"Apokalypse - Ein Blick in den Abgrund und darüber hinaus" Ausstellung in Wittenberg: Untergang und Erlösung in Cranachs Bibel-Illustrationen

Vor 500 Jahren, im September 1522, erschien Luthers Bibelübersetzung, auch Septembertestament genannt. In Wittenberg gedruckt wurde sie zum Bestseller – wohl auch wegen der eindrücklichen Illustrationen von Lucas Cranach dem Älteren. Und eben dieser feiert als einer der bedeutendsten Maler der Renaissance in diesem Jahr seinen 550. Geburtstag: Die Cranach-Stiftung Wittenberg gedenkt dieser beiden Jubiläen mit der Ausstellung "Apokalypse – Ein Blick in den Abgrund und darüber hinaus". Gezeigt werden rund 60 Exponate, von Cranach, aber auch von Albrecht Dürer, Max Beckmann und weiteren Künstlern des 16. bis 21. Jahrhunderts.

Eine Kollage von Werken von Lucas Cranach dem Älteren wird in einer Ausstellung gezeigt. Unter dem Motto "Apokalypse - Ein Blick in den Abgrund und darüber hinaus" ist in Wittenberg eine Ausstellung zum 550. Geburtstag des Malers Lucas Cranach der Ältere geplant, die ab September 2022 gezeigt werden soll.
Werke von Lucas Cranach dem Älteren werden in der Ausstellung "Apokalypse - Ein Blick in den Abgrund und darüber hinaus" in Wittenberg gezeigt. Bildrechte: dpa

Es sind bildgewaltige Untergangs- und Erlösungsvisionen: Reitende Skelette, Schwerter schwingende Menschenmassen, siebenköpfige Drachen ziehen den Betrachter regelrecht in den Bann. Minutiös wurde hier die grausige Vorstellungswelt des 16. Jahrhunderts in Kupfer und Holzplatten geritzt – denn beide Künstler: Lucas Cranach der Ältere wie auch Albrecht Dürer haben den letzten Text des Septembertestaments – die Offenbarung – ins Bild gebannt. Darin berichtet Johannes vom göttlichen Strafgericht, erklärt Marlies Schmidt von der Cranach Stiftung Wittenberg, wobei Offenbarung vom griechischen apokalypsis abgeleitet ist:

"Es geht darum, dass die Welt einer Katharsis unterzogen wird, ein Gottesgericht, wo das Böse zum Schluss besiegt wird, in den Untergrund gesperrt wird und das neue Jerusalem, also die neue Welt, aufgerichtet wird. Und diesen Ausgang, den vergisst man immer, weil natürlich vorher auch enorm viele sehr bildreiche, sehr detailreiche Untergangsszenarien geschildert werden."

Zwei Mitarbeiterinnen der Cranach-Stifung stehen in der Ausstellung vor dem überdimensionierten Holzschnitt "Turnier auf dem Marktplatz" von Lucas Cranach dem Älteren, dessen Original aus dem Jahr 1506 nur 37 Zentimeter breit ist.
Der überdimensionierte Holzschnitt "Turnier auf dem Marktplatz" von Lucas Cranach dem Älteren. Das Original aus dem Jahr 1506 ist nur 37 Zentimeter. Bildrechte: dpa

Werke von Lucas Cranach dem Älteren und Albrecht Dürer

Der Holzschnitt "Die apokalyptischen Reiter" (1497/98) von Albrecht Dürer wird im Kölner Wallraf-Richartz-Museum ausgestellt (Handout).
Der Holzschnitt "Die apokalyptischen Reiter" (1497/98) von Albrecht Dürer Bildrechte: dpa

21 ganzseitige Holzschnitte schufen Cranach und seine Werkstatt, von denen hier allerdings nur sechs im Original gezeigt werden. Auch das Septembertestament selbst ist nur als Faksimile zu sehen, (das Original ist ein paar Häuser weiter in der reformationsgeschichtlichen Bibliothek zu bewundern), denn in dieser Schau geht es vielmehr um die sich über die Jahrhunderte tradierten Bildmotive. So hat sich Cranach damals schon an den Holzschnitten von Albrecht Dürer orientiert. Dessen bekanntestes Motiv der vier apokalyptischen Reiter, die Krieg, Tod, Teuerung und Herrscherwillkür über das Land bringen, prägt die Kunstgeschichte bis heute, zeigt Schmidt: "Dieses Motiv ist so prägnant, das es auch in den kommenden Jahrhunderten immer wieder von den Künstlern aufgegriffen wurde. Und deswegen sehen wir gegenüber eine Position des zwanzigsten Jahrhunderts von Santos Balmori, der auch die vier apokalyptischen Reiter zeigt, die über die Welt reiten, über China zum Beispiel, drüber hinweg über Spanien. Und die Reiter tragen die Gesichtszüge von Hitler, von Franco, von Mussolini."

Apokalypse im Werk von Max Beckmann

Denn wie die Zeitgenossen des 16. Jahrhunderts durch Hungersnöte oder die Pest gegeißelt wurden, sahen sich auch die Künstler des 20. Jahrhunderts vor dem Abgrund. Einen der bedeutendsten Zyklen zur Apokalypse hat denn auch Max Beckmann geschaffen. Er war vor den Nazis in die Niederlande geflohen, hatte die Greul von Flucht und Vertreibung also selbst vor Augen.

"Aber anders als Cranach und Dürer hat Beckmann durchaus andere Schwerpunkte gesetzt, zum Beispiel findet man zweimal das Thema "Gott wird abwischen alle Tränen", also so etwas Tröstendes auch. Und er wollte ja auch selber getröstet werden. Er selbst hat diese Verfolgung erlebt und hoffte auf einen positiven Ausgang", erzählt Marlies Schmidt.

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Auf dem Gelände der ehemaligen Sprengstofffabrik stand später eine Klinik. Ihr Pförtnerhäuschen wird jetzt zum zentralen Ausstellungsort des neuen Wasag-Museums in Wittenberg. Bildrechte: MDR/André Damm

Zeitgenössische Untergangsvisionen im Comic

So zeigt die Schau sehr eindringlich, wie sich die Untergangsvisionen des 16. Jahrhunderts über die Jahrhunderte fortgeschrieben haben und bis heute reichen. Denn sie tauchen auch bei den zeitgenössischen Künstlern auf, wie im Comic – dort aber unter anderen Vorzeichen. Marlies Schmidt führt aus: "Sternenregen, Monster, die Menschen angreifen. Wobei es bei Comics so ist, dass diese postapokalyptischen Zeiten, anders als in der Offenbarung, eine furchtbare Zeit sind. In der Offenbarung ist das eigentlich eine glückliche Zeit, paradiesische Zustände, die dann zum Schluss wieder hier herrschen."

Das heißt, dass die Apokalypse in der gegenwärtigen Kunst weniger als etwas von Gott gegebenes betrachtet wird, sondern als vom Menschen gemacht, wie die Klimakatastrophe. Und vielleicht, das könnte man sich als Besucher fragen, enden die Comics deshalb heute in einem totalen Desaster? "Für Beckmann war dieses Hoffnungselement ganz entscheidend. Er war in einer enorm gefährdeten Situation und er brauchte sicherlich auch diese Hoffnung, um überhaupt die Situation zu überleben. Für uns heute ist es vielleicht wichtig, das Drama vor Augen zu haben, um dann noch eine andere Lösung zu finden."

Gedanken, die diese zwar kleine aber eindrückliche Ausstellung auf wunderbare Weise evoziert – und die Jahrhunderte alte Bildmotivik unglaublich aktuell erscheinen lässt.

Informationen zur Ausstellung "Apokalypse - Ein Blick in den Abgrund und darüber hinaus"
10. September bis 11. Dezember 2022

Cranach-Stiftung Wittenberg I Markt 4, 06886 Lutherstadt Wittenberg

Öffnungszeiten:
Montag bis Samstag 10 bis 17 Uhr
Sonntag 13 bis 17 Uhr

500 Jahre Biebelübersetzung

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. September 2022 | 18:05 Uhr

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