500 Jahre Lutherbibel Eisenach: Tagebücher zum "Luther-Experiment" auf der Wartburg erscheinen

Vor 500 Jahren übersetzte Martin Luther das Neue Testament – eine bis heute gefeierte, sprachliche Großtat, die er im Winter 1521/22 in nur elf Wochen auf der Wartburg vollbrachte. Aus Anlass des Jubiläums wurden Ende letzten Jahres drei Schriftsteller dorthin eingeladen. Der Auftrag an Iris Wolf, Uwe Kolbe und Senthuran Varatharajah: Vier Wochen lang den Ort, Luther und seine Übersetzung auf sich wirken zu lassen. Das Ergebnis dieses "Wartburg-Experiments" sind ihre jetzt erschienenen Tagebücher – und die erweisen sich als eine sehr heutige Übersetzung im besten Sinne.

Martin Luther war nicht freiwillig Gast auf der Wartburg. 1521/22 versteckte er sich dort vor dem Zorn des Kaisers, weil er seine reformatorischen Thesen nicht zurücknehmen wollte. "Reich der Vögel" nannte er die Burg in verzweifelten Briefen darüber, wie verlassen er sich auf dem Berg weit weg von allen kirchenpolitischen Kämpfen fühlte. Besser wurde es erst, als er mit der Übersetzung des Neuen Testaments seine Aufgabe fand.

Schreiben neben Luthers Arbeitszimmer

Diese besondere Atmosphäre spürt man noch in den "Wartburg-Tagebüchern". Drei Schriftsteller verbrachten jeweils vier Wochen auf der Burg bei Eisenach, schrieben in direkter Nachbarschaft zu Luthers Schreibstube. Eingeladen hatten Internationale Luther-Stiftung und Deutsche Bibelgesellschaft. "Es gibt immer diesen Moment, wo man über diese Zugbrücke geht und sich plötzlich die Weite öffnet und der Horizont", sagt die Schriftstellerin Iris Wolff. "Und jedes Mal habe ich ein Gefühl des Glücks, dass ich einen so tollen Arbeitsplatz habe."

Uwe Kolbe und Iris Wolff vor der Wartburg
Iris Wolff und Uwe Kolbe in der Lutherstube auf der Wartburg. Dort arbeitete der Reformator im Winter 1521/22 an der Übersetzung des Neuen Testamentes ins Deutsche. Bildrechte: Michael Jahnke/Deutsche Bibelgesellschaft

Iris Wolff auf der Suche nach den richtigen Worten

Iris Wolff kam als Kind mit ihren Eltern aus dem rumänischen Banat – das Ringen um Heimat und Fremdsein sind ihr Thema. Auf der Wartburg hat Wolff Worte gesucht, die die besondere Kraft von Sprache verstehen lassen: gleichzeitig vertraut zu sein und neue Perspektiven zu eröffnen. So schreibt sie in ihrem Wartburg-Tagebuch: "Ob im täglichen Sprechen oder in der Literatur, letztlich muss man Worte vor sich selbst verantworten, in dem Wissen, dass sie Gnade bleiben."

Und gerade in unserer heutigen Zeit scheint das schwer, weil nichts mehr in den Flugsand geschrieben, sondern für alle Zeit archiviert, geteilt, augenblicklich bewertet wird."

Iris Wolf Schriftstellerin

Uwe Kolbe erkundet auf der Wartburg schreibend Fundamente

Noch stärker auf der Wartburg heimisch gemacht hat sich der Dichter und gebürtige Ost-Berliner Uwe Kolbe. Besonders die Fundamente haben es ihm angetan: "1.200 Jahre Stein, 1.200 Jahre Baugeschichte, es hält zusammen, auch wenn es verschiedene Bestandteile hat."

Besucher kommen 2017 auf die Wartburg in Eisenach.
Uwe Kolbe untersucht die Wartburg als Konglomerat und stößt bis zu seinen Fundamenten vor. Bildrechte: IMAGO / ari

Deswegen heißt Kolbes Text auch "Wartburg-Konglomerat" – denn so nennt die Geologie das Gestein, auf dem die Burg gebaut ist, dunkelrot und durchsetzt von großen und kleinen Kieseln. Gedichte und Miniaturen nehmen mit hinter die Kulissen der Burg: von der löchrigen Tür im Schreibzimmer bis hin zu den schweren Aspekten der Geschichte. Das ist meist heiter, teilweise aber auch tief persönlich: Uwe Kolbe denkt nach über DDR-Erfahrungen, sein Unbehagen an der Moderne und seine Auseinandersetzung mit dem Glauben. So schreibt er: "Zwiesprache mit dem Höheren in Begegnung mit dem Anderen der Natur, in dem Erkennen des Anderen, Fernen, Unfassbaren im Menschen gegenüber, in all den Entdeckungen, die der uralte, ewig junge Geist der Sprache bietet – dazu verstehe ich mich, darin finde ich mich wieder."

Senthuran Varatharajahs Zeugnis vom Zerrissensein

Senthuran Varatharajah bei einer Lesung im Rahmen der "Wartburg-Experimente" am 31.10.2021 im Stadtschloss in Eisenach
Autor Senthuran Varatharajah hatte nicht nur gute Begegnungen während seines "Wartburg-Experimentes". Bildrechte: Deutsche Bibelgesellschaft

Der Dritte im Bunde, Senthuran Varatharajah, hält zur Wartburg selbst eine größere Distanz. Das hat Gründe: Varatharajah, in Sri Lanka geboren, passt rein äußerlich nicht in das, was offenbar im Umfeld der Burg als "normal" und deutsch wahrgenommen wird. In zufälligen Begegnungen bekam er das immer wieder zu spüren. Dazu musste er auf der Wartburg seinen zweiten Roman fertig schreiben, stand unter großem Druck. Sein Wartburg-Tagebuch spiegelt dieses vielfältige Zerrissensein: "Dieses Buch muss ein Gebet sein. Die Sätze fallen: von oben nach unten. Von Gott in meine leeren Hände. Ich schreibe von einem Ende aus. Dieses Buch muss mich zerstören."

Er habe Deutsch mit der Bibel gelernt, erinnert sich Senthuran Varatharajah. "Vielleicht bin ich Schriftsteller geworden", sagt er, "weil ich tatsächlich an die Heiligkeit der Schrift immer noch glaube – was auch immer das bedeutet."

"Wartburg-Tagebücher" als neue Übersetzung im besten Sinne

Die Wartburg-Tagebücher sind eine Art Kaleidoskop: Sie bieten neue Blicke auf Sprache, Geschichte und Transzendenz. Eben: Übersetzung im besten Sinne.

Wartburg-Experiment
Bildrechte: Wartburg-Experiment

Angaben zum Buch Iris Wolff / Uwe Kolbe / Senthuran Varatharajah
"Der Augenblick nennt seinen Namen nicht" – Wartburg-Tagebücher
Deutsche Bibelgesellschaft / Evangelische Verlagsanstalt / Otto Müller Verlag 2022
168 Seiten
22 Euro

(Redaktionelle Bearbeitung: ks)

500 Jahre Lutherbibel

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 13. September 2022 | 12:40 Uhr

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