Literarischer Jahresrückblick 2021 Von Clemens Meyer bis Paula Irmschler: 10 Buchempfehlungen aus Sachsen

Autor Clemens Meyer erzählt in "Stäube" bewegend von Umbrüchen in Tagebauregionen, Fotograf Jürgen Matschie zeigt im Bildband "Tief im Osten" den Alltag in der Lausitz und Schriftstellerin Paula Irmschler macht Chemnitz in ihrem feministischen Roman "Superbusen" zum Sehnsuchtsort. Aber auch Grit Lemke, Ingo Schulze, Lukas Rietzschel und weitere Autoren und Autorinnen haben 2021 spannende Bücher aus und über Sachsen veröffentlicht. Zehn Buchempfehlungen

Bild-Collage der Autoren Lukas Rietzschel und Clemens Meyer und Autorin Paula Irmschler
Lukas Rietzschel, Clemens Meyer und Paula Irmschler Bildrechte: Collage: dpa / imago/Future Image / MDR/Thomas Hintner

Roman über DDR als Tabu-Thema vom Görlitzer Star-Autor Lukas Rietzschel

Mit seinem ersten Roman "Mit der Faust in die Welt schlagen" hat sich Schriftsteller Lukas Rietzschel als starke Stimme aus dem Osten etabliert. 2021 hat der 27-jährige Autor aus Görlitz sein zweites Buch "Raumfahrer" vorgelegt, das nicht etwa im Weltall, sondern in der Lausitz spielt. Mauerbau, Staatssicherheit und die Trennung zweier Brüder: über all diese Themen schweigen die Eltern des Protagonisten Jan, der sich schließlich auf eine Entdeckungsreise in die verschüttete Familiengeschichte begibt. Changierend zwischen Humor, Resignation und Wut zeigt Rietzschel mit seinem Roman, wie das Schweigen über die DDR zum Problem zwischen den Generationen wird – und spricht dabei als Nachwendekind aus eigener Erfahrung.

Bildband zum Alltagsleben in der Lausitz von Fotograf Jürgen Matschie

Der Fotograf Jürgen Matschie ist mit seiner künstlerischen Arbeit fest in der Lausitz verankert: Seit 40 Jahren lichtet er seine Heimat in großen Bilderserien ab oder gibt Fotobände von Kunstschaffenden aus der Region heraus. Sein neuer Bildband "Tief im Osten" ist eine Art Bestandsaufnahme: darin zeichnet Matschie ein differenzierteres Bild seiner zweisprachigen Heimat über einen Zeitraum von vier Jahrzehnten. Mit Empathie und einer ironischen Distanz zeigt der Fotograf das scheinbar unspektakuläre, ungeschönte Alltagsleben in der Lausitz. Der Bildband ist eine Retrospektive in zweifacher Hinsicht: auf eine Region und ein Künstlerleben.

Historischer Gesellschaftsroman über Chemnitz von Patricia Holland Moritz

Dass Chemnitz mehr Stadtgeschichte zu bieten hat als den Karl-Marx-"Nischel", beweist Patricia Holland Moritz in ihrem Gesellschaftsroman "Kaßbergen". In vielen kurzen Kapiteln entwirft die Autorin ein historisches Panorama der sächsischen Stadt, durch das sich als roter Faden die Geschichte des Mädchens Ulrike zieht, die hier in den 70er- und 80er-Jahren aufwächst. Autorin Patricia Holland Moritz erzählt authentisch von der Jugend in der DDR – denn sie selbst wurde in dem Chemnitzer Jugendstil-Viertel Kaßberg geboren.

Feministischer Roman der Chemnitzer Autorin Paula Irmschler

Paula Irmschler wurde 1989 in Dresden geboren und ist mittlerweile Redakteurin der Satirezeitschrift "Titanic". Ihr Debüt "Superbusen" ist vieles zugleich: ein Coming-of-Age-Roman, ein feministischer, ein politischer und ein Ost-Roman. Mit der Ich-Erzählerin Gisela hat die Autorin eine verletzbare, eigensinnige und starke junge Frau erschaffen, bei der alles ganz selbstverständlich zusammengehört, die Identitätssuche, die Frauenpower, die Antifa und das Prekariat. Frei von Larmoyanz ist "Superbusen" ein Roman über Selbstermächtigung und Freundschaft, der für jede Lebenslage den passenden Popsong bereit hält.

Sorbisches Kinderbuch mit Tierabenteuern von Lubina Hajduk

Die sorbische Autorin Lubina Hajduk aus Bautzen schreibt seit vielen Jahren Geschichten für Kinder, Jugendliche und Erwachsene in ihrer Muttersprache. Mit ihrem Kinderbuch "Das Tal am Fluss – Fünf Freunde" geht Hajduk neue Wege: Die Geschichten gibt es nun gedruckt und auch als Hörbuch in vielen Sprachen, darunter Spanisch, Französisch und Tschechisch. Das Abenteuerbuch über die fünf tierischen Freunde Kiki, Mirka, Dorian, Luna und Ferdi eignet sich gut zum Vorlesen für kleinere Kinder und besticht durch seine leuchtend farbigen Illustrationen.

Dokumentarischer und persönlicher Roman über Hoyerswerda von Grit Lemke

In ihrem dokumentarischen Roman mit dem Titel "Kinder von Hoy" kehrt die Regisseurin und Autorin Grit Lemke an den Ort ihrer Kindheit zurück. Das Buch erzählt die Geschichte der Stadt Hoyerswerda von den späten 60er-Jahren bis ins Heute. Eine zentrale Rolle spielen die rassistischen Ausschreitungen von 1991. Basierend auf Gesprächen mit Freunden und Familie und eigenen Erinnerungen der Autorin werden die guten, schlechten, aber auch die komischen Seiten der sozialistischen Vergangenheit geschildert. Grit Lemke ist ein Generationsportrait gelungen, in dem sie leicht und humorvoll das Lebensgefühl junger Menschen in einer zerrissenen Stadt einfängt – und mit Klischees bricht.

Sachbuch über Kurt Wolff – Leipziger Verleger von Franz Kafka

Kurt Wolff, der 1913 seinen Verlag in Leipzig gründete, hatte ein besonders Gespür für den Zeitgeist. Er gab junge vielversprechende Autoren wie Georg Trakl oder Heinrich Mann heraus und entdeckte Franz Kafka. Doch über das Leben von Kurt Wolff in Amerika war bisher in Deutschland wenig bekannt. Sein Enkel Alexander Wolff ändert das mit seinem Buch: "Das Land meiner Väter. Die deutsch-amerikanische Geschichte meines Großvaters Kurt Wolff" beleuchtet das Leben der Verleger-Ikone nach der Flucht vor den Nazis in die USA. Eine bewegende Familiengeschichte, persönlich und sensibel in ein Sachbuch verpackt.

Lyrik der Leipziger Autorin Martina Hefter

Die in Leipzig lebende Künstlerin Martina Hefter wurde für ihre Gedichtbände "Nach den Diskotheken", "Vom Gehen und Stehen" sowie "Es könnte auch schön werden" mehrfach ausgezeichnet. Nun ist ihr neuer Band unter dem Titel "In die Wälder gehen, Holz für ein Bett klauen" erschienen. Darin setzt sich die Autorin mit elementaren Bestandteilen der Natur und des Menschen auseinander. Gedicht, Essay und Erzählung fließen dabei ineinander. Im titelgebenden Text reflektiert sie etwa ökologisches Bewusstsein: Kann man sich heute mit gutem Gewissen ein Bett bei Ikea kaufen? Oder soll man sich besser selbst eines bauen? Oder überhaupt nur auf einem Haufen Laub schlafen?

Kurzgeschichten von Clemens Meyer

Der Leipziger Schriftsteller Clemens Meyer wurde bekannt mit seinem Debüt-Roman "Als wir träumten". Es folgten zahlreiche preisgekrönte Bücher. Nun veröffentlichte er seinen neuen Erzählband "Stäube". Darin schreibt er über gesellschaftliche Umbrüche anhand des Kleinen, Persönlichen. Vor allem geht es um mitteldeutsche Tagebaulandschaften: Eine Frau will ihr Zuhause nicht verlassen, das dem Tagebau weichen soll. Ein Mädchen beschreibt die Bagger wie Drachen, die ihr Dorf verschlingen. Inhaltlich spannt Clemens Meyer vom Ende der Braunkohle über den NSU hin zum Krieg in Jugoslawien.

Literatur aus und über Dresden

Dresden ist die Heimatstadt von Schriftstellern wie Ingo Schulze, Frank Goldammer und Peter Richter. Auch für Helga Schütz wurde die Stadt an der Elbe ab 1944 zur neuen Heimat. Ihre aktuellen Bücher geben verschiedene Blickwinkel auf die Stadt: Während der Dresdner Schriftsteller und Journalist Peter Richter in seinem Roman "August" beschreibt, wie es war, in den Wende- und "Baseballschläger"-Jahren im einstigen "Tal der Ahnungslosen" erwachsen zu werden, erinnert sich Schriftstellerin und DEFA-Drehbuchautorin Helga Schütz in ihrem Buch "Heimliche Reisen" an das Dresden ihrer Kindheit ab 1944. Ingo Schulze setzt sich in seinem neuen Buch "Dresden wieder sehen" mit den politischen Entwicklungen in seiner Heimat auseinander: mit Pegida, Demonstrationen gegen Rechtsradikale und den Verwerfungen zwischen Ost und West. Und im Krimi "Verlorene Engel" muss ein Kommissar im Dresden der 50er-Jahre eine Vergewaltigungsserie aufklären.

Weitere Bücher in und aus Sachsen

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | "Unter Büchern" | 21. Juli 2021 | 18:20 Uhr

Meistgelesen bei MDR KULTUR

Abonnieren