Dauerausstellung Nackt im Hygienemuseum: Dresden mit neuer Sex-Ausstellung

Die Sexualitätsabteilung gibt es schon lange im Dresdner Hygienemuseum. Jetzt wurde sie grundlegend modernisiert und zeigt die Vielfalt des Themas in allen Facetten, ohne falsche Tabus und, wenn es angebracht ist, mit aller Offenheit. Wolfram Nagel hat sich für MDR KULTUR umgesehen.

Blick in den Ausstellungsraum "Sexualitäten"
Drei Drag Kings spielen mit Geschlechterklischees Bildrechte: Olliver Killing

Das Deutsche Hygienemuseum in Dresden hat die lange Corona-Pause genutzt, um mit der Sexualitäts-Abteilung einen ganz zentralen Bestandteil der Dauerausstellung umzugestalten. Dieser war auf dem Stand vor 17 Jahren stehen geblieben. Jetzt heißt er "Sexualitäten – die Liebe, das Ich und die Vielfalt des Begehrens".

Außenaufnahme vom Deutschen Hygienemuseum, 2013
Das Deutsche Hygienemuseum Bildrechte: Oliver Killig

So gibt es in der ersten Abteilung unter dem Motto "Ich und du und ihr und wir" drei überlebensgroße Bildtafeln zu sehen, darauf junge Frauen – oder Männer? Man sieht angedeutete Bärtchen, offenes Hemd, Hand im Hosenbund und einen herausfordernden Blick – androgyn, verwirrend. Mitkuratorin Carola Rupprecht hebt hervor "Verwirrtsein ist genau das, was wir erzeugen wollen." Die drei dargestellten Drag Kings – also Frauen, die sich als Männer inszenieren – übertreiben bestimmte Eigenschaften sehr, die als männlich gelten, sagt sie und spitzt zu, dass Geschlecht etwas sei, was man tut.

Man sieht daran, dass diese Zuschreibung, was als männlich und weiblich gilt eben doch einfach sozial konstruiert wird – natürlich neben dem biologischen Geschlecht.

Carola Rupprecht, Mitkuratorin

Beeindruckend in der Schau ist auch die Vitrine mit dem ABC der sexuellen Anziehungskräfte, von A wie Ähnlichkeit bis Z wie Zufall. Kuratorin Rupprecht erwähnt dabei den klassischen Duftflacon, da "natürlich Gerüche eine wichtige Rolle spielen", ein Diamantring oder ein Buch verweisen wiederum auf Klugheit, Eloquenz oder schlicht darauf, wieviel Geld jemand hat.

Modelle von Genitalien

Blick in den Ausstellungsraum "Sexualitäten"
Es gibt verschiedene Bereiche und Darstellungsformen in der Ausstellung Bildrechte: Olliver Killing

Eine Vitrine gegenüber zeigt historische Modelle weiblicher und männlicher Genitalien. Bevor in den 1920er-Jahren Sexualaufklärung langsam zum Bildungsstandard wurde, durften Geschlechtsorgane nur gezeigt werden, wenn es dafür gesundheitspolitische Gründe gab. Das waren laut Susanne Roeßiger, der Leiterin der Sammlungsabteilung des Museums "bei den weiblichen Geschlechtsorganen natürlich Fortpflanzung – es wurden Modelle gezeigt mit einer geöffneten Gebärmutter, wo man kleine Embryonen drin sah. Oder männliche Geschlechtsorgane, die dann im Zusammenhang mit verschiedenen Krankheiten, oft Geschlechtskrankheiten, in Verbindung gebracht wurden."

Heute ist es völlig normal, körperliche Liebe in all ihren Diversitäten darzustellen. Ein aktuelles Model zeigt einen ganzen Kranz weiblicher und männlicher Geschlechtsorgane. Die sind so unterschiedlich wie Fingerabdrücke:

Also die Organe sehen anders aus, die Penisse sind anders. Sie sind groß sind klein, das sind unterschiedliche Dinge. Und das wollen wir zeigen in unserer sexualpädagogischen Arbeit. Und deshalb wird da jetzt oft mit Modellen gearbeitet, die das Individuelle zum Ausdruck bringen – und die darüber hinaus auch noch farbig gestaltet sind.

Susanne Roeßiger, Hygienemuseum Dresden

Zum Schatz des Hauses an historischen und modernen Modellen gehört auch die Plakatsammlung zum Thema AIDS-Aufklärung. Eine ganze Plakatwand macht sichtbar, wie schon in den 80er-Jahren offen über Kondome und Homosexualität gesprochen wurde. So findet sich auf einem Plakat die Botschaft "Wie auch immer, aber schütze dich und schütze deinen Partner, deine Partnerin."

Blick in den Ausstellungsraum "Sexualitäten"
Eine Auswahl der AIDS-Plakate Bildrechte: Olliver Killing

Feier der Weiblichkeit

Unter dem Titel "Let‘s talk about Sex – vom Wissen und Wünschen" sollen vor allem Jugendliche erkunden, was es mit den vielen Begriffen auf sich hat: Polyamorie, Pansex, Metoo, Orgasmus, Selbstbefriedigung, Queere Liebe …

Dazu feiert die US-amerikanischen Musikerin Janelle Monae im Video "Pynk" die Schöpfung, zusammen mit anderen jungen Tänzerinnen in vulvaförmig pinken Hosen. Das bringt Leben in die ansonsten sehr didaktische Ausstellung. Eine Feier der Weiblichkeit und der Lebensfreude – und es sei auch schön, sich da mal den Text anzuhören, kommentiert Rupprecht das Video.

Blick in den Ausstellungsraum "Sexualitäten"
Videopräsentation in der Ausstellung Bildrechte: Olliver Killing

Die letzte Abteilung der Begehrlichkeiten zeigt ein ganzes Arsenal von Sexspielzeugen, von denen die ersten noch wie Bohrmaschinen aussehen. Tabus gibt es auch da keine mehr, zumindest nicht im Deutschen Hygienemuseum Dresden.

Besuch im Museum Seit dem 21. Mai ist das Museum bis auf Weiteres geöffnet.

Öffnungszeiten
Freitag bis Sonntag (und Pfingstmontag): 10 bis 17 Uhr
Dienstag bis Donnerstag: geschlossen

Für den Besuch wird benötigt:
• Nachweis über einen negativen SARS-Cov-2-Test. Der Test darf nicht älter als 24 Stunden sein. Selbsttests werden nicht akzeptiert.
• ein Online-Zeitfensterticket, zu buchen auf der Webseite des Museums
• eine FFP2- oder medizinische Maske

Beim Besuch des Museums erfolgt eine Datenerfassung zur infektionsschutzrechtlichen Kontaktnachverfolgung.

Museen in Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Mai 2021 | 07:40 Uhr

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