Jahresrückblick Die spannendsten Comics des Jahres aus Leipzig und Halle

Die Leipziger Comic-Künstlerin Anna Haifisch hat dieses Jahr gleich zwei Comics veröffentlicht und der Leipiger Künstler Matthias Lehmann sein Comic-Debüt herausgebracht: 2021 hat spannende und gefühlsintensive Comics hervorgebracht, die so vielfältig wie beeindruckend sind. Von Corona über Homosexualität bis Verlustschmerz: Diese zehn Comics aus Leipzig und Halle sind einen besonderen Blick wert und eignen sich auch als Geschenk zu Weihnachten.

"Parallel – Matthias Lehmann Anna Haifisch: "The Artist - Ode an die Feder" Fürchtetal Buch
Der Comic "Parallel" von Matthias Lehmann, "The Artist – Ode an die Feder" von Anna Haifisch und "Fürchtetal" von Christine und Markus Färber. Bildrechte: Matthias Lehmann/Reprodukt Verlag/Credits Rotopol Verlag / Christine und Markus Färber

Coming-Out-Story eines schwulen Familienvaters: "Parallel"

Ein schwuler Familienvater, der in den 50er-Jahren erst in der BRD, dann in der DDR eine Parallelexistenz führt. Diese Geschichte des zerrissenen Vaters erzählt der Leipziger Comic-Künstler Matthias Lehmann in seinem berührenden Comic-Debüt "Parallel". Darin zeichnet er das Bild einer deutschen Gesellschaft, die Homosexualität ächtet und in der BRD bis 1994 unter Strafe stellt. Auf der anderen Seite der Grenze war Homosexualität seit 1968 unter Erwachsenen straffrei.

Fluchtursachen als interaktives Comic-Spiel verstehen: "Plan F"

Millionen Menschen fliehen jedes Jahr aus ihrer Heimat. Eine Entscheidung, die keine Person leicht trifft. Die Gründe sind dabei so unterschiedlich, wie die Menschen, die fliehen. Um genau diese Erfahrung nachfühlbar zu machen, haben sich die Illustratorinnen Hân Lê und Julia Wenger vom Friedenskreis Halle das Story Game "Plan F" über Fluchtursachen ausgedacht. Das ist eine Art spielbarer Comic für Handys und Tablets. Dabei begleitet man jeweils eine von acht fiktionalen Personen in ihrem Heimatland, bis sie sich entscheiden, zu fliehen.

Was machen wir am "Samstag nach Corona"?

Noch ist an die Zeit nach Corona nicht zu denken. Im Gegenteil. Nach wie vor wird diskutiert über Abstand, Lockdown und neue Wellen. Und beim Blick auf die dramatische Lage auf manch Krankenhaus-Station mag einem das Lachen vergehen. Trotzdem ist jetzt genau die Zeit, um nach vorn zu blicken, wie Autor Fabian Kendzia findet. Gemeinsam mit Lorenz Ritter fragt er im Büchlein "Am Samstag nach Corona" auf humorvolle Art, worauf wir uns in der Zeit nach der Pandemie wirklich freuen. Das kleine Buch ist augenzwinkernd erzählt, mit Comics von Jörg Saupe illustriert und mit To-do-Listen zum Ergänzen ausgestattet. Eine humorvolle Einladung, in die Zukunft nach Corona zu reisen, vor allem aber zu sich selbst.

Queerer Science-Fiction-Comic: "Melek + Ich"

Die Leipziger Comic-Künstlerin Lina Ehrentraut erzählt in ihrem Comic "Melek + Ich" ein queeres Liebesabenteuer und interpretiert das Science-Fiction-Genre damit neu. Dabei sieht das Interieur im Comic zwar nicht nach einer geschniegelten und technisierten Science-Fiction-Welt aus, sondern eher wie das Klischee einer zeitgenössischen Studierenden-WG. In der Geschichte reist die Wissenschaftlerin Nici mit dem Körper Melek durch die Dimensionen und trifft dabei ihr Alter-Ego, mit dem sie eine Affäre eingeht. Science Fiction bedeutet für Lina Ehrentraut vor allem, dass queeres Leben zur Normalität gehört.

Vom Tabu, eine Schwangerschaft abzubrechen: "Andere Umstände"

Die Leipziger Comic-Autorin Julia Zejn erzählt in ihrem neuen Buch "Andere Umstände" die Geschichte von Protagonistin Anja, die sich an einem Punkt in ihrem Leben kein Kind vorstellen kann und sich für eine Abtreibung entscheidet. Mit der alltäglichen Geschichte will sie zeigen, wie die Geschichte einer Person aussehen kann, die sich entscheidet, eine Schwangerschaft zu beenden, denn: Die Entscheidung für einen Schwangerschaftsabbruch ist auch heute noch mit Hürden und Tabus versehen.

Den Corona-Lockdown als Comic verarbeiten: "Residenz Fahrenbühl"

Die reizlose Provinz als Metapher für den Lockdown. Die Leipzigerin Anna Haifisch zeichnet in ihrem Comic "Residenz Fahrenbühl" mit krakeligem lila Strich eine trostlose Provinz, die eindrücklicher kaum gezeichnet sein könnte. Die Landschaft besteht aus endlosen Feldern, die so reizlos sind, dass sich selbst heimische Rettungswagenfahrer in dieser Einöde verfahren. So beginnt Anna Haifisch ihren Comic. Darin erzählt sie – wie immer in Tiergestalt – von zwei Mäusen, die in einer abgelegenen Künstlerresidenz nebeneinander arbeiten, sich austauschen, die Angst vor kreativen Blockaden vor der anderen geheim halten und sich mächtig auf die Nerven gehen. Eigentlich sollte dieser Comic in einer Künstlerresidenz in Ohio entstehen, doch dann kam Corona und Anna Haifisch musste in ihrem Leipziger Atelier bleiben und zeichnen. Eine Erfahrung, die man ohne Zweifel dem Comic anmerkt.

Barockdichterin ins Heute übertragen: "Sibylla"

Eigentlich beschäftigt sich der Leipziger Comic-Autor Max Baitinger mit zeitgenössischen Figuren, die sich in die Tücken des Daseins verstricken. Bei der Barockdichterin Sibylla Schwarz hat er eine Ausnahme gemacht. Vor 400 Jahren wurde diese in Greifswald geboren, mitten in den Wirren des Dreißigjährigen Krieges. Von Zeitgenossen wurde Schwarz als eine der wichtigsten Dichterinnen des Barock verehrt – so viel weiß man aus historischen Aufzeichnungen. Viel mehr aber auch nicht. Der Comic "Sibylla" versucht ihr Leben zu rekonstruieren und sich ihrem Werk anzunähern. Dabei verschränken sich Bild und Text kunstvoll miteinander. Max Baitinger wollte ein Buch machen, das erzählt, wie eine Person aus der Vergangenheit durch mehr oder minder zufällig überlieferte Informationen an Kontur gewinnt. Der Autor erzählt im Buch mit wuchtigen Strichen und einem Rot, das den Himmel verdunkelt.

Dem schweren Thema Tod ein Gesicht geben: "Fürchtetal"

Christine und Markus Färber teilen nicht nur, dass sie beide in Leipzig leben, in kreativen Berufen arbeiten – sie als Autorin und Journalistin, er als Comiczeichner und Illustrator – und Geschwister sind, sie eint auch der Verlust des Vaters. In ihrer ersten gemeinsamen Graphic Novel "Fürchtetal" setzen die Geschwister sich mit dessen Suizid auseinander. Ein intimes, mystisches und liebevolles Werk, das auch ein Gesprächsangebot für trauernde Menschen ist und ebenso für Menschen, die Hilfe suchen.

Ein gezeichnetes Opern-Libretto: "The Artist – Ode an die Feder"

Comic-Künstlerin Anna Haifisch ist 2021 sehr produktiv gewesen. Sie hat nicht nur den Comic "Residenz Fahrenbühl" veröffentlicht, sondern auch das gezeichnete Opern-Libretto "The Artist – Ode an die Feder". Den gleichnamigen Comicstrip hat sie 2016 schon für die die englische Ausgabe des "Vice"-Magazins erfunden. Das hat sie zu einem Geheimtipp in der Comicszene gemacht. In "The Artist" geht es um einen verhärmten, weinerlichen Künstlervogel, der sich nichts sehnlicher wünscht als Anerkennung. In dem Comicband ist dieser Vogel jetzt ungeheuer erfolgreich geworden. Anna Haifisch hat den aktuellen Artist-Comic als gezeichnete Oper angelegt und den gesamten Text als gereimtes Libretto auf Englisch verfasst – weil sie auf Deutsch das Gefühl gehabt habe, ihre Gedichte könnten zu kitschig sein. Der Dresdner Lyriker Marcel Beyer hat dann übersetzt. Das Buchcover hat sie übrigens einer historischen Grafik der Oper "Madame Butterfly" nachempfunden.

Western-Parodie um Leben und Tod: "Murr"

Die Leipziger Comickünstlerin Josephine Mark hat eine Westernparodie mit Tiefgang geschaffen. In "Murr" trifft der gleichnamige fiese Schurke den Tod. Der lässt ihn nicht mehr los, folgt ihm auf Schritt und tritt und erinnert ihn, wie fragil das Leben ist, auf humorvolle und emotionale Art. Mark zeichnet das mit so prägnantem Tusche-Strich, dass all der Grimm Murr genauso ins Gesicht geschrieben steht, wie Angst, die ihn plötzlich befällt – und die Verwunderung darüber. Rund 15 Jahre lang hat die Zeichnerin für das Leipziger Kulturzentrum Moritzbastei als Grafikerin gearbeitet und nebenbei Cartoons veröffentlicht. Der Wunsch, längere Geschichten mit Tiefgang zu zeichnen, wurde immer größer – bis sie irgendwann im Jahr 2019 ihren Job an den Nagel hängte und zielstrebig loslegte.

Jahresrückblick 2021

Kultur

Buchcover von "Alphabet der Tiere", Christian Kreis: "Halle Alphabet" und Matthias Jügler: "Die Verlassenen"
Das sind drei unserer Buchtipps aus Sachsen-Anhalt 2021: Das "Alphabet der Tiere", "Halle Alphabet" von Christian Kreis und "Die Verlassenen" von Matthias Jügler Bildrechte: Collage: Galerie Erik Bausmann / parasitenpresse / Penguin Verlag / Colourbox.de

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 24. November 2021 | 18:05 Uhr

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