Empfehlung Lausitz im Wandel: Neuer Bildband des Fotografen Jürgen Matschie

Der Fotograf Jürgen Matschie ist mit seiner künstlerischen Arbeit fest in der Lausitz verankert: Er beschäftigt sich mit der Kohle oder gibt Fotobände von Kunstschaffenden aus der Region heraus. Sein neuer Bildband "Tief im Osten" ist eine Art Bestandsaufnahme. Darin zeichnet Jürgen Matschie ein differenzierteres Bild seiner zweisprachigen Heimat über einen Zeitraum von mehr als vierzig Jahren.

Bildband "Tief im Osten" 5 min
Bildrechte: Jürgen Matschie

Diese Frauen, so scheint es, haben Zeit. Auf dem Foto sitzen sie auf einer improvisiert aussehenden Bank – eine links, die andere rechts, in ihrer Mitte ein Hündchen. Alle drei sind leicht untersetzt. Die heruntergerollten Nylonstrümpfe, geblümten Kittelschürzen, die Mienen der Frauen und selbst die des Hundes strahlen eine heitere Ruhe aus.

Bildband "Tief im Osten"
Seit 40 Jahren ist Jürgen Matschie in der Lausitz unterwegs. Bildrechte: Jürgen Matschie

"Nachbarinnen" nannte Jürgen Matschie die Fotografie aus dem Jahr 1988. Er nahm diese Idylle im brandenburgischen Teil der Lausitz auf, im Örtchen Grötsch (oder Groźišćo, wie das Dorf auf niedersorbisch heißt), oder um es mit den Worten des Herausgebers zu sagen: "Tief im Osten". Im gleichnamigen Bildband blickt Jürgen Matschie auf die so bezeichnete Region und wie sie sich verwandelt hat.

Rückblick auf die Lausitz und ihren Fotografen

Bildband "Tief im Osten"
Jürgen Matschie fängt den Wandel der Region ein. Bildrechte: Jürgen Matschie

Der Bildband ist eine Retrospektive in zweifacher Hinsicht: auf eine Region und ein Künstlerleben. Seit ungefähr 40 Jahren lichtet Jürgen Matschie seine Heimat ab – systematisch, in großen Bilderserien. Nach dem Fernstudium der Fotografie an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig in den 80er-Jahren fand der gebürtige Bautzener hier zu seiner eigenen Bildsprache. "Da man vom Dorf kam und Bautzen eine Kleinstadt war, ist man dann zum Teil darüber gestolpert: Durfte man das überhaupt fotografieren, eine Beerdigung?", erzählt Matschie.

Jürgen Matschie
Für Jürgen Matschie bedeutet Fotografie einen Blick in andere Zeiten. Bildrechte: Jürgen Matschie

Geschult an Wegbereitern und -begleitern des Genres wie dem französischen Altmeister Henri Cartier-Bresson oder dem Kollegen Thomas Kläber, galt sein Interesse fortan dem scheinbar unspektakulären, ungeschönten Alltagsleben. "Das war für mich auch eine Ertüchtigung zu sagen: Na klar kann man das. Solange die Leute mitmachen, sollte man das. Dann fing ich an, die Fotografie als Dokument zu betrachten für eine Zeit, die irgendwann vorbei ist."

Der Bildband umfasst mehr als 40 Jahre Geschichte

Das früheste Foto im Band "Tief im Osten" stammt aus dem Jahr 1976, das neueste von 2020. Dazwischen entfaltet sich ein Panorama gelebten Lebens, das gerade deshalb so eindrücklich ist, weil es nur den Widerschein der großen Ereignisse im alltäglichen Leben zeigt. Den Wandel der Zeiten – DDR, das Umbruchsjahr 1990, die Lebenswirklichkeit in der Lausitz als Teil eines sogenannten "neuen Bundeslandes" – bringt er zum Beispiel lakonisch auf den Punkt, indem er die wechselnde Schaufenstergestaltung zeigt.

Bildband "Tief im Osten"
Tradition und Geschichte jenseits von Trachten spielen eine Rolle. Bildrechte: Jürgen Matschie

Empathie und ironische Distanz halten sich bei Jürgen Matschie stets die Waage. Diese Haltung zeigt er auch den eigenen Landsleuten, den Sorben, gegenüber: "Sie blicken nicht kämpferisch, eher grimmig und distanziert", beschreibt der Kunstwissenschaftler Bernd Lindner die abgelichteten Demonstranten aus dem Herbst 1989 im Vorwort. "Die Sorben waren immer ein 'duldsames Völkchen', kommentiert der Fotograf schmunzelnd ihre Verhaltensweise. Lieber still und heimlich das Plakat 'Die DDR – mein Staat' aus dem Rahmen schneiden, wenn der Staat bereits ausgedient hat, als vorher dagegen rebellieren."

Lausitz: Zwischen Strukturwandel und Rechtsruck

Bildband "Tief im Osten"
Die Region wird auch als Kohlerevier gezeigt. Bildrechte: Jürgen Matschie

Protest begegnet den Betrachterinnen und Betrachtern des Bildbandes dennoch: zum Beispiel beim Abriss uralter sorbischer Dörfer für den Braunkohletagebau vor und nach 1989. Auch von Grötsch, wo das Foto der beiden Nachbarinnen mit dem Hündchen entstand, fehlte zur Zeit der Aufnahme schon eine Hälfte, was der Idylle nachträglich einen bitteren Beigeschmack verleiht. Gerade durch den beschlossenen Braunkohleausstieg und den damit verbundenen Strukturwandel gerät das Thema aktuell wieder in den Fokus.

Der Fotograf steht diesem Rummel skeptisch gegenüber: "Es hat keiner drüber geredet, dass nach der Wende von den 21 Tagebauen sechs übrig geblieben sind", meint der Künstler. Die Fotografien des Bildbandes zeigen deshalb auch die andere Seite: Ehemalige Arbeiter in den Trümmern ihrer früheren Betriebe. Die Kamera fängt den kritischen Blick sowie die knotigen Hände ein – und die Leere.

Bildband "Tief im Osten"
Matschie fängt auch die politische Stimmung der Region ein. Bildrechte: Jürgen Matschie

Später ziehen rechte Kundgebungen durch den Bildband. Einfache Bürger stehen mit Reichskriegsflaggen am Straßenrand, Ignoranz und Kälte in den Gesten der Menschen. Gibt es kaum Hoffnung so "Tief im Osten"? Doch: Das letzte Foto ist Matschies versöhnlicher Kommentar dazu und zeigt junge Bautzener auf einer Fridays for Future-Demonstration.

Bildband "Tief im Osten"
Auch in der Lausitz engagieren sich Menschen gegen die Klimakrise. Bildrechte: Jürgen Matschie

Ein gelungener Bildband über die Lausitz

"Tief im Osten" ist mehr als ein – zweifellos wichtiger – Beitrag zur aktuellen Debatte um die vermeintliche Mentalität eines ganzen Landstriches. In seinen Schwarzweißfotografien erzählt Jürgen Matschie universelle Geschichten vom Leben und Sterben, von der Arbeit und von den Feierlichkeiten, von Traditionen und vom stetigen Neubeginn. Das alles macht "Tief im Osten" zu einem wunderbaren Bildband – nicht nur über die Lausitz.

Cover "Tief im Osten"
Bildrechte: Jürgen Matschie

Angaben zum Buch Jürgen Matschie: "Tief im Osten. Die Lausitz im Wandel 1976–2020"
Mit einem Vorwort von Bernd Lindner
Mitteldeutscher Verlag
160 Seiten
ISBN: 978-3-96311-403-8
25 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 07. Juli 2021 | 18:30 Uhr

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