Hohe Arbeitsbelastung, fragwürdige Kontrollmechanismen Dicke Luft auf Schloss Friedenstein: Direktor Pfeifer-Helke in der Kritik

Die Stiftung Schloss Friedenstein in Gotha profitiert wie keine zweite Kulturinstitution in Thüringen derzeit von millionenschweren Projektgeldern: 28 Millionen Euro überweisen Bund und Freistaat über acht Jahre für Digitalisierung, 17,5 Millionen in den kommenden fünf Jahren für Museumspädagogik und Marketing. Trotz der sehr guten finanziellen Situation ist die Stimmung im Keller. Mitarbeitende werfen Direktor Tobias Pfeifer-Helke unstrukturiertes Vorgehen und mangelnde Wertschätzung vor – einige haben bereits gekündigt.

Tobias Pfeifer-Helke
Seit Februar 2019 leitet Tobias Pfeifer-Helke die Stiftung Schloss Friedenstein. Zuvor war er Kustode am Staatlichen Museum Schwerin. Bildrechte: dpa

Rückblick: Gotha, 21. Oktober 2021. Die Stiftung Schloss Friedenstein hat zum Pressetermin eingeladen. Endlich sollen die restaurierten Bilder aus dem Kunstdiebstahl von 1979 der Öffentlichkeit in einer Sonderschau präsentiert werden, ein wichtiger Termin. Zumal Sammlungsdirektor Timo Trümper auch eine kleine Sensation zu vermelden hat. Bei der kunsthistorischen Untersuchung habe sich der Verdacht ergeben, so Trümper, dass eines der Gemälde eventuell aus der Rembrandt-Werkstatt stamme.

Trümper will ausführen, welche Bilddetails ihn und einige Kollegen zu diesem Verdacht veranlasst haben, aber er kommt nicht weit. Immer wieder wird er von seinem Vorgesetzten Tobias Pfeifer-Helke unterbrochen, dieser möchte das Thema wechseln, die Rembrandt-Option unter den Teppich kehren, immer wieder stellt er vor der versammelten Presse die Erkenntnisse Trümpers in Frage. Wieso er das macht, erklärt er bei diesem Termin nicht.

Stefan Simon (l-r), Direktor des Rathgen-Forschungslabors, Friederike Gräfin von Brühl, Rechtsanwältin der Stiftung Schloss Friedenstein, Knut Kreuch, Oberbürgermeister von Gotha (Thüringen) und stellvertretender Stiftungsratsvorsitzender der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung, und Tobias Pfeifer-Helke, Stiftungsdirektor der Stiftung Schloss Friedenstein Gotha, stehen bei einer Pressekonferenz zur Rückführung von fünf gestohlenen Gemälden in die Stiftung vor den wieder aufgetauchten Gemälden.
Tobias Pfeifer-Helke (rechts) bei der Rückkehr der Kunstraub-Bilder im Januar 2020. Bildrechte: dpa

Es knirscht zwischen Chef und Mitarbeitenden

Es knirscht vernehmlich zwischen Pfeifer-Helke und Trümper an diesem Tag. Das sei typisches Verhalten des Chefs, berichten einige Mitarbeitende MDR KULTUR. Sie wollen aufgrund des Abhängigkeitsverhältnisses anonym bleiben. Pfeifer-Helke stelle immer wieder die Kompetenz der Beschäftigen infrage. Er zeige keine Wertschätzung für gute Arbeit, sage etwa nicht einmal danke, wenn eine über viele Jahre geplante Sonderausstellung endlich eröffnet werden könne. Sie klagen über eine enorme Arbeitslast und ein völlig unstrukturiertes Vorgehen des Direktors: "Er hat uns etwa bis heute keinen Masterplan präsentiert, in dem er skizziert, wohin er will mit der Stiftung. Dabei ist es üblich, solch ein Dokument ein paar Monate nach Amtsantritt vorzulegen."

Die schlechte Stimmung ist in Gotha mittlerweile kein Geheimnis mehr, Personen aus dem Stiftungsumfeld bestätigen die Vorwürfe. Und auch in der Thüringer Museumswelt reagiert der ein oder andere, darauf angesprochen, alles andere als überrascht.

Viel Arbeit, wenig Personal

Mittlerweile hat der Frust konkrete Folgen: Drei wichtige Mitarbeiterinnen haben in den vergangenen Wochen gekündigt, andere schreiben Bewerbungen. In der Stiftung, deren Stellenliste laut Website ohnehin schon einige Vakanzen aufweist, reißt das empfindliche Lücken.

Beispielweise beim Sonderprojekt "Gotha transdigital", einem Modellprojekt, mit dem beispielhaft gezeigt werden soll, wie Museen bei der Digitalisierung vorgehen können. 28 Millionen Euro lassen sich Bund und Freistaat das kosten, 17 Stellen wurden laut Stellenplan dafür bereitgestellt. Doch zum 1. November wird das Projekt ohne Leitung sein, das Controlling ist bereits vakant. Können Projektgelder da noch verantwortungsvoll verwaltet werden?

Schloss Friedenstein in Gotha Thüringen
Schloss Friedenstein beherbergt mehrere Museen und Einrichtungen. Bildrechte: IMAGO / Val Thoermer

Bereits jetzt gibt es Hinweise, dass "Gotha transdigital" nicht so läuft, wie es soll. So lässt etwa ein wichtiger Baustein, eine "Virtuelle Wunderkammer", auf sich warten. Bei dem Projekt, das gemeinsam mit der Thüringer Universitäts- und Landesbibliothek realisiert wird, soll man virtuelle Sammlungsobjekte aus einem virtuellen Wunderkammerschrank herausnehmen und wieder hineinlegen können. Bei der Jahrespressekonferenz im Winter wurde die Wunderkammer für April 2022 angekündigt, doch nach wie vor ist sie nicht online. Es gebe noch diverse offene Fragen, etwa zur Präsentation des virtuellen Projekts innerhalb der eigenen Ausstellung vor Ort, so ein Stiftungssprecher. Aktuell sei der Veröffentlichungstermin wieder völlig offen, das könne sich noch hinziehen.

Und auch eine dringend benötigte neue Stiftungswebsite, die schon seit langem im Gespräch ist, lässt nach wie vor auf sich warten. Das Website-Projekt sei sehr komplex, eine Veröffentlichung werde wohl noch mehrere Jahre dauern, so der Sprecher. Weil man aber mit der jetzigen Situation sehr unzufrieden sei, werde man für den Übergang eine provisorische Themenseite zusammenstellen, die Anfang kommenden Jahres online gehen solle.

Von der Social-Media-Referentin zur Pressesprecherin

Auch wird sowohl innerhalb, als auch außerhalb der Stiftung der Verdacht geäußert, dass Projektgelder zweckentfremdet werden. So wurde etwa für das Digitalisierungsprojekt eine Referentin für Neue Medien eingestellt, die nach außen hin als reguläre Pressesprecherin agiert. Ebenfalls für das Digitalisierungsprojekt wurde eine Provenienzforscherin angestellt, die klassische Arbeit leistet, etwa zu Sowjet-Beutekunst recherchiert, auf den ersten Blick also nichts mit Digitalisierungsthemen zu tun hat.

Geht da alles mit rechten Dingen zu? Für Tobias Pfeifer-Helke auf jeden Fall. Der Stiftungsdirektor sagte MDR KULTUR, zur Thematik Provenienzforschung habe es vor dem Angriff auf die Ukraine die Idee gegeben, gemeinsam mit der Eremitage in St. Petersburg virtuelle Ausstellungen zu gestalten – da man die Beutekunst-Objekte aus der Gothaer Sammlung, die sich heute noch in Russland befänden, ja nicht physisch zurück nach Deutschland holen könne. Eine Erklärung, die viel Spielraum lässt, aber gleichzeitig Anknüpfungspunkte erkennbar macht.

Etwas anders ist die Sache bei der Pressesprecherin. Auf die Kollegin angesprochen betont Pfeifer-Helke, dass sie nur dann für die Stiftung spreche, wenn die reguläre Pressesprecherin abwesend sei: "Das ist eine Vertretung. Mehr ist das nicht."

Eine überaus seltsame Erklärung, denn im Stellenplan der Stiftung steht von dieser Abstufung nichts. Auch in E-Mail-Signaturen ist von einer "stellvertretenden Pressesprecherin" keine Rede. Und am 2. März hieß es sogar offiziell in einer Presseerklärung der Stiftung, dass die zwei Frauen nun "gemeinsam die Funktion der Pressesprecherin" übernähmen. Auch dieser Widerspruch sorgt in der Belegschaft für Kritik: "Er biegt sich die Dinge so zurecht, wie sie ihm passen."

Pfeifer-Helke: Wir befinden uns in einem Transformationsprozess

Außen – Der Ostturm von Schloss Friedenstein in Gotha musste im Mai 2020 gesperrt werden. Grund waren statische Probleme aufgrund der Bücherlast im Turm. Dort befindet sich das Herzstück der Forschungsbibliothek Gotha der Universität Erfurt. 300.000 Bände auf 3 Etagen.   Gestänge im Kasten – Damit die Stahlumgurtung auch später eingesehen werden kann, wurde ein „Türchen“ eingebaut. Die Stahlumgurtungen wurden dann zusätzlich mit Beton ummantelt. Außerdem wurden die Fundamente der Pfeiler gesichert. So können die Lasen, die aus den oberen Stockwerken auf den Pfeilern lasten wieder zuverlässig in den Boden abgeleitet werden.   Stangen längs am Pfeiler - Stahlumgurtung an den Sandsteinpfeilern. Sie „umschlingen“ die 3 freistehenden und die 3 Mauerpfeiler aus Sandstein, damit sie nicht auseinanderdriften können.  Kasten an der Decke – Die Arbeiten im Keller des Ostturmes waren für alle Beteiligten nicht ungefährlich. Die Last führte zu Rissen an den Pfeilern und an den Gewölbedecken. Ein Einsturz konnte nicht ausgeschlossen werden. Zur Sicherheit für alle Arbeitenden wurden Rissmessungen installiert. Messgeräte wurden an den Rissen angebracht. Wenn die Risse sich weiter öffnen, ertönt ein Signal. Dann müssen alle den Keller verlassen.  Alarmleuchte – Während der Bauarbeiten im Keller ertönte einige Male das Notsignal zum Verlassen des Tunnels. Eine Sicherheitsmaßnahme. Alarm habe es einige Male gegeben, eine Gefahr für Leib und Leben bestand aber nie, so die Bauleitung. Das System reagiere auf kleinste Veränderungen. Sicherheit gehe schließlich vor.  Büchersaal – Historischer Lesesaal im Schloß Friedenstein im Ostturm – Hier stehen nur wenige Bücher des 300.000 Bände starken Bestandes. Dieser Saal muss nicht umziehen während der Sanierungsarbeiten.   Löcher in der Decke – Die Sanierungsprojektierung hinterlässt bereits Spuren in den oberen Stockwerken des Ostturmes. Die Notsicherung ist abgeschlossen. Nun wird die Sanierung weiter geplant. Bevor es losgehen kann, müssen noch 4,5 Kilometer Bücherreihen ausgelagert werden.  Büchergang/ Bücherwand mit Sandsteintür – Die linke Wand wurde nachträglich im 17. Jahrhundert eingezogen. Sie entsprach schon damals nicht den baustatischen Anforderungen. Sie lagert nicht exakt auf den Sandsteinpfeilern im Keller. Dadurch sorgt auch ihre Last mit samt den Büchern an der Wand über die 3 Etagen für Risse im Keller, weil die Lasten nicht exakt abgeleitet werden können.    Wetransfer von der Stiftung:   Die Arbeiten im Keller des Ostturmes waren für alle Beteiligten nicht ungefährlich. Deshalb wurde ein Fluchttunnel gebaut, bevor es losging mit den Bauarbeiten. In diesen konnten sich die Arbeiter retten. Sobald ein Riss sich vergrößerte während der Arbeiten wurde über ein Rissmessgerät ein Signal an eine Alarmanlage gesandt. Es ertönte ein Hupton und ein visuelles Signal.
Schloss Friedenstein ist eine Dauerbaustelle – in den kommenden Jahren wird es unter Federführung der Thüringer Schlösserstiftung Stück für Stück saniert. Bildrechte: Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten, Lutz Ebhardt

Der Direktor hat indes vom großen Unmut im eigenen Haus noch nichts mitbekommen, wie er im Interview sagt. Die Stiftung befinde sich in einem Transformationsprozess, der große Herausforderungen mit sich bringe. Man sei ohnehin, wie alle Museen, wegen der Corona-Pandemie und den steigenden Energiekosten im Krisen-Modus. Das alles werde aber kommunikativ begleitet, etwa über Betriebsratsgespräche: "Wir müssen lernen, mit der Krise umzugehen. Und das machen wir hier auf dem Friedenstein vorbildlich, meiner Meinung nach."

Die Kündigungen der vergangenen Wochen sieht Pfeifer-Helke als normale Fluktuation an. Es sei absolut üblich, dass Beschäftigte in der Museumswelt immer mal von Haus zu Haus wechselten. Auf diese Weise sammele man Erfahrungen. Natürlich sei es ein Verlust, wenn langjährige Mitarbeitende sich verabschiedeten, das gehöre aber zu so einem großen Haus dazu. Man führe im Gegenzug dazu permanent Einstellungsgespräche für die Drittmittelprojekte.

Wer kontrolliert den Direktor?

Eigens für die Drittmittelprojekte gibt es in der Stiftung nun eine eigene Projektmanagerin, die auf der Stiftungswebsite als Teil des Vorstands ausgewiesen wird. Die studierte Kunsthistorikerin wurde während der Amtszeit von Pfeifer-Helke in diese Position gebracht, außerdem wurde sie zur stellvertretenden Leiterin des Controllings befördert. Damit steht sie laut Stellenplan an der 3. Stelle in der Hierarchie der Stiftungsleitung. Ist die eigentliche Controllerin krank, muss sie ans Ruder. Pikant an der Sache: Die Projektmanagerin ist privat mit Pfeifer-Helke liiert. Auch das sorgt in der Belegschaft für Unmut und die Frage, ob mit dieser Personalkonstellation eine ordentliche Kontrolle des Direktors innerhalb der Stiftung gewährleistet werden kann. Ohnehin sei die Beziehung der beiden nie offen kommuniziert worden.

Der Stiftungsrat, in dem Abgesandte der beiden Geldgeber Stadt Gotha und Freistaat Thüringen sitzen, verlangt hierzu nun eine Reaktion von Pfeifer-Helke: "Der Stiftungsvorstand ist vom Stiftungsrat aufgefordert worden, sich zu seiner persönlichen Situation zu erklären", schreibt Gothas Oberbürgermeister Knut Kreuch, der derzeitige Stiftungsratsvorsitzende, in einem Statement an MDR KULTUR.

Pfeifer-Helke wiederum sagt, er habe sowohl den Stiftungsrat, als auch die Belegschaft über die Beziehung in Kenntnis gesetzt. Er sehe hier ohnehin kein Problem, "wir trennen das Fachliche und das Persönliche strikt".

Stiftungsrat: Keine Kritik am Führungsstil

Auf die anderen Vorwürfe gegenüber Pfeifer-Helke will Stiftungsratsvorsitzender Kreuch dagegen nicht eingehen. Zum Verdacht, dass Projektgelder zweckentfremdet werden, äußere er sich nicht, so Kreuch. Und auch das Verhalten des Direktors will er nicht bewerten. Vielmehr gleicht Kreuchs Erklärungsansatz für die schlechte Stimmung dem Pfeifer-Helkes. Die Grundsituation auf dem Friedenstein an sich sei schwierig: "Die Arbeitsbelastung (...) ist sehr hoch, weil enorme Projekte angestoßen worden sind, weil zusätzliche Förderungen eingeworben werden konnten, weil neue Arbeitsplätze geschaffen werden konnten, aber die Infrastruktur aus finanziellen Gründen nicht erweitert werden konnte."

Sagen will Kreuch übrigens auch nichts dazu, wie lange die Amtszeit von Pfeifer-Helke noch währt. Während an vergleichbaren Institutionen wie der Klassik Stiftung oder dem Lindenau-Museum transparent mit diesen Angaben umgegangen wird, bleibt es in Gotha ein großes Geheimnis. Der Chef habe einen ungewöhnlich langen Vertrag über acht Jahre, so munkelt man auf dem Friedenstein. Und hofft, dass sich dieses Gerücht am Ende nicht bewahrheitet.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. September 2022 | 08:40 Uhr

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