Ausstellung "Tu BiShvat" - Fest der Bäume in den Kunstsammlungen Chemnitz

Während die kriegerischen Auseinandersetzungen um Israel kulminierten, haben die Kunstsammlungen Chemnitz eine Ausstellung eröffnet, die dem einstigen jüdischen Leben in Chemnitz, der jüdischen Kunstsammler gedenkt, die im 19. Jahrhundert bis weit in die 1920er-Jahre hinein das Kunstverständnis in der Stadt prägten. "Tu BiShvat" heißt die Schau, die sich mit ihrem Titel auf das jüdische Neujahrsfest der Bäume bezieht. Das ist Hebräisch und bezeichnet den "15. Tag im (jüdischen Monat) Schwat".

Logo MDR 4 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

MDR KULTUR - Das Radio Mo 17.05.2021 06:15Uhr 04:22 min

https://www.mdr.de/kultur/ausstellungen/audio-1739644.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Audio

Ein wichtiges Gemälde holen die Kunstsammlungen Chemnitz per vergrößertem Foto in ihre neue Ausstellung hinein. Es wurde 1921 von Lovis Corinth gemalt und zeigt "Die (Chemnitzer) Kunstfreunde Erich Goeritz und David Leder". Aus dem Bild lässt sich Einiges ablesen. Etwa, dass der Chemnitzer Jude Erich Goeritz, bis 1933 einer der bedeutendsten Kunstsammler Deutschlands, da wichtigster Produzent für Damenunterwäsche, mit David Leder befreundet war. Dessen Sohn, Rudolf Leder alias Stephan Hermlin war ebenfalls Jude und Kunstsammler in Chemnitz. Mit dem Handel von Textilrohstoffen brachte es David Leder zu Wohlstand. Beide Sammler schätzten Maler wie Max Liebermann oder Lovis Corinth, letzterer malte sie denn auch.

Heute ist das Bild ein Zeichen für die einst prosperierende jüdische Gemeinde von Kunstfreunden in Chemnitz, erklärt Karoline Schmidt, Kuratorin der Ausstellung "Tu Bishvat": "Man traf sich nicht nur im Haus, sondern man traf sich eben auch in den Kunstsammlungen, damals in der Städtischen Kunstsammlung und in der Kunsthütte, man schenkte Bilder, man gab Leihgaben."

Wir feiern dieses Jahr zwei Jubiläen. Einmal '1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland' und hier in Chemnitz '30 Jahre Tage der jüdischen Kultur'.

Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz

Aus Chemnitz geflüchtet

Als die Verfolgung durch die Nazis unerträglich wurde, gelang Goeritz und Leder die Flucht ins Londoner Exil. Corinths Gemälde gehört, bezeichnend für die Wirren nach 1933, heute nicht den Kunstsammlungen Chemnitz, sondern dem deutschen Staat. Den jüdischen Kunstsammlern von Chemnitz gedenkt indessen die neue Ausstellung "Tu BiShvat“. Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz, betont: "Wir feiern dieses Jahr zwei Jubiläen. Einmal '1.700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland' und hier in Chemnitz '30 Jahre Tage der jüdischen Kultur'.

Jüdische Sammler spielen nicht nur als Unternehmer für die Stadt eine wichtige Rolle, sondern eben auch für die Kunstsammlungen. Es ist eine wichtige Erinnerung, zu sagen: Diese Personen haben uns unterstützt, und ihrer wollen wir gedenken.

Besonderheiten der Chemnitzer Sammlungen

Es sind Namen wie Hugo Max Oppenheim, Felix Frank oder Arthur Weiner, die die kleine Sonderschau wiederbelebt, mit jenen Bildern, die die Aktion "Entartete Kunst" übrigließ, aus den Schenkungen vor 1933. So besitzen die Kunstsammlungen heute durchaus einige Liebermanns, Corinths, Barlachs – vor allem Zeichnungen – ein wildes, impressionistisches "Kaffeehaus" in Öl von Georges Mosson, Grafiken und eine herzallerbliebste Pinguin-Plastik des Tierbildners August Gaul, sowie über 1.100 Lithografien des berühmten Karikaturisten Honoré Daumier. Ein Schatz, betont Kuratorin Karoline Schmidt. "Diese Sammlung ist bis heute, außerhalb Frankreichs, das größte Konvolut, und ist daher auch eine Besonderheit in den Kunstsammlungen Chemnitz."

Fragen der Provenienz

Das eingangs erwähnte Foto zeigt übrigens weiter die mit Kunstsinn ausgestatte Berliner Wohnung des Sammlers Goeritz, fotografiert 1922 für das Magazin "Die Dame". In der Bildstrecke lässt sich auch ein Portrait des Chemnitzer Malers Gustav Schaffer von Goeritz finden. In der Ausstellung wiederum hängt ganz real ein Portrait Schaffers von Goeritz‘ Freund Leder. Es erzählt eine der vielen, weniger geradlinigen Geschichten im Zuge der NS-Zeit: Schaffer war auch Mitglied der NSDAP. So wurde das Bild während der Nazizeit im Chemnitzer Depot "vergessen", galt nicht als "entartet".

"Das war der Grund, warum es während des Nationalsozialismus‘ nicht in Ausstellungen gezeigt wurde, weil eben mit dem Namen auf dem Rahmen, 'David Leder' deutlich wurde, dass es einen jüdischen Sammler zeigt", erklärt Karoline Schmidt.

Die Beurkundung der Leihgabe oder auch der Schenkung des Bildes ging wiederum verloren, weshalb hier noch zur Provenienz des Bildes geforscht wird. Eine interessante Schau in den Kunstsammlungen, die sich nicht auf die verbliebenen Schenkungen oder auch Leihgaben jüdischer Sammler beschränkt, sondern die sie mit zeitgenössischen Positionen jüdischer Künstler und Künstlerinnen konterkariert. So etwa mit einer Installation der in Halle an der Saale lebenden Michal Fuchs, die mittels eines Aquariums demonstriert, wie die Mexikanische Dreimasterblume ohne Erde Wurzeln bildet – eine Metapher auf das jüdische Volk.

Mehr Informationen zur Ausstellung Die Ausstellung "Tu BiShvat – Fest der Bäume" in den Kunstsammlungen Chemnitz läuft bis zum 29. August 2021.
Bei entsprechenden Inzidenzzahlen in Chemnitz wird die Ausstellung auch besucht werden können.

Mehr zu jüdischer Kunst in Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Mai 2021 | 06:15 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren