MDR Nezzwerk-Buch Nachhaltigkeit, Barrierefreiheit, Digitalisierung: Museen und ihre Zukunftsvisionen

Das Kulturnetzwerk des MDR hat in Corona-Zeiten seine Kraft bewiesen. Nicht nur die Solidarität zwischen Publikum und Kulturort, sondern auch zwischen den Institutionen untereinander ist während der Pandemie um ein Vielfaches gewachsen. Zeit für einen Blick nach vorn: Knapp 100 Kulturpartner, darunter rund 20 Museen, haben im MDR Nezzwerk-Buch ihre Visionen und Utopien für eine ideale Welt geteilt. Was davon lässt sich in die Tat umsetzen?

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Von kleineren Häusern wie Brehms Welt im thüringischen Renthendorf bis hin zum Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle – das Kulturnetzwerk des MDR umfasst rund 20 Museen. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Ein nachhaltiges und inklusiv arbeitendes, barrierefreies Museum, national wie international vernetzt, mit kostenlosen Ausstellungen, die nur Exponate zeigen, deren frühere Besitzverhältnisse hinreichend erforscht wurden und aus deren Betrachtung jeder Mensch, unabhängig vom individuellen Bildungsgrad, einen Mehrwert ziehen kann – so oder so ähnlich könnte ein Museum in einer idealen Welt aussehen. Ob es sich dabei um realisierbare Visionen handelt, ist schwer abzuschätzen – besonders in einer Zeit, in der allein die Erinnerung an einen spontanen Museumsbesuch ohne Voranmeldung, Mundschutz und Infektionsrisiko aus einer anderen Zeit scheint.

Drei menschen arbeitren an einem Projekt. 6 min
Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Inklusion und Barrierefreiheit

"Das Museum als selbstverständlicher Teil des städtischen Lebens, inklusiv in jeder Hinsicht und ohne jedwede Schwelle, die erst überwunden werden muss" – die von Thomas Bauer-Friedrich, Direktor des Kunstmuseums Moritzburg Halle (Saale), formulierte Utopie eines idealen Museums offenbart die zum Teil gravierenden Missstände in der Museumslandschaft der Gegenwart: Vielerorts mangelt es noch immer an innovativen Lösungen für einen inklusiven und barrierefreien Museumsbesuch, sodass die kulturelle Teilhabe für manche Menschen schlichtweg nicht gegeben ist.

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Visionen und Utopien des smac – nachzulesen im MDR Nezzwerk-Buch. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Aus diesem Grund strebt auch Sabine Wolfram vom Staatlichen Museum für Archäologie Chemnitz (smac) in Zukunft die vollständige analoge und digitale Barrierefreiheit im smac an. Zudem setzt die Direktorin verstärkt auf Kooperationen, unter anderem mit dem Verein "Tage der jüdischen Kultur e.V." und der "AG Friedenstag". Dabei soll insbesondere das junge Publikum für Museumsbesuche begeistert werden, erklärt Sabine Wolfram weiter: "Das smac soll als außerschulischer Lernort sowie als Freizeitstätte attraktiver gemacht werden und jungen Menschen aller Bevölkerungsschichten die kulturelle Teilhabe ermöglichen."

Ein weiterer wichtiger Punkt für eine inklusive Öffnung der Museumsinhalte sei auch die Umsetzung "einfacher Sprache", sagt Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut. Auch hier wird tatkräftig an der Verwirklichung der Vision eines weltoffenen und toleranten Museums gearbeitet: Neben der Auseinandersetzung mit dem kolonialen Erbe, sei für Meijer-van Mensch in einer idealen Welt auch eine "nachhaltige Vernetzung mit unterschiedlichen Herkunftsgemeinschaften" unverzichtbar.

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen
Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Staatlichen Ethnographischen Sammlungen Sachsen Bildrechte: MDR/Hanna Romanowsky

Ein weltoffenes, tolerantes Museum empfängt seine Gäste mit barrierefreien Zugängen und unter Berücksichtigung der aktuellen Richtlinien für Inklusion.

Léontine Meijer-van Mensch, Direktorin der Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut

Zunehmende Vernetzung und Digitalisierung

Auch Frédéric Bußmann, Generaldirektor der Kunstsammlungen Chemnitz, will in Zukunft auf ein kooperatives Auftreten in der Stadt setzen. Seine Vision steht daher ganz im Zeichen der kulturellen Vernetzung: "Wie wäre ein kulinarisches Begleitangebot in einem Restaurant, das vom Museum ebenso betrieben wird, wie von den angrenzenden Theatern Chemnitz – und eine gute ICE-Verbindung von Chemnitz zum Rest der Welt?"

Die Vernetzung der Welt geht für die Arbeit im Museum zumeist mit der voranschreitenden digitalen Vermittlung der Inhalte einher. Deshalb will auch das Kulturhistorische Museum Magdeburg in Zukunft verstärkt an seiner digitalen Infrastruktur arbeiten, so Heinrich Natho: "Die digitale Erfassung und Präsentation von Sammlungsbeständen, virtuelle Inhalte in Ausstellungen und Ausstellungen in virtuellen Räumen und Kommunikationsformen, die neue Formen des Austauschs ermöglichen, wären das Ziel."

Nachhaltiger Museumsbetrieb im Einklang mit der Natur

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In einer idealen Welt würden die Vereinigten Domstifter Kunstschätze zurück erwerben. Bildrechte: Mitteldeutscher Rundfunk

Viele Visionen eines idealen Museums kreisen um den Gedanken der Nachhaltigkeit. Die Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg und des Kollegiatstifts Zeitz besitzen gar museumseigene Ackerflächen, auf denen nachhaltige ökologische Landwirtschaft betrieben wird. Auch die Vision des Direktors des Senckenberg Museums in Görlitz, Willi Xylander, steht im Einklang mit der Natur, deren Potentiale es zu nutzen gelte, jedoch "ohne sie nachhaltig zu beinträchtigen". Eine Utopie, die Xylander zufolge, vor allem die Bereitschaft zur persönlichen Einschränkung und zum Verzicht erfordere.

Die Visionen von Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens Museen drehen sich weder um den Ankauf herausragender Kunstwerke und seltener Exponate, noch um das Anlandziehen großer Werbebudgets. Die großen und kleinen Häuser werden von einer Vision geeint, die zunächst simpel erscheinen mag und doch eine konstante Herausforderung bleibt: Die Museen zu jenen zu bringen, die nicht ins Museum kommen können. Oder, wie es Jochen Birkenmeier von der Stiftung Lutherhaus Eisenach formuliert: der Wunsch nach "dem allgemeinen Durchbruch der Einsicht, dass Museen alles andere als langweilig sind."

S. 5: Museen im MDR Nezzwerk-Buch
Rund 20 Museen blicken im MDR Nezzwerk-Buch in die Zukunft. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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