Museum der bildenden Künste Von Leipzig nach Dawson: Martin Kippenbergers fiktives U-Bahn-Netz

Der Ruhm Martin Kippenbergers wächst seit seinem Tod vor 24 Jahren stetig weiter: Sammler aus aller Welt reißen sich um die Bilder des Künstlers. Für viele ist er bereits zum Idol geworden. Neben der "Kasseler Documenta" und der Ausstellung "Skulptur Projekte Münster" hat Kippenberger auch in Leipzig seine Spuren hinterlassen – in Form eines mysteriösen U-Bahn-Eingangs. Das Leipziger Museum der bildenden Künste erzählt in einer Sonderausstellung mit dem Titel "Martin Kippenberger. Metro-Net" die Geschichte hinter dem seltsamen Projekt.

Martin Kippenberger. Metro-Net
Der Eingang zu Martin Kippenbergers "Metro-Net" an der Leipziger Neuen Messe. Bildrechte: Albrecht Fuchs

"Wenn der Schließmuskel nicht mehr funktioniert" – mit solchen schauerlichen Schlagern machte sich Martin Kippenberger zum Hofnarr und zum Enfant terrible des Kunstbetriebs. Damals, in den 80er-Jahren, wurde er zum Star der "Jungen Wilden", einer Kunstbewegung seiner Zeit. Mit anarchischem Humor betätigte sich Kippenberger als Maler und Sprachartist, als Möchtegern-Schauspieler und Bildhauer.

Kippenbergers fiktives "Metro-Net"

Schon zu Beginn seiner Karriere hatte er die Idee zu dem imaginären "Metro-Net" mit "gefakten" U-Bahn-Eingängen: "Als wir jünger waren, haben wir uns vorgenommen, wenn mal Geld reinkommt, dann machen wir unsinnige Bauvorhaben. Irgendwann hatte ich ein Gelände auf dem Land und ich habe mich gefragt, was mache ich mit diesem Gelände. Dann ist mir eingefallen, dass das Gelände um die U-Bahn-Station sein könnte", gestand Kippenberger einmal am Rande einer rauschenden Party.

Martin Kippenberger. Metro-Net 4 min
Bildrechte: Albrecht Fuchs

MDR KULTUR - Das Radio Mi 09.06.2021 06:00Uhr 04:06 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Martin Kippenberger. Metro-Net 4 min
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U-Bahn-Stationen in Syros, Dawson City und Leipzig

Martin Kippenberger. Metro-Net
Das "Metro-Net" nahm seinen Anfang in Syros ... Bildrechte: Michel Würthle Archiv

Das besagte Gelände befand sich auf der griechischen Insel Syros. Dort baute der Künstler 1993 den allerersten U-Bahn-Eingang zu seinem "Metro-Net". Zwei Jahre später folgte die U-Bahn Station in Kanada, in der ehemaligen Goldgräberstadt Dawson City. Schließlich war es auch in Leipzig so weit, diesmal auf dem Gelände der 1997 eröffneten Neuen Messe. Marcus Hurttig vom Leipziger Museum der bildenden Künste beschreibt die Skulptur, die hinter einer Wiese und neben einem Helikopter-Landeplatz steht, als einen grauen, unscheinbaren Betonguss in U-Form mit einem Treppenabgang und einem Gitter: "Es sieht aus wie ein U-Bahn-Eingang, könnte auch einer sein", fasst der Kurator zusammen.

Martin Kippenberger. Metro-Net
... und führte nach Dawson City. Bildrechte: Albrecht Fuchs

"Lord Jim Loge": Künstlerbund von Kippenberger, Schlick, Oehlen, Grilj, Grond und Bauer

Martin Kippenberger. Metro-Net
Martin Kippenberger an einer U-Bahn-Station. Bildrechte: Galerie Gisela Capitain

Doch wer genauer hinschaut, dem fällt ein eigenartiges Logo auf: "Was man sieht, ist irritierend für potenzielle U-Bahn-Fahrende: ein Gittertor mit Hammer, Busen und Sonne. Das ist das Emblem der "Lord Jim Loge", die Kippenberger Anfang der 80er-Jahre mit Freunden gegründet hat. Man muss berücksichtigen, dass nur Männer in der Loge berechtigt waren, Frauen waren ausgeschlossen", erklärt Hurttig. Die "Lord Jim Loge", die keine Frauen duldet – auch dieser Mythos gehört zum imaginären U-Bahn Netz von Martin Kippenberger.

Inspiration durch Buster Keaton "The frozen north"

Ebenfalls damit verbunden ist der legendärer Stummfilm aus den 1920er-Jahren mit Buster Keaton "The frozen north". "Thema des Stummfilms ist eine verkehrte Welt", erläutert Hurttig. "In der Eingangssequenz wird ein U-Bahn-Eingang mitten in Alaska gezeigt und dann sehen wir, wie Buster Keaton als Pendler von der Arbeit erledigt nach Hause kommt. Aber es macht gar keinen Sinn, mitten in Alaska einen U-Bahn-Eingang zu haben." Buster Keaton und der absurde U-Bahn-Eingang mitten in Alaska – auch das schwingt bei den Potemkinschen Fassaden, die Martin Kippenberger für das Globale Dorf entwirft, mit.

Martin Kippenberger. Metro-Net
Eine Station von Kippenbergers "Metro-Net" befindet sich in Kassel. Bildrechte: Lukas Baumewerd and Estate of Martin Kippenberger, Galerie Gisela Capitain

Der Geist der Utopie

Vor allem aber betont der Leipziger Kurator die Nähe des Künstlers zu der Kunsttheorie der Romantik und deren utopisches Potenzial: "Hier sind wir in einer Konkretisierung von Utopie: Wir haben ein U-Bahn-Netz, das Fahrern im Geiste ermöglicht, von A nach B zu fahren – ohne Ticketkontrolle, wie Kippenberger immer als Slogan ausgab." Die Leipziger Schau atmet diesen Geist der Utopie und ist ein glänzendes Beispiel dafür, wie man lokale Kunstgeschichte mit großen Erzählungen verbinden kann.

Weitere Informationen Die Ausstellung "Martin Kippenberger. Metro-Net" ist noch bis zum 15. August im Museum der bildenden Künste Leipzig zu sehen.

Katharinenstraße 10
04109 Leipzig

Öffnungszeiten:
Dienstag, Donnerstag bis Sonntag von 10 bis 18 Uhr und
Mittwoch von 12 bis 20 Uhr

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 09. Juni 2021 | 07:40 Uhr

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