Lebenszeichen aus dem Lockdown Schloss Wilhelmsburg bei Schmalkalden: Vom Museumsdirektor zum Videostar

Geschichte müsste anders vermittelt werden! Das wünschen sich manche Eltern, wenn die Kinder dem Lehrstoff so gar nichts abgewinnen können. Unkonventionell geht es mit Museumsdirektor Kai Lehmann auf Schloss Wilhelmsburg im thüringischen Schmalkalden rückwärts. Und das buchstäblich. Eigentlich wollte er nur ein Lebenszeichen aus dem ersten Lockdown senden. Inzwischen bietet er Geschichte live in Facebook-Clips, die eine kleine Fangemeinde haben. Von Pest bis Post.

Die Altstadt von Schmalkalden von oben
Bildrechte: dpa

"Ein neuer Tag auf Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden ..."  – So beginnen die meisten der kleinen Videos, in denen Direktor Kai Lehmann durch die Epochen führt. Unkonventionell für einen Schlossherrn tritt er auf in Jeans und Sneakers. Auch aufs Siezen verzichtet er, wenn er dynamisch in sein Thema einsteigt. 

Ihr habt euch sicherlich auch schon mal die Frage gestellt, warum in aller Welt in diesem wunderschönen, aber dennoch im infrastrukturellen Niemandsland gelegenen Nest Schmalkalden, warum gerade hier der politische Arm der Reformation begründet wurde?

Kai Lehmann Museumsdirektor

In fünf Minuten bietet er dann er dann Geschichte kompakt. Gefragt haben sich dann manche Nutzerinnen und Nutzer am Anfang, warum der Thüringer Museumsdirektor in seinen Videos eigentlich immer rückwärts läuft. Lehmann anwortete, nur so könne er via Smartphone möglichst viel von den Schönheiten der Gemächer und Gemäuer zeigen.

Geschichte live: In Kontakt bleiben mit Facebook-Clips

Kai Lehmann hat diese Form des Kontakt-Haltens mit seinen Gästen vor Monaten schätzen gelernt, wie er draußen im Hof des Thüringer Schlosses erzählt: "Eigentlich wollten wir diese Serie von Videoclips auf Facebook und Instagram nach dem ersten Lockdown wieder einstellen. Aber angesichts der Klickzahlen haben wir weiter gemacht und jetzt mittlerweile das 75 Videos online stehen."

Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden im Abendlicht
Das Schloss im Abendlicht Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Wer mit Kai Lehmann spricht, erlebt das Gegenteil von Tristesse angesichts der geschlossenen Museumstüren. An Ideen mangelt es ihm nicht: "Wir behandeln die unterschiedlichsten historischen Themen von der Pest über Hexen bis hin zu Post oder Sport. Mich hat sehr gefreut, dass der Erfolg messbar ist." Und das nicht nur digital, wie Kai Lehmann weiter ausführt. Im vergangenen Herbst kamen viele Besucherinnen und Besucher dann nach Schmalkalden ins Schloss, um sich die Historie in den hohen Räumen des Renaissanceschlosses "in echt" anzuschauen.

Fundstück: Des Scharfrichters Haushaltsbuch

Zwei Sonderausstellungen für zeitgenössische Kunst mussten abgesagt werden. Für Juni ist Kai Lehmann optimistisch. Bis dahin wird an einer großen Datenbank zur Hexenverfolgung weitergearbeitet.

Riesensaal mit verzierter Decke und Kronleuchtern im Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden
Riesensaal mit verzierter Decke und Kronleuchtern im Schloss Wilhelmsburg Bildrechte: MDR/Marco Prosch

Ein Fund aus dem Staatsarchiv Meiningen bescherte gleich das nächste Thema: "Dort schlummerte ein 350-seitiges Rechnungsbuch eines Menschen, der im 17./18. Jahrhundert gelebt hat. Ein Mann aus dem einfachen Volk, wie man so sagt, der jede Einnahme und jede Ausgabe festgehalten hat: Was es zu essen und zu trinken gab, aus welchen Stoffen und wie die Hochzeitskleider seiner Töchter gefertigt worden sind, was der Musikschulunterricht seines ältesten Sohnes gekostet hat – und das Interessante ist: Dieser Mann war Scharfrichter von Beruf." Eine Geschichte, aus der vielleicht mal eine Ausstellung wird. 

Projekt: West Wing

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Die Gartenanlage wurde 2015 zur Landesgartenschau wiederhergestellt. Bildrechte: Fotoclub Smalcalda

Zunächst hofft Kai Lehmann, dass er bestehende Konzepte für sein Haus umsetzen kann, dass die Mittel auch künftig ausreichen werden. Beispielsweise um den Westflügel so zu möblieren, wie er 1587 aussah. Eine Inventarliste verrät es. Und es wäre doch schade, wenn man die originale Möblierung nicht im Nachbau zeigen könnte, wie Kai Lehmann findet. Nicht allein, um sie stolz zu zeigen. Er will, "dass man mit diesen Möbeln arbeiten kann", sagt er:

Also bei uns heißt es nicht: 'Bitte nicht anfassen", sondern bei uns wird es bald heißen: 'Bitte alles anfassen, aufmachen und ausprobieren!'

Kai Lehmann Museumsdirektor

Bis dahin wird es noch manchen kleinen Film von der Wilhelmsburg innen wie außen geben, von einem der vermutlich ungewöhnlichsten Museumsdirektoren haben.

 

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 04. Mai 2021 | 06:15 Uhr

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