Klosteridylle und fleischliche Verlockungen Neue Dauerausstellung zur Geschichte des Klosters Jerichow

Seit dem Mittelalter gibt es das imposante Backstein-Kloster Jerichow. Gegründet zur Missionierung der Slawen, wurde es zu einem kulturellen Zentrum. Eine neue Dauerausstellung "Spuren in Backstein" beleuchtet nun die interessante Geschichte – und warum die "Fleischeslust" letztlich zur Auflösung des Klosterlebens beitrug.

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Sandra Meyer über die neue Dauerausstellung "Spuren in Backstein" im Kloster Jerichow.

MDR KULTUR - Das Radio Fr 05.11.2021 06:00Uhr 03:57 min

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Im Nordosten Sachsen-Anhalts, nah an der Elbe gelegen, steht das Kloster Jerichow St. Marien. Und obwohl schon 1150 erbaut, ist es eines der wenigen Klöster, die in ihrer Ursprünglichkeit erhalten geblieben sind – auch wenn es schon lange kein Klosterleben mehr gibt.

Heute ist die Domäne eher ein touristisches Ziel, mit romanischer Kirche und Klostergarten – und nun auch mit einer neuen Dauerausstellung. Passend übrigens zum Jubiläum der damaligen Ordensgemeinschaft, denn die sogenannten Prämonstratenser feiern in diesem Jahr ihr 900-Jähriges Bestehen.

Blick in den Innenraum auf die Bühne der Klosterkirche Jerichow, wo das Ensemble Artemandoline musiziert
Auch die MDR Klangkörper nutzen regelmäßig die einzigartige Konzertatmosphäre des Klosters Jerichow Bildrechte: MDR/Andreas Lander

Erhabenes Backstein-Kloster

Schon von Weitem sieht man die roten Türme des Klosters Jerichow, des ältesten Backsteinbaus Norddeutschlands. Schlicht und doch erhaben wirken Klosterkirche und Klausur. Romanische Architektur, die man auch in der neuen Dauerausstellung im ehemaligen Schlafsaal der Mönche erleben soll, sagt Museumsleiterin Josefine Telemann, man wolle sich neben der Bau- und Kunstgeschichte aber auch auf die Geschichte der Prämonstratenser des Ordens konzentrieren, wie sie in die Region kamen und was hier ihre Aufgaben, Ziele und täglichen Pflichten waren.

Ausstellung im Kloster Jerichow
Backstein aus dem 16. Jahrhundert, vermutlich von einer Grabstelle Bildrechte: Kathrin Singer

Schlicht und zurückhaltend gestaltet, will man so in Jerichow anhand von Exponaten, Textfahnen, Projektionen und Medienstationen das Hintergrundwissen zur Geschichte und Ansiedlung der Ordensgemeinschaft liefern.

Missionare im slawischen Fischerdorf

1144 waren die Prämonstratenser in das damals noch slawische Fischerdorf an der Elbe gekommen. Jerichow stellte einen der frühen Missionsstützpunkt dar, sagt Telemann, von Magdeburg aus gesehen habe sich der Orden dann über Jerichow nach Osten hin ausgebreitet. Im Museum würden die Besiedlungsgeschichte der Region, die landschaftlichen und politischen Verhältnisse dargestellt.

Ausstellung im Kloster Jerichow
Gewänder des religiösen Lebens Bildrechte: Kathrin Singer

Symbolisch dafür steht ein Schwert in der Vitrine. Denn natürlich war die Christianisierung mit Kämpfen verbunden, auch wenn das in der Schau nur indirekt zur Sprache kommt.

Mittelalterliche Schreibkunst der Mönche

Hier geht es vor allem um den damaligen Lebensalltag der Mönche, beispielsweise der Schreib- und Buchkunst. Denn im Mittelalter waren Klöster bedeutend durch ihre Bibliotheken und ihre Skriptorien, die Schreibwerkstätten, erläutert Telemann, im Museum werde das mit verschiedenen Urkunden und auch Prachthandschriften präsentiert.

Ausstellung im Kloster Jerichow
Klöster waren ein Ort der schriftlichen Archivierung von Wissen und Glauben Bildrechte: Kathrin Singer

Die Technik dahinter war aufwändig, man brauchte Tierhäute als Pergament, man schrieb mit Federkiel und musste die entsprechenden Farben herstellen. All das machten die Mönche – deren Tagesablauf aber vor allem durch die Gebete strukturiert war, worauf liturgische Geräte wie eine Monstranz und ein Reliquiar verweisen. Aber auch Piktogramme am Boden zeigen die Aufgaben: Betende Hände für das Stundengebet, eine Suppenschüssel mit Löffel – zweimal am Tag wurde gegessen, ein Bett zum Schlafen, so Kuratorin Lisa Firlus.

Der Schlaf wurde ungefähr um Mitternacht unterbrochen, auch dann mussten sie zum Gebet aufbrechen. Dann konnte man sich nochmal ungefähr drei Stunden schlafen legen – und dann wurde man schon wieder bei Sonnenaufgang geweckt – und dann wird wieder gebetet.

Lisa Firlus, Kuratorin

Selbstversorgung mit Klostergarten, Fischteich und Getier

Neben dem geistlichen Leben stand die eher profane Klosterwirtschaft. Außer den Chorherren waren hier vor allem die Laienbrüder tätig, denn alles zum Leben musste selbst hergestellt werden. Es gab einen großen Garten, Fischteiche oder eine Windmühle. Die Schafe und Rinder wurden nicht nur zum Essen geschlachtet, wie eine Medienstation nachvollziehbar erklärt, zum Beispiel wurde das Fett der Tiere auch zur Kerzenherstellung verwendet oder die Haare dem Mörtel beigemischt.

Hochbeete aus Weidengeflecht stehen im Kräutergarten des Klosters.
Hochbeete aus Weidengeflecht im Kräutergarten des Klosters Bildrechte: MDR/Laura-Antonia Janke

Auch die Backsteine zum weiteren Ausbau der Klosteranlage wurde vor Ort gebrannt. Diese Steine sind teils auch im Original zu sehen, wenn es am Ende der Schau um die Kunst- und Baugeschichte geht. Spannend ist aber auch ein weiteres Exponat: ein Bratspieß. Denn der steht, sagt Telemann, für die zunehmende Auflösung der Ordensregeln bei den Prämonstratensern.

Eigentlich herrschte ja hier das Verbot, Fleisch zu essen im Kloster. Aber mit manchen Regeln hat man es nicht mehr ganz so genau genommen im Verlauf des Mittelalters.

Josefine Telemann, Museumsleiterin Kloster Jerichow

Missstände wie der Fleischverzehr führten letztlich dazu, dass der Stift 1552 aufgelöst und das Kloster Jerichow im Zuge der lutherischen Reformationsbewegung säkularisiert wurde.

Die Ausstellung Kloster Jerichow
Am Kloster, 39319 Jerichow

Öffnungszeiten:
November bis März: Dienstag bis So und Feiertage | 10 bis 16 Uhr
April bis Oktober: täglich | 10 bis 18 Uhr
(24. Dezember bis 6. Januar geschlossen)

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. November 2021 | 06:10 Uhr

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