"... und sie malten doch!" Leipziger Ausstellung zeigt verschollene Generation von Malerinnen

2019 wurde nicht nur 100 Jahre Frauenwahlrecht gefeiert, sondern auch die Öffnung der Kunstakademien für Frauen: Kraft der Weimarer Reichsverfassung öffnete 1919 das Staatliche Bauhaus in Weimar seine Pforten für weibliche Studierende. Zuvor hatten Frauen in Deutschland nur selten Zugang zu Kunstakademien. Ihr künstlerisches Schaffen geriet oftmals in Vergessenheit. Die Ausstellung "...und sie malten doch! Malerinnen des expressiven Realismus" im Mädler Art Forum Leipzig erinnert an sie.

Paare am Abend, Karoline Wittmann 5 min
Bildrechte: Joseph Hierling

Ulrike Thielmann über die neue Ausstellung im Mädler Art Forum in Leipzig, die 17 Malerinnen der "verschollenen Generation" des expressiven Realismus vorstellt.

MDR KULTUR - Das Radio Do 27.05.2021 15:30Uhr 04:41 min

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Wer an die Kunst Anfang des letzten Jahrhunderts denkt, dem fallen vor allem Expressionisten und Abstrakte ein: Männer, die die gegenständliche Malweise revolutionierten. Sie hatte im 20. Jahrhundert bis heute einen schweren Stand, obwohl von breiten Teilen der Bevölkerung geschätzt und gerade deswegen von Ideologien vereinnahmt – von Künstlern und Künstlerinnen indessen oft abgelehnt, der eingefahrenen Sehgewohnheiten wegen. Mit dem Ergebnis, dass, wer heute figürlich auf der Leinwand agiert, oft auch abstrahiert – eine Entwicklung, die in den 20er- und 30er-Jahren ihren Lauf nahm – und für die die Kunstwissenschaft in den 80ern eine Bezeichnung gefunden hat, die es aber, entgegen dem unbedingten Gestaltungswillen, etwa der Layouter, noch nicht zum Eigennamen geschafft hat.

Was ist der expressive Realismus?

Die Rede ist vom expressiven Realismus, der sich nach wie vor am Anfang kleinschreibt. Diesem expressiven Realismus ordnet die neue Schau im Mädler Art Forum in Leipzig auch die 60 ausgestellten Gemälde und Grafiken von insgesamt 17 Malerinnen zu. Carolin Niederalt vom Mädler Art Forum erklärt, was es mit dieser Kunstrichtung auf sich hat: "Beim expressiven Realismus, der kein fester Begriff in der Kunstgeschichte ist, halten die Maler und Malerinnen an der Gegenständlichkeit fest und bringen ihren persönlichen Eindruck und ihren persönlichen Gestaltungswillen mit ein. Und wir zeigen hier Bilder von Künstlerinnen, die das für sich umgesetzt haben."

Eine verschollene Generation

Käthe Loewenthal
Die Schau zeigt u.a. Werke der jüdischen Malerin Käthe Loewenthal. Bildrechte: Joseph Hierling

Wer im Stil des expressiven Realismus‘ malt, gehört indessen auch zur sogenannten verschollenen Generation: Der Begriff bezeichnet jene Künstler und Künstlerinnen, die zwischen 1890 und 1914 geboren wurden, zur Zeit der Weimarer Republik künstlerisch hervortraten, durch den Nationalsozialismus aber in ihrer Kunst behindert wurden – und nach 1945 einfach weg waren, von der Bühne der Kunst. Vielen Malerinnen, die das Mädler Art Forum jetzt vorstellt, erging es so. Ihre Werke stammen allesamt aus der Sammlung von Joseph Hierling aus Tutzing, der seit Jahrzehnten Kunstwerke der verschollenen Generation sammelt.

Gretel Haas-Gerber gehörte etwa zu jenen Frauen, die ab 1926 an der Kunstakademie München studierten, die Ausstellung zeigt eine "Frau in Rot mit Hut" aus ebenjenem Jahr. Expressiv gegenständlich erinnert das Bild an den Verismus eines Otto Dix, der erbarmungslos Reiche, Arme, Halbwelt-Damen der Weimarer Republik portraitierte, etwa 1925, ganz in Rot, die Tänzerin Anita Berber. Mit der Welt der Tänzerinnen beschäftigt sich auch Lotte Lesehr-Schneider 1932 auf ihrem Gemälde "Else in Tanzpose" und lässt das Publikum der rot gewandeten Tänzerin gar in den Schritt schauen.

Else in Tanzpose, Lotte Lesehr-Schneider
"Else in Tanzpose", Lotte Lesehr-Schneider Bildrechte: Joseph Hierling

Wie malen Frauen Frauen?

Die Frage nach dem weiblichen Blick in der Kunst stellt sich: Wie malen Frauen Frauen? Mit mehr Verständnis oder genauso sexualisiert wie die Männer? Bis heute hält sich der Argwohn, es gebe keine weibliche Perspektive auf die Welt. Was die Münchner Malerin Karoline Wittmann mit ihren Stillleben aus den 60ern unbedingt dementiert. Sie zeigen, in großartiger, wenn später, Expressivität in der Schau eine "Brotschneidemaschine" oder eine "Brat-Ente" – Dinge aus dem Dunstkreis der Hausfrau; Carolin Niederalt betont: "Ein Stillleben mit Brat-Ente, bei dem man einerseits ihre Malweise und ihre Besonderheit, nämlich die rote Umrandung, sehen kann."

Stilleben mit Brotschneidemaschine, Karoline Wittmann
"Stilleben mit Brotschneidemaschine", Karoline Wittmann Bildrechte: Joseph Hierling

Malerinnen, die in der Öffentlichkeit nie auftauchten

Die Ausstellung holt auch Malerinnen ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zurück, die darin wahrscheinlich nie auftauchten. Etwa Lebenslauf und Werk der homosexuellen Jüdin Käthe Loewenthal, die in einem sogenannten "Transportghetto" bei Lublin im besetzten Polen starb. Die Sonderschau widmet der Malerin einen Schwerpunkt anlässlich der "Jüdischen Woche" in Leipzig. Loewenthal gehörte zu den sogenannten "Malweibern" auf Hiddensee und trug mit ihren Landschaftsbildern dazu bei, den Mythos der Insel Anfang des letzten Jahrhunderts zu formen. In ihren Bildern finde, laut Niederalt, die Liebe und Verbundenheit zur Landschaft besonders schönen Ausdruck.

Was ihr das Eiland nicht dankte, so warb der Badeort Vitte bereits Anfang der 20erJahre damit, "judenfrei" zu sein.

Schneelandschaft mit Kiefern, Käthe Loewenthal
"Schneelandschaft mit Kiefern", Käthe Loewenthal Bildrechte: Joseph Hierling

Informationen zur Ausstellung Sonderausstellung
"…und sie malten doch! Malerinnen des expressiven Realismus"
Mädler-Art-Forum Leipzig
Bis 13. November 2021

Die Öffnungszeiten sind Mittwoch bis Sonnabend von 14 bis 18 Uhr. Der Eintritt ist frei! Ein Besuch ist mit vorheriger Online-Anmeldung und tagesaktuellem, negativen Corona Testergebnis möglich.

Das "Mädler Art Forum" befindet sich in der Mädler-Passage in Leipzig, nur unweit von Auerbachs Keller, im 1. Stock. Der Aufgang nennt sich historisch "Treppe B".

Mehr Kunst von Frauen

Mehr zum Thema Kunst und Museen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 27. Mai 2021 | 17:40 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren