"Vor dem Verschwinden" Schulprojekt beleuchtet baubezogene Kunst der DDR

Wandbilder, Mosaike oder Skulpturen im Stile des realistischen Sozialismus: Heutige Teenager können meist nur wenig mit baubezogener Kunst aus DDR-Zeiten anfangen. Die Stiftung Ettersberg bietet eine Annäherung an, in Projektwochen setzen die Jugendlichen sich mit konkreten Kunstwerken vor Ort auseinander. Wie etwa Schülerinnen und Schüler einer 9. Klasse in Nordthüringen.

Schulprojekt "Vor dem Verschwinden"
Projektkoordinatorin Lisa Ströer mit den Schülerinnen Leah und Clara. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Die Regelschule Hainleite in Wolkramshausen: Ein recht freundlich wirkender Bau, gelb und orange gestrichen, straßenseitig ziert ein großes Wandbild das Gebäude. Don Quijote und Sancho Pansa sind darauf abgebildet, Jost Heyder, Absolvent der Leipziger Hochschule für Grafik und Buchkunst, malte sie 1986 auf die Fassade. Das Schlagwort "Sozialistischer Realismus" kommt einem hier nicht sofort in den Kopf, die beiden Gestalten wirken geradezu comicartig stilisiert.

Schulprojekt "Vor dem Verschwinden"
Das Wandbild ist fast 40 Jahre alt, mittlerweile weist es einige kleinere Schäden auf. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Seit fast 40 Jahren laufen Schülerinnen und Schüler an dem Wandbild vorbei, über die Entstehungsgeschichte wissen die meisten nichts: "Ich habe mir das Bild schon genauer angeschaut", erzählt Luca, der die 9. Klasse besucht, "aber ich wusste nicht, dass es aus der DDR stammt." Seine Mitschülerin Clara ergänzt, sie habe bislang immer vermutet, das Bild sei von Schülern gemalt worden. Lea hat das Bild bislang gar nicht näher wahrgenommen.

Staatskunst und Untergrundkunst

Schulprojekt "Vor dem Verschwinden"
Luca hat sich bislang nicht mit dem Thema DDR-Kunst beschäftigt - findet es aber sehr spannend. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Doch seit ein paar Tagen sind sie schlauer: Lisa Ströer, Koordinatorin des Projekts "Vor dem Verschwinden", hat eine ganze Woche organisiert, in dem sich die Jugendlichen konzentriert mit dem Wandbild im Speziellen und DDR-Kunst im Allgemeinen auseinandersetzen. "Wir unterhalten uns darüber, was eigentlich der Stil des sozialistischen Realismus war und in welchen Ausprägungen er sich über vier Jahrzehnte entwickelt hat. Wir besprechen auch, dass es früher Staatskunst gab, man nicht frei entscheiden durfte, welche Kunst im öffentlichen Raum ausgestellt wird", so Ströer. Ziel sei, dass Luca, Clara und die anderen künftig mit einem geschärften Blick durch ihre Umgebung laufen und wahrnehmen, welche Spuren der Geschichte ihnen im Alltag begegnen.

Theorie und Praxis

Schulprojekt "Vor dem Verschwinden"
Annett Schauß mit verschiedenen illustrierte Don Quijote-Ausgaben. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Die Jugendlichen tauchen ein in eine Zeit, die ihnen ziemlich fremd ist, über die sie auch nur sehr wenig wissen. Zu Beginn der Woche haben sie die Gedenkstätte Andreasstraße in Erfurt besucht und dort unter anderem historische Quellen analysiert. Doch bei der Theorie bleibt es nicht, vielmehr dient diese nur als Ausgangspunkt für eine eigene künstlerische Auseinandersetzung mit dem Wandbild.

Malerin Annett Schauß ist deswegen Teil des Projektteams. Sie hat einzelne Zitate aus dem Don-Quijote-Roman mitgebracht, jede Schülerin und jeder Schüler hat sich eines ausgesucht und davon inspirieren lassen: "Jeder hat das natürlich auf seine Weise gestaltet und gemacht und getan. Und so haben wir Schritt für Schritt an dem Text gearbeitet, zunächst mit Tusche und Feder, jetzt bei den Endwerken mit dem Pinsel."

Position beziehen zu DDR-Kunst

Schulprojekt "Vor dem Verschwinden"
Erste Tuschezeichungen zeigen, wie unterschiedlich die Jugendlichen an das Thema herangehen. Bildrechte: MDR/Mareike Wiemann

Die Endwerke werden auf große Tafeln aufgebracht, die Schauß vorher mit einer speziellen Grundierung behandelt hat, das Material fühlt sich nun leicht körnig an, eben ein bisschen so, wie eine echte Hauswand. Lisa Ströer hofft, dass die Jugendlichen nach der Projektwoche vielleicht noch weitere Kunst aus der DDR in ihrem Alltag entdecken: "Es sind im Grunde auch Schmuckelemente, die die Stadt schöner machen und Fassaden aufwerten. Die SchülerInnen sollen in dieser Woche eine eigene Position entwickeln zur Debatte, was in Zukunft mit den noch übrig gebliebenen DDR-Kunstwerken passieren soll."

Noch immer kommt es vor, dass baubezogene Kunst der DDR ohne genaueres Hinsehen als Propaganda abgestempelt wird, abgerissen oder übermalt wird, oder der Aufwand einer Sanierung als zu hoch angesehen wird. Das Projekt "Vor dem Verschwinden" schärft den Blick – bei den Verantwortlichen von Morgen.

Mehr Informationen zum Projekt "Vor dem Verschwinden - Spurensuche nach vergessener Kunst aus der DDR"

Ein Projekt der Stiftung Ettersberg

Ab Klasse 9; Schulen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen können teilnehmen.

Die entstandenen künstlerischen Arbeiten werden 2023 in einer Sonderausstellung in der Gedenk- und Bildungsstätte Andreasstraße gezeigt.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 12. September 2022 | 07:40 Uhr

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