Buchempfehlung Neuer Bildband setzt letzten Ostsee-Fischern ein Denkmal

Die Zahl der Berufsfischer in Mecklenburg-Vorpommern hat in den letzten dreißig Jahren dramatisch abgenommen. Grund ist der schlechte Umweltzustand der Ostsee, der erhebliche Auswirkungen auf die Fischbestände hat. Die Autorin Simone Trieder aus Quedlinburg und die Fotografin Iwona Knorr haben für ihren Band "Hering, Aal und Beifang" einige der letzten Fischer von der Insel Rügen, dem Fischland und dem Darß begleitet. Eine Rezension.

Iwona Knorr und Simone Trieder: Hering, Aal und Beifang. Fischer auf Rügen, Fischland und Darß - Bildbalnd 4 min
Bildrechte: Mitteldeutscher Verlag

Die Seefahrt war und ist auch heute noch ein gefahrvolles Unterfangen. Kein Wunder, dass jede Menge Aberglaube gegen die Schrecken von Wind und Wasser helfen soll. Einer der uralten, seemännischen Glaubenssätze heißt: "Frauen an Bord bringen Unglück“. Es spricht für die Geduld und das Einfühlungsvermögen der Autorin Simone Trieder, dass sie eines Tages doch mit dem Fischer Michael Unger aus Wustrow rausgefahren ist.

Im neu erschienenen Bild-Text-Band "Hering, Aal und Beifang" schreibt die Quedlinburgerin: "Ich darf mich in den Bug setzen, mit dem Rücken nach vorn, der Fahrtwind spritzt mir Wasser ins Gesicht. Der Fischer stellt den Motor aus, zieht sich an den Netzen voran. Zappelt ein Fisch im Netz, klemmt er die Oberleine unter den Arm und pult den Fisch heraus."

Iwona Knorr
Simone Trieder wurde 1959 in Quedlinburg geboren. Bildrechte: Iwona Knorr
Iwona Knorr und Simone Trieder: Hering, Aal und Beifang. Fischer auf Rügen, Fischland und Darß - Bildbalnd 4 min
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MDR KULTUR - Das Radio So 23.01.2022 13:00Uhr 04:01 min

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Iwona Knorr und Simone Trieder: Hering, Aal und Beifang. Fischer auf Rügen, Fischland und Darß - Bildbalnd 4 min
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Fischerei auf Rügen, Fischland und Darß

Simone Trieder hat in den vergangenen Jahren einige Küstenfischer auf Rügen, auf dem Fischland und dem Darß begleitet. Sie beschreibt, wie sie beim Anlanden des Bootes mit anpackt. Denn in den Dünen von Wustrow darf kein Kabel verlegt werden, um das Boot per Motor rauszuziehen. "Rundhölzer quer vor das Boot und hinter das Boot. Schieben, vielleicht einen Meter. So holten schon die Wikinger ihre Boote aus dem Meer. 'Die Leute denken ja, wir sind ne Touristenattraktion, aber das ist harte Arbeit', sagt der Fischer."

Die Leute, das sind die Badegäste. Die heißen heute noch so, auch wenn sie mittlerweile kommen, ob Badewetter ist oder keins. Früher waren die Fischer auch Bauern, dann vermieteten sie an die Badegäste und verkauften ihnen den frisch gefangenen Fisch. Vor allem zu DDR Zeiten war das ein lukratives Geschäft, schreibt Trieder: "Die Fischer galten als reich, fuhren dicke Autos und ernteten viel Neid. Als die Wende kam, kippte alles, es kamen neue Gesetze, die Erfahrungen, die Fischer jahrhundertelang gemacht haben, wurden umgekrempelt."

gefangener Fisch im Bug eines kleines Fischerschiffs.
In ihren Essays beschreibt Simone Trieder unter anderem alte Fangmethoden. Bildrechte: Iwona Knorr

Küstenfischerei: Ein Handwerk am Aussterben?

Vor 30 Jahren gab es mehr als 1.000 Fischer in Mecklenburg-Vorpommern, jetzt sind es noch rund 250. Die Preise sind eingebrochen, die Fangquoten ein schwieriges Thema. Die Ostsee ist zwar sauberer geworden aber auch zu warm – die Bestände wachsen nicht mehr gut nach. Und dann sind da die Windparks.

"In den Gebieten, in denen Windparks sind, darf nicht gefischt werden – ohnehin wird es in diesen Bereichen keinen Fisch mehr geben, durch Vibrationen, Geräusche, magnetische Felder. Der Fisch ist sensibel. Absprachen mit Fischern?? Fehlanzeige!", kritisiert Simone Trieder im Buch.

Zwei Fischer arbeiten konzentriert.
Die Zahl der Küstenfischer in Mecklenburg-Vorpommern hat dramatisch abgenommen. Bildrechte: Iwona Knorr

Fotografien dokumentieren Fischerzunft

Simone Trieder war gemeinsam mit der Fotografin Iwona Knorr unterwegs. Vielleicht, ohne es zu beabsichtigen, haben sie ein aussterbendes Handwerk dokumentiert. Man sieht abgeschrammte Lagerschuppen und moderne Netze, manchmal auch ein klassisches Stillleben mit Möwen und Booten, meist aber Männer im Ölzeug, konzentriert und zugleich entspannt, und immer wieder Hände, dick die Finger von der harten Arbeit, der ewigen Kälte.

Der Fischer Jan Brandt von Baabe erzählt: "Wenn es über Winter eiskalt ist, man jeden Morgen aufsteht und hat dann nichts gefangen. Oder wenn ich aufstehe und es ist Dauerregen und ich weiß, daß ich von fünf Uhr morgens bis nachmittags im Regen stehen muss."

Iwona Knorr
Iwona Knorr dokumentierte die Arbeit der Fischer fotografisch. Bildrechte: Iwona Knorr

Anekdoten und Seemansgarn

Die alten Fischer haben den beiden Frauen eher Anekdoten erzählt, auch die schrecklichen von Sturmflut und Schiffsuntergang. Und so manches Seemansgarn: "'Ja, das fischt sich eigentlich ganz gut, im Nebel. Da sehen ja auch die Fische das Netz nicht'. Der Fischer kichert lange, und sein Helfer sagt: 'Wenn der in Rente geht, dann macht der Hafenrundfahrt'".

Das ist wohl das, was in absehbarer Zeit von der Küstenfischerei der Ostsee bleiben wird: die Geschichten und die Anekdoten, die man den Badegästen erzählt, während man sie in den ausgedienten Fischkuttern übers Wasser schippert.

Mann repariert Fischernetz.
In ihren Fotografien zeigt Iwona Knorr die Fischer bei der Arbeit. Bildrechte: Iwona Knorr

Angaben zum Buch Iwona Knorr und Simone Trieder:
"Hering, Aal und Beifang. Fischer auf Rügen, Fischland und Darß"
Bild-Text-Band
Erschienen im Mitteldeutschen Verlag, September 2021
144 Seiten, 18 Euro
ISBN: 978-3-96311-549-3

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Januar 2022 | 14:15 Uhr

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