Buch "Our Darkness" Warum Gruftis und Waver in der DDR kreativ sein mussten

Das WGT 2022 steht vor der Tür: Pfingsten wird Leipzig wieder von der schwarzen Szene bevölkert. Aber welche Rolle haben Gruftis und Waver in der DDR gespielt? Wie und wo wurde diese Fankultur ausgelebt? Darüber gibt der Leipziger Sascha Lange, Mitautor des Buches "Our Darkness", im Interview bei MDR KULTUR Auskunft.

"Our Darkness: Gruftis und Waver in der DDR" (Buch) 10 min
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MDR KULTUR: Herr Lange, was bitte stellt einen moderaten Waver dar, im Gegensatz zu einem exzessiven Waver?

Sascha Lange: Also ich würde mal sagen, das ist vor allen Dingen über die Frisur definiert worden. Ich gehörte ja damals zum, nennen wir es mal salopp, "Team Depeche Mode" und ich hatte nur so eine Dave-Bürste, also einen kurzen Haarschnitt. Und wer ein richtiger, cooler Waver war oder gar ein Grufti, der hatte natürlich lange Haare, die dann hochtoupiert wurden – da konnte ich frisurtechnisch nicht mithalten.

Helfen Sie mir, Herr Lange: Gruftis und Waver, das ist eine eigene Ästhetik. Die gab es in der BRD, die gab es in der DDR. Gab es da Unterschiede, hat man sich sehr geähnelt?

Also die Szenen waren sich, im Nachgang betrachtet, einerseits sehr ähnlich, was man damals gar nicht so mitbekommen hat. Auf der anderen Seite waren sie aber auch verschieden. Und die Verschiedenheit ist ganz deutlich zu suchen bei den Outfits. Als westdeutscher Waver oder Grufti – Markus Kavka ist ja gerade auch mit seinem Buch auf Lesetour, ich war letzte Woche bei ihm – der wollte damals so schöne spitze Schuhe haben, also ist er einfach in einen Laden gegangen und hat sich welche gekauft. Und das war in der DDR nicht möglich.

Wenn man als Grufti in der DDR spitze Schuhe wollte, musste man entweder reiche Westverwandtschaft haben oder aber man ist auf die Suche gegangen und hat zum Beispiel bei den Großeltern, beim Großvater im Schuhregal geguckt. Denn in den 60er-Jahren gab es mal spitze Schuhe, die waren irgenwie modern und ich weiß auch von Leuten, die haben sich aus Pappe eine Spitze vorne dran geklebt und die mit schwarzer Lackfarbe angemalt. Grufti und Waver in der DDR zu sein und gut auszusehen, bedeutete, sehr kreativ sein zu müssen.

Jugendkulturen haben sehr viel mit Protest und Aufbegehren zu tun. Wie war denn die Stimmung oder die Verfasstheit von Gruftis und Wavern insgesamt in der DDR?

Ein direktes Protestpotenzial würde ich da jetzt nicht verorten. Also, man ist nicht Grufti oder Waver geworden, weil man irgendwie gegen die Zustände in der DDR aufbegehren wollte, sondern das hatte natürlich erst mal was mit so einem "Coming of age" zu tun, also mit einem Selbstfindungsprozess. Und das ging natürlich erstmal über die Musik. Man ist in diese Szene gegangen, weil man diese Musik gut fand, diese melancholische, diese schwermütige, weil man ein introvertierter Mensch war und mit dieser Musik sehr gut klarkam.

Und man wollte natürlich mit dieser Musik und dann eben auch mit der Kleidung, mit der Frisur, dann den Leuten zeigen, ich bin anders als ihr. Und das war aber vor allen Dingen eine kulturelle Aussage. Denn zeitgleich hörten '86, '87, '88 so viele in den Discos Modern Talking, C.C. Catch oder George Michael und solche Dinge. Und das war halt so eine kommerzielle Musik, teilweise auch eine sehr fröhliche, belanglose Musik. Und da wollte man sich auf jeden Fall außerhalb verorten und wollte eben zeigen, ich gehöre zu einer anderen Szene. Und das war ja das Wesen der Jugendkulturen, nicht zuletzt auch im Osten, in den 80er-Jahren.

Also keine ausdrückliche DDR-Oppositionsbewegung, trotzdem im Visier der Staatssicherheit. Was gab es da für Probleme für die Szene?

Die Staatssicherheit war ja in der ganzen Zeit der DDR immer an Jugendcliquen, an Jugendlichen interessiert, die irgendwie außerhalb der staatlichen Kontrolle sich selbstbestimmt und autonom getroffen haben. Und da fielen eben dann auch die Gruftis drunter, so ab 1987. Man kann das anhand der Stasi-Akten ziemlich gut nachvollziehen. Es gibt quasi so vier Jugendkulturen, die von der Staatssicherheit überwacht wurden: Das waren Punks, also ja schon seit Anfang der 80er-Jahre, das waren Gruftis, das waren die Heavy Metaller und dann auch Skinheads, also respektive dann rechte Skinheads.

Und vor allen Dingen wurden Informationen über die gesammelt, das war der erste Schritt, die, wie man jetzt im Nachgang feststellen kann, sehr lückenhaft waren. Das heißt also, man hat sich bei der Staatssicherheit nicht mit westlicher Fachliteratur versorgt, sondern man hat das, was informelle Mitarbeiter erzählt haben, aus diesem Disko-Umfeld, aus diesen Cliquen, dann für bare Münze genommen. Und da war viel Unsinn auch dabei. Also das Wissen der Staatssicherheit war sehr lückenhaft.

Nichtsdestotrotz wurde sie ja auch aktiv und auch die Volkspolizei, als es dann gerade bei so einigen Hardcore-Gruftis mit einigen Friedhofsbesuchen und dann auch Entwendungen von Urnen oder Grabbeigaben weiterging. Man hat auch Ermittlungsverfahren eingeleitet. Das war aber die extreme Minderheit, das war jetzt kein Massenphänomen. Also, es ging eigentlich der Stasi nur darum: Sie wollten irgendwie Bescheid wissen, wer sich da trifft und im Idealfall irgendwie diese Jugendlichen wie auch immer dazu bewegen, dass sie das jetzt nicht mehr machen.

Das Gespräch führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Mehr Informationen zum Buch:

Sascha Lange und Dennis Burmeister: "Our Darkness: Gruftis und Waver in der DDR"
erschienen im Ventil Verlag (Mai 2022)
Klappenbroschur, farbig bebildert
232 Seiten, 30 Euro
ISBN: 9783955751678

Termine Lesungen:
18. Mai 2022, Leipzig, UT Connewitz (ausverkauft)
19. Juni 2022, Jena, Trafo
4. Juni 2022, Leipzig, Stasi-Unterlagen-Archiv
25. Juni 2022, Erfurt, Haus Dacheröden

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 16. Mai 2022 | 13:10 Uhr

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