"Animate" in der KET-Halle Selbstversuch beim Kunstfest Weimar: Mit VR-Brille dem Klimawandel begegnen

Tanz, Schauspiel, Oper – all das bietet derzeit das Kunstfest Weimar. Aus dem klassischen Rahmen fällt "Animate", eine immersive Performance. Wer darauf einsteigt, folgt einer Expedition und erlebt eine Climate-Fiction-Story, Klimawandel und Steinschlag inklusive. Inszeniert hat sie der kanadische Computerkünstler Chris Salter, der betont: Dank neuester Pass-Through-Video-Technik habe er mehr als ein Stück Virtual Reality geschaffen. "Animate" ist bis zum 4. September 2022 in der KET-Halle zu erleben. Ein Selbstversuch.

Augmented Reality Parcours "Animate"
Mittels VR-Brille und neuester Technik führt der Augmented Reality Parcours "Animate" in eine Welt, die unter den Folgen der Klimakatastrophe zu leiden hat. Bildrechte: Kunstfest Weimar

"Animate" entführt in eine Welt in der Zukunft: Laurie und Daniel – sie frisch geschieden, er schwer traumatisiert durch Erlebnisse in der Vergangenheit – machen einen Ausflug in die Weite Neufundlands: "Echt schön hier. Nadelwald. Stimmt. In vielen Gegenden stirbt er ab. Hier nicht."

"Animate" basiert auf einer Kurzgeschichte der kanadischen Autorin Kate Story. Genre: CliFi, Climate Fiction. Die Erde hat hier schwer zu kämpfen mit den Folgen des Klimawandels. Mithilfe von VR-Brillen folgen ich und fünf weitere Gäste Laurie und Daniel auf einer Wanderung zu den mystischen Table-Lands, einer Gerölllandschaft.

Augmented Reality Parcours "Animate"
Mit VR-Brille kann man im Augmented Reality-Parcours "Animate" beim Kunstfest Weimar die Folgen des Klimawandels "erleben", noch bis 4. September in der KET-Halle. Bildrechte: Tim Thomasson

An einem Seil halten wir uns fest, tapsen hintereinander her, durch die Brille sehen wir zunächst eine abstrakte Landschaft mit einzelnen Steinbrocken und viel weiß-blauem, nebligem Himmel. Und wir hören Laurie oder Daniel Sätze sagen wie: "Hey, pass auf, dass du dir keine Zecken holst! Gibt's hier seit neuestem. Früher hatten wir keine. Da war der Winter zu kalt."

Inszenierung für Weimar mit neuester Technik von Meta

Der renommierte Computerkünstler Chris Salter hat sich diese immersive Inszenierung ausgedacht. Salter hat dafür neueste Technik des Facebook-Konzerns Meta ergattert. Die Brillen sind Pass-Through-Video-fähig, das heißt, sie können das wiedergeben, was wir in echt sehen würden – in diesem Fall also die alte, riesige Fabrikhalle in Weimar – und sie können dahinein virtuelle Elemente zaubern: "Das ist also kein normales VR-Stück mit einer nur computergenerierten, in sich abgeschlossen Welt", betont Salter.

Ein älterer Mann mit Brille lächelt freundlich
Computerkünstler Chris Salter kreierte "Animate" mit neuester Technik des Meta-Konzerns: Pass-Through-Video. Bildrechte: Privat

Das ist kein normales VR-Stück. Wir benutzen hier eine neue Technologie: Pass-Through-Video. Da nimmt man den Kamera-Feed aus der Brille und sieht auch die echte Welt!

Chris Salter über "Animate" Computerkünstler

Dazu gibt es per Kopfhörer noch Klänge auf die Ohren und die Stimmen der zwei Schauspieler von Laurie und Daniel, die wiederum auch als echte Personen in der Halle stehen. Ganz schön kompliziert ...

"Ja, es ist schwer, sich das vorzustellen. Es ist sogar schwer, wenn man es macht", sagt Steve Karier, der den Daniel spielt: "Weil man nicht sieht, was man macht." Karier muss plötzlich als echter Mensch mit virtuellen Steinbrocken kämpfen, die in der Fabrikhalle auftauchen: "Das hier ist sowas von anders in den Anforderungen als das, was seit tausenden Jahren Schauspielkunst ist. Nicht nur weil es Elemente gibt, die nicht zu kontrollieren sind, die mir ihre Bildhaftigkeit aufzwingen, sondern weil Sachen passieren, die kein Mensch vorhersehen kann."

Menschen mit einer VR-Brille in einer großen Halle
"Animate"-Besucherinnen und Besucher in der KET-Halle in Weimar. Ein Bus-Shuttle verkehrt vom Marktplatz aus dorthin. Bildrechte: Kunstfest Weimar / Thomas Müller

Grenzen zwischen Realität und Pixel-Welt verschwimmen

In dem Moment, wo die Steine auftauchen, beginnt diese Performance, ihr immersives Versprechen einzulösen – sie lässt die Grenzen zwischen Realität und Pixelwelt verschwimmen. Dutzende Steine fliegen auch auf mich zu, ich versuche, ihnen auszuweichen, hebe einen Arm um sie abzuwehren – und das funktioniert tatsächlich, die Steine ändern ihre Bahn, fliegen vorbei. Ein Dröhnen durchfährt dazu die riesige Halle, der Boden vibriert.

"Und das ist der Versuch, mit Klang, Bildern und Körpergefühl diese gewalttätige Natur zu inszenieren", kommentiert Chris Salter. Dazu melden sich wieder Laurie und Daniel: "Schau mal da drüben, auf der anderen Seite vom Fjord, die Bäume wandern. – Daniel, ich glaube, das ist ein Erdbeben. Nein, das sind isostatische Ausgleichsbewegungen – ... deine Haare!"

Kampf mit den Datenmengen: "Animate"-Optik nicht ganz perfekt

So klar die Stimmen auch zu hören sind, die Optik von "Animate" schränkt das Vergnügen ein wenig ein. Das Team hatte im Vorfeld mit erheblichen technischen Problemen zu kämpfen, die Datenmengen waren einfach zu groß. Der Blick durch die Brille zeigt die echte Halle deswegen nur in Schwarz-Weiß und arg verpixelt, an die Ästhetik heutiger Computerspiele kommt das nicht heran. Auch die Rolle der zwei Schauspielenden wirkt nicht ganz schlüssig, vielleicht, weil die erste Hälfte der Performance wegen der technischen Probleme kurz vor der Premiere noch in eine Lesung umgewandelt wurde.

Augmented Reality Parcours "Animate"
Führen durch den Augmented Reality Parcours "Animate": Die Stimmen von Laurie und Daniel übernehmen zwei Schauspieler. Bildrechte: Kunstfest Weimar / Thomas Müller

Und doch – für ein paar Minuten geht "Animate" durch Mark und Bein. Die alte Industriehalle in Weimar wird zu einem anderen Ort. Einfach mal ausprobieren!

Weitere Informationen zu "Animate" Kunstfest Weimar: "Animate"
Augmented Reality-Parcours mit Performance, Installation und Hörspiel

KET-Halle
Straße des 17. Juni 7
99427 Weimar

Bis Sonntag, 4. September 2022, mehrmals täglich.

Kulturtipps für Thüringen: Analog und digital

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 30. August 2022 | 08:40 Uhr

Mehr MDR KULTUR