weg gefunden, da bin ich angekommen. Es ist egal, ob ich in Erfurt bin oder in Israel, ich fühle mich quasi, dass Ich Ich bin."

Ich sein – mit oder ohne Religion. Genau das ist das Thema der Ausstellung. Während Daniela Bromberg das Judentum wiederentdeckt hat und jüdische Motive zentral in ihren Bildern sind, gibt es auf der Ausstellung auch Werke, die gar nichts mit Religion zu tun haben. Denn auch das gehört zur modernen, jüdischen Lebenswelt: Die Abkehr von Traditionen.

Jüdischer Blick auf große Themen wie Liebe und Tod

Andere Künstlerinnen zeigen Werke, in denen es um sehr große Lebensthemen geht: Tod oder Liebe. Das sind natürlich keine jüdischen Themen. Aber: Vielleicht ist der jüdische Umgang mit diesen Themen ein anderer. Die Kunst in der Ausstellung eröffnet uns Sichtweisen. Gerade die großen Themen werden oft auf eine humorvolle Weise verarbeitet.

Auf einem sehr abstrakten Bild von Anna Nero kommt der Tod in einer lilafarbenen Welle über uns. Und von den ganz großen Fragen geht es dann wieder – bei der nächsten Künstlerin Shaneee Roe – ins ganz, ganz Kleine: Intimste Momente zwischen Menschen, nackt, unbefangen und unbeobachtet. Wären wir, die Betrachter und Betrachterinnen, nicht da.

Die Bilder zeigen nicht nur sexuell-ästhetische Momente, sondern viel mehr die peinlichen. Um den Moment geht es auch, wenn von "Kayfuyem" die Rede ist. "Kayfuyem" – der Titel der Ausstellung – ein russischer Slangbegriff, sagt Phillip Schreiner. Die Ausstellung zeigt ganz verschiedene Arten von Vergnügen.

Der Begriff Kayfuyem wird eigentlich meistens verwendet, wenn man mit mehreren Leuten zusammen ist und eine gute Zeit hat und was genießen kann, also es geht um das Vergnügen.

Philipp Schreiner, Kurator

Informationen für Ihren Ausstellungsbesuch "Kayfuyem – #weiblich #jüdisch #künstlerin"
23.09.2021 bis 28.11.2021

Adresse:
Galerie Waidspeicher
im Kulturhof "Zum Güldenen Krönbacken"
Michaelisstraße 10
99084 Erfurt

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag, 10 bis 18 Uhr

Eintritt:
6 Euro, ermäßigt 4 Euro
Am ersten Dienstag im Monat ist der Eintritt frei.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Empfehlungen fürs Wochenende | 24. September 2021 | 06:15 Uhr