Drehstart vor 60 Jahren DDR-Geschichte im Zeitraffer: Was die "Kinder von Golzow" unsterblich macht

Drehstart vor 60 Jahren: Was 1961 mit einer kleinen Studie über den ersten Schultag an einer DDR-Landschule beginnt, wird über fünf Jahrzehnte zur international bekannten Dorf-Saga. Damals reist Winfried Junge, Regie-Assistent bei der DEFA, nach Golzow. Am Ende begleitet er seine 18 Protagonisten durch mehr als die Hälfte ihres Lebens. Unterstützt wird er von seiner Frau Barbara. Die gebürtige Thüringerin taucht erst als Dokumentaristin in den Materialberg ein und wird später seine Co-Regisseurin. Herausgekommen sind 20 Filme, 200 Stunden Filmmaterial auf 300 km Film – eine Mammut-Doku! Wir haben interessante Fakten zusammengetragen.

Im Filmmuseum "Kinder von Golzow" sind alte schwarz-weiߟ Filmstreifen zu sehen.
Originale Filmstreifen im Filmmuseum "Kinder von Golzow", das am authentischen Ort über die Geschichte der Langzeit-Doku informiert Bildrechte: dpa

Kurz nach dem Mauerbau startet die DEFA am 29. August 1961 in einem kleinen Dorf an der polnischen Grenze ein besonderes Projekt. Es zeigt, wie für Kindergartenkinder, die gerade noch im Sandkasten buddelten, der "Ernst des Lebens" beginnt. Zunächst ist nur ein Film über den ersten Schultag am 1. September geplant: "Wenn ich erst zur Schule geh'" heißt der nur 13-minütige Streifen, der voller Leben ist.

Danach kann sich die DEFA eine Fortsetzung vorstellen. Regisseur Karl Gass, der gerade an seinem Dok-Film "Schaut auf diese Stadt" zur Legitimierung des Mauerbaus arbeitet, hat die Idee zu einer Chronik, die über Jahrzehnte reicht. Die Landschulkinder sollen mit der Kamera begleitet werden, um zu beobachten, wie sie heranwachsen im Sozialismus, den sie später selbst gestalten würden. Bis zum 50. Jahrestag der DDR im Jahre 1999.

Schwarz-Weiß-Bild: Die "Kinder von Golzow" stehen um ihre Lehrerin in einem Sandkasten.
"Wenn ich erst zur Schule geh'" heißt der erste Film aus der späteren "Chronik der Kinder von Golzow". Bildrechte: MDR/RBB

Golzow als Drehort: "Schaut auf dieses Dorf"

Zum Drehort erkoren wird mit Golzow ein kleines Dorf im Oderbruch, das 1960 eine neue Schule bekommen hat. Ein perfekter, weil überschaubarer Mikrokosmos, zumal die Schülerinnen und Schüler – wie zu DDR-Zeiten üblich – dort in der Regel bis zur 10. Klasse zusammen bleiben. Doch nicht nur das: Am Ende des Zweiten Weltkrieges gerät Golzow in die Schlacht um die Seelower Höhen. Das Dorf wird fast völlig zerstört. Nur zwei Jahre später kommt das Oder-Hochwasser. Dennoch gelingt der Wiederaufbau. Zum Motor wird die LPG. So eignet sich Golzow, rund 60 Kilometer östlich von Berlin als Symbol.

Ortseingangsschild der Gemeinde Golzow mit Unterzeile "Ort der 'Kinder von Golzow'".
Als die Dreharbeiten vor 60 Jahren starten, leben rund 1.000 Menschen in Golzow, heute sind es etwa 800. Bildrechte: dpa

Seit 2014 führt die Gemeinde offiziell den Zusatz "Ort der 'Kinder von Golzow'". Schon seit 2008 trägt die Grundschule den Namen "Kinder von Golzow". Auch ein Filmmuseum gibt es – mit Gerätschaften aus dem Berliner Schneideraum des Regie-Ehepaares Junge, Orwo-Filmrollen, Plakaten und DVDs. Auf dem Dorfplatz steht eine Granitskulptur, die neben der Ersterwähnung Golzows 1308, dem Dorfbrand 1750 und der LPG-Gründung 1952 den Beginn der Dreharbeiten 1961 als erinnerungswürdig festhält.

Leben in der DDR: gewünscht oder verordnet

Wer vergessen hat, was für eine Mühe das Schreibenlernen macht, erinnert sich im ersten Film über die ABC-Schützen sofort daran. Die Kamera nimmt die Szenerie im Klassenzimmer noch von außen durch die Fenster auf, um die Kinder nicht abzulenken. 1966 greifen die Elfjährigen sogar selbst zum Mikrofon, Originalton im Dokfilm, das ist damals neu.

Schwarz-Weiß-Bild von Winfried: ein Junge aus Golzow mit Kopfhörern.
Ab 1966 werden einzelne Kinder in den Fokus genommen: Winfried bastelt sich Kopfhörer und wird später Ingenieur. Bildrechte: rbb/PROGRESS Film-Verleih

Ich möchte mal wissen, wie die allerersten Tiere entstanden sind ... die Menschen ... warum die USA gegen Vietnam Krieg machen ... wie die Bilder auf das Fernsehgerät kommen ...

Aus: "Elf Jahre alt", 1966

Mit 14 Jahren reden sie über die erste Liebe und ihre Träume: Familie, Kinder, ein schönes Zuhause. Als herausgeputzte Achtklässler finden sie mit der Jugendweihe Aufnahme in die "Gemeinschaft des werktätigen Volkes", wie es im Kommentar zum Film nun staatstragend heißt. Einem Mädchen wie Marieluise wird das Dorf zu eng, sie will was erleben. Dann hört sie auf die Mutter, wird Chemielaborantin und nicht Stewardess, heiratet mit 24 Jahren nicht den Musiker, sondern einen NVA-Offizier. Die Kamera ist immer dabei.

Schwarz-Weiß-Bild von Gudrun: Drei Frauen unterschiedlichen Alters stehen in einer Küche in Golzow.
1975 arbeitete Gudrun (links) als Köchin im Golzower Kulturhaus, nach der Wende macht sie nicht mehr beim Projekt mit. Bildrechte: mdr/rbb/PROGRESS Film-Verleih/Winfried Junge


Über fünf Jahrzehnte begleiten die Filmemacher "Die Kinder von Golzow" ins Erwachsenenleben – und über das Ende der DDR hinaus. Einige verkraften den Umbruch 1989 schwer und wollen nicht mehr vor die Kamera, andere schaffen im Westen einen Neuanfang, so wie Marieluise im Rheinland bei Köln. Drei der 18 Protagonisten sind schon gestorben – Brigitte, Jürgen und Jochen. Nur noch zwei der einstigen ABC-Schützen leben im Ort.

Rekordverdächtig: Eintrag ins Guiness-Buch 1985

Zwischen 1961 und 2007 entstehen 20 Filme mit einer gesamten Laufzeit von mehr als 40 Stunden. Dafür werden mehr als 300 Kilometer Film gedreht, was ungefähr 200 Stunden Material entspricht. Bereits 1985 bringt es die Mammut-Dokumentation mit der Folge "Lebensläufe", die neun Biografien zu Porträts verdichtet, aufgrund der langen Produktionsgeschichte zu einem Eintrag ins Guiness-Buch der Rekorde: damals die umfangreichste Langzeitbeobachtung der Filmgeschichte.

1995 kürt die Deutsche Kinemathek die "Lebensläufe" zu den 100 wichtigsten Streifen des deutschen Films. Die Dokumentationen bleiben präsent durch ewa 250 Ausstrahlungen im Fernsehen, gezeigt werden sie auch auf Festivals, ab 1982 elf Mal auf der Berlinale. International verbreitet werden sie auch durch die Goethe-Institute. Inzwischen gibt es eine DVD-Edition mit englischen Untertiteln.

Schwarz-Weiß-Bild: Jugendliche aus Golzow tanzen in Paaren.
1971 feiern die Kinder von Golzow ihren Schulabschluss. Bildrechte: dpa

Generationen-Chronik oder DDR-Propaganda

Während Kritiker in der "Chronik der Kinder von Golzow" eine DDR-eigene, kleine "Truman Show" sehen, die ihre Protagonisten zu Darstellern des neuen sozialistischen Menschen macht, sehen andere darin das einmalige Porträt einer Generation, die nach dem Mauerbau aufwächst, ihr "ganz normales Leben" in der DDR lebt und den wohl größten Umbruch mit Wende, Mauerfall und Wiedervereingung zu meistern hat. Dass Winfried und Barbara Junge trotz aller Widrigkeiten nach der Wende an ihrem Film-Projekt festhalten, macht die Chronik für sie umso spannender.

Einer der Kommentare von Regisseur Junge aus dem Off lautet: "Wir haben es gut getroffen mit den Golzowern. Sie entwickelten ihre LPG zu einer der besten im Bezirk Frankfurt (Oder). Dieser Aufstieg spiegelt sich so oder so auch in Lebensläufen. An jedem Ort unseres Landes hätte sich unsere Ausdauer wohl ebenso gelohnt, denn es ist überall vorwärtsgegangen."

Filmemacher Winfried Junge räumt 60 Jahre nach dem Drehstart ein: "Manchen Szenen ist anzusehen, wie die Regie und der Kommentar versuchte, Beabsichtigtes in den Griff zu bekommen, statt dem Geschehen seinen Lauf zu lassen", sagt der inzwischen 86-Jährige rückblickend.

Das Ehepaar Barbara und Winfried Junge stehen in einem Archiv mit Filmmaterial ihres Projektes "Kinder von Golzow" gefüllt ist.
Das Ehepaar Barbara und Winfried Junge sammelte bei den Arbeiten an "Kinder von Golzow" hunderte Kilometer Filmmaterial. Bildrechte: dpa

Ende einer Lebensaufgabe

Als Regie-Assistent von Karl Gass kommt er 1961 zu dem Auftrag, der eine Lebensaufgabe wird. Damals ist er 26 Jahre alt und Absolvent der jungen Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg. Als Kriegskind, das den Vater verlor, glaubt er an die Idee des Sozialismus. Ende der 70er-Jahre steigt seine Frau Barbara in das Projekt ein, zunächst als Dokumentaristin und Rechercheurin, später auch als Schnittmeisterin und Co-Regisseurin. Über die Arbeit an den "Kindern von Golzow" werden sie zum Paar.

Nach der Wende sieht Winfried Junge viele seiner Hoffnungen, die er mit der DDR verband, zerstört. Heute ist er froh, durchgehalten und auch nach der Wende die Mittel für die Fortführung der Chronik aufgetrieben zu haben: "Das Golzow-Projekt zu realisieren und über die Zeiten zu bringen, bedurfte keiner Kunst. Eher war es ein Kunststück, bei dem das Geld der Zensor war." Es erreiche immer wieder neue Zuschauergenerationen, weiß er durch öffentliche Aufführungen.

Die Älteren setzen ihr Leben mit dem Gesehenen in Vergleich, Jüngere entdeckten sie als Information über die Zeit des Lebens ihrer Eltern und Großeltern.

Winfried Junge, Regisseur

Die Grundschule "Kinder von Golzow", in Golzow, Brandenburg.
Die Grundschule erhielt den Namen "Kinder von Golzow". Bildrechte: dpa

Lang ist auch der Titel des letzten, vierteiligen Golzow-Films, der 2008 ins Kino kommt: "Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute. Die Kinder von Golzow. Das Ende der unendlichen Geschichte". Die Fortsetzung müssten andere "schreiben", so Junge.

"Kinder von Golzow": Das passiert im Finale

In ihrem vierteiligen Abschlussfilm "Und wenn sie nicht gestorben sind ..." erzählen Barbara und Winfried Junge weitere Lebensläufe der ehemaligen Golzower Schüler.

In Folge 1 werden Ilona, Winfried, Jürgen, Petra und Christian porträtiert, die heute alle der Generation 50plus angehören.

Folge 2 zeigt die Lebensgeschichte von Winfried, als Kind ein Bastler, Diplomingenieur und zu DDR-Zeiten Kommandeur der Kampfgruppe im Zellstoffwerk Gröditz.

Im Mittelpunkt von Folge 3 stehen Elke, Katrin und Gudrun sowie Arthur Klitzke, der weithin bekannte Golzower LPG-Vorsitzende. Elke, die gelernte Wirtschaftskauffrau, ist dabei nach fast 30-jähriger Drehpause bereit, sich erneut filmen zu lassen. Auch Karin, die als Schulanfängerin 1961 gezeigt wurde, stimmt nach Jahrzehnten weiteren Filmaufnahmen zu.

In der abschließenden Folge 4 geht es um das Leben der Maschinenbauer Bernhard und Eckhard, die bis heute in Golzow leben und befreundet sind.

Der Epilog, der den letzten Film über die Kinder von Golzow abschließt, führt zum Golzower Kindergarten zurück, wo einmal alles begann. Am Ende der Geschichte nimmt die Kamera Abschied von der Schule, die heute den Namen "Schule der Kinder von Golzow" trägt.

Ausstellungstipp: Filmmuseum in Golzow Filmmuseum im Gemeindezentrum
Hauptstraße 16
15328 Golzow (Oderbruch)

Öffnungszeiten
Mi bis Fr: 11 - 16 Uhr
Sa: 10 - 16 Uhr

DVD-Tipp "Die Kinder von Golzow"
Alle Filme 1961-2007 (18 DVDs mit Booklet)
Mit Untertiteln in Englisch
absolut MEDIEN
ISBN: 978-3-89848-096-3

Buchtipp Barbara Junge, Winfried Junge, Dieter Wolf (Hrsg.)
Lebensläufe: Die Kinder von Golzow
Bilder, Dokumente, Erinnerungen
Schüren Verlag 2017

Karl Gass und das Leipziger Dokfestival

Mehr zur DEFA

Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | 03. September 2017 | 22:45 Uhr

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