Geschichte Wie in Schönhausen an der Elbe der Bismarck-Kult seinen Anfang nahm

In Schönhausen an der Elbe in der Altmark wurde Otto von Bismarck geboren. In dem Schloss befindet sich heute ein Museum. Hier begann Bismarcks Weg als "Eiserner Kanzler" und "Schmied des Reiches". Die glühende Verehrung seiner Person trieb zu Lebzeiten absurde Blüten. Nach seinem Tod 1890 wurde der Bismarck-Kult schließlich für Deutschtümelei und Kriegstreiberei benutzt.

Gemälde von Otto von Bismarck 4 min
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Im Jahr der Reichseinigung, 1871, übersendet ein Stralsunder Fischhändler dem glühend verehrten Otto von Bismarck ein Fässchen in Essig eingelegten Ostseehering. Die kräftig mit Lorbeer gewürzte Spezialität findet die Anerkennung des Empfängers und darf mit dessen höchstgnädiger Erlaubnis fortan den Namen Bismarckhering tragen. Ähnlich ging es mit dem synthetischen Farbstoff Bismarckbraun und mit einer madagassischen Palmenart, die ihr deutscher Entdecker dem großen Kanzler zu Ehren Bismarckpalme taufte.

Bismarck-Kitsch für den Hausgebrauch

Solche bis heute fortbestehenden "Bismarckereien" sind nur die Spitze einer Bismarck-Verehrung, die mitunter auch skurrile politische Züge annehmen kann. Der Historiker Konrad Breitenborn hat im Geburtsort Bismarcks in Schönhausen (Altmark) einige Objekte dieser Art zusammengetragen:

Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck
Der deutsche Reichskanzler Otto von Bismarck Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

"Wenn die Leute einen Bismarck-Krug hatten, der wie Bismarcks Kopf aussah, dann hat man da zwar auch Bier draus getrunken, aber es war auch gleichzeitig ein kleines Denkmal. Und wenn man das zu Hause auf der Kredenz stehen hatte, dann war es ein Denkmal für den Hausgebrauch. Und man konnte gleichzeitig dokumentieren: Ich bin Bismarckianer. Wo ein Bismarckkrug stand, da hing in der Regel kein Bild von August Bebel." Breitenborn ist außerdem Vorsitzender des Landesheimatbundes Sachsen-Anhalt sowie Autor des Buches "Bismarck: Kult und Kitsch um den Reichsgründer".

Nach Bismarcks Entlassung aus dem Amt und erst recht nach seinem Ableben überschlägt sich dann die auf ihn gerichtete Begeisterung und trägt weitere wundersame Blüten.

Ein Seitenflügel des zerstörten Schlosses im Gutspark von Schönhausen.
Ein Seitenflügel des zerstörten Schlosses im Gutspark von Schönhausen. Hier wurde Otto von Bismarck geboren. Bildrechte: dpa

Kanonen vor dem Bismarck-Schloss  

Historische Kanonen betrachtet eine Besucherin im Gutspark von Schönhausen.
Historische Kanonen vor dem Schloss in Schönhausen Bildrechte: dpa

Vor den Resten des Bismarck-Schlosses (der größte Teil wurde in der DDR unter Walter Ulbricht gesprengt) stehen heute wieder zwei Kanonen, die einst Kaiser Wilhelm seinem Kanzler zum Geschenk machte. Immer am zweiten September, dem Sedantag, der an die entscheidende Schlacht im deutsch-französischen Krieg erinnerte, wurden sie unter dem Jubel der Bevölkerung abgefeuert. "Am Sedantag 1898, also da war Bismarck schon tot, krepierte eine von den Kanonen und hat drei Männer des Ortes schwer verletzt, dem einen hat es die Hand abgerissen", berichtet Konrad Breitenborn.

Vom Mythos zum Missbrauch

Kein deutscher Ort im Kaiserreich, der ohne Bismarckstraße bliebe. Ganz zu schweigen von den Bismarck-Seen, Bismarck-Gebirgen, Bismarck-Archipelen, Bismarck-Gletschern, Bismarck-Plätzen und Bismarck-Städten in den deutschen Kolonien, aber auch in Südamerika und den Vereinigten Staaten. Bismarckvereine und -gesellschaften schießen damals wie Pilze aus dem Boden. Die Verehrung des Reichseinigungskanzlers wird zur patriotischen Pflicht, zur Konfession. Wer sich nicht zu ihr bekennt, hat kaum Chancen auf eine höhere akademische oder Beamtenlaufbahn. Nachzulesen ist das in Hermann Sudermanns Roman "Der tolle Professor".

Die Bismarck-Türme als lohendes Band

Postkarten-Aktion von "Unterwegs": Bismarckturm im Landschaftspark Spiegelsberge Halberstadt
Bismarckturm im Landschaftspark Spiegelsberge Halberstadt Bildrechte: Jana Krüper

Der buchstäbliche Gipfel der Bismarck-Hysterie: Auf Initiative der deutschen Studentenschaft werden ab 1899 auf den Kämmen der Mittelgebirge Bismarck-Türme mit riesigen Feuerschalen errichtet. Deutschlandweit zeitgleich entzündet am Sedantag und an Reichskanzlers Geburtstag sollen sie als lohendes und weithin sichtbares Band der Bismarck-Verehrung durch das Reich leuchten.

Der am häufigsten realisierte architektonische Entwurf trägt übrigens den Namen "Götterdämmerung". Germanische Gigantomanie, über die man heute herzhafter lachen könnte, wenn nicht 1933 die Nationalsozialisten vielerorts diese Bismarcksäulen als Kulisse für ihre Bücherverbrennung benutzt hätten.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. Dezember 2021 | 18:05 Uhr

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