Buch über Feminismus und DDR Leipziger Autorin mit frischem Blick auf Maxie Wander, Brigitte Reimann und Christa Wolf

Seit einigen Jahren kann man in deutschen Verlagen den Trend beobachten, weiblichen Stimmen mehr Raum einzuräumen. Das betrifft auch Schriftstellerinnen, die nicht mehr leben und trotzdem neu aufgelegt werden, wie etwa Irmgard Keun. Eine junge Autorin aus Leipzig ist angetreten, drei schreibende Frauen ins Rampenlicht zu rücken, die zu den wichtigsten Stimmen der DDR-Literatur gehörten. Carolin Würfel hat die Biografien von Maxie Wander, Brigitte Reimann und Christa Wolf miteinander verflochten.

"Drei Frauen träumten vom Sozialismus" 4 min
Bildrechte: Hanser Literaturverlage

Auf den ersten Blick könnten sie unterschiedlicher nicht sein: die junge Frau aus Wien, die ernsthafte Dame aus Landsberg an der Warthe und die Lady aus Burg, die allen Männern den Kopf verdreht. Trotzdem weisen die Biografien von Maxie Wander, Christa Wolf und Brigitte Reimann durchaus Parallelen und Schnittmengen auf, die Carolin Würfel in ihrem Buch "Drei Frauen träumten vom Sozialismus" geschickt herausarbeitet.

Zunächst stellt sie uns die Frauen vor, erzählt von den sehr unterschiedlichen Milieus, in denen sie aufgewachsen sind, von den frühen Schreibversuchen. Wir begleiten Christa Wolf zum Studium nach Leipzig, Brigitte Reimann nach Hoyerswerda in die Neubauwohnung und zu den schreibenden Arbeitern. Wir lesen, wie die in Wien geborene Maxi Wander mit ihrem Mann Fred in Kleinmachnow landet und zwischen Haushalt und Schreiben balanciert.

Suche nach feministischen Spuren

Überhaupt ist das "Frausein im Sozialismus" für Carolin Würfel von besonderem Interesse, sie sucht nach feministischen Spuren nicht nur im Werk von Maxie Wander, Christa Wolf und Brigitte Reimann, sondern auch in deren Leben. Wobei Brigitte Reimann sie besonders zu faszinieren scheint. Denn anders als Wander und Wolf findet die nicht den einen Mann, der bleibt, sondern verliebt sich immer wieder aufs Neue.

Brigitte Reimann im Porträt
Brigitte Reimann galt als "femme fatal" der DDR-Literaturszene. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Was Reimann zu ihren verklemmten Lebzeiten oft zum Vorwurf gemacht wird, findet Carolin Würfel aus heutiger Perspektive durchaus nachvollziehbar: "Ein Frauenleben über Männergeschichten zu beschreiben und zu begreifen versuchen ist blödsinnig und eindimensional. Reimanns Männergeschichten und Eroberungen spielen beim Blick auf die Schriftstellerin jedoch tatsächlich eine Rolle: Männer waren Musen und Inspirationsquellen für Protagonisten und Figuren in ihren Büchern. Beim Schreiben verarbeitete sie, was sie sich von Liebe erhoffte, was Liebe meinte und was Liebe scheitern ließ."

Geplatzte Träume, früher Tod

Während Brigitte Reimann als "femme fatal" der DDR-Literaturszene gilt und schon deshalb von den Funktionären nicht ganz ernst genommen wird, verstrickt sich ihre mütterliche Freundin Christa Wolf zunehmend in den Widersprüchen des Systems. Erst wird sie von der Stasi angeworben und wegen mangelnder Mitarbeit wieder fallengelassen. Dann wird sie selbst jahrzehntelang bespitzelt, weil sie aus ihrem Herzen keine Mördergrube macht und mit "Nachdenken über Christa T." einen Roman schreibt, der nicht dem Ideal des sozialistischen Realismus entspricht.

Christa Wolf bei einer Veranstaltung in der Ost-Berliner Erlöserkirche im Oktober 1989
Christa Wolf (Bild) war eine mütterliche Freundin von Brigitte Reimann. Bildrechte: imago images / epd

Maxie Wander verfasst derweil mit "Guten Morgen, du Schöne" ein Buch, das sie über Nacht berühmt macht, weil hier "echte" Frauen zu Wort kommen. Nicht umsonst nennt Carolin Würfel den dritten und letzten Teil ihres Buches: "Träume platzen". Jede der drei Schriftstellerinnen hatte tatsächlich einmal vom Sozialismus geträumt und sich in seinen Dienst gestellt. Doch die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 ist für sie alle ein Wendepunkt. Maxie Wander und Brigitte Reimann werden ihn nicht lange überleben, beide Frauen sterben viel zu früh an Krebs, "eine Gemeinheit", wie Carolin Würfel es nennt. Christa Wolf, der ein langes Leben beschert ist, muss dagegen mit ansehen, wie der Sozialismus immer mehr zur Farce gerät. 

Auszug aus aus Carolin Würfels "Drei Frauen träumten vom Sozialismus": Für Christa Wolf, die einmal so glühend und mit solcher Inbrunst an das Versprechen des Sozialismus als Antidot zum Nationalsozialismus geglaubt hatte, war der Traum, dass in der DDR ein neues, besseres Stück Welt mit neuen, besseren Menschen entstehen und Realität werden würde, Mitte der siebziger Jahre endgültig geplatzt. In dem Raum voller abgestandener Utopie, in dem mal drei Freundinnen dicht beieinandergestanden und gekämpft hatten, befand sich am Ende nur sie, zurückgezogen an den Rand, im Türrahmen, aber immer noch da - als eine Frau, die um die Fehler wusste und sich eingestehen musste, dass träumen nur noch im Traum ging. Und vielleicht im Schreiben.

Lust aufs Entdecken und Wiederlesen

Wer in der DDR und mit den Büchern der drei Frauen aufgewachsen ist, wird in dem schmalen Band "Drei Frauen träumten vom Sozialismus" nicht sehr viel Neues erfahren. Die Bücher von Maxie Wander, Christa Wolf und Brigitte Reimann standen und stehen in den ostdeutschen Bibliotheken, ihre Tagebücher und Briefwechsel konnte man schon den 1990er-Jahren zur Kenntnis nehmen.

Die österreichische Schriftstellerin Maxie Wander.
Durch "Guten Morgen, du Schöne" wurde Maxie Wander über Nacht berühmt. Bildrechte: dpa

Auf dem Weg zur Freiheit

Trotzdem hat das Buch von Carolin Würfel seine Berechtigung, weil die 1986 in Leipzig geborene Autorin mit historischem Abstand und frischem Blick auf die Geschichte schaut. Gut nachvollziehbar erklärt sie ihrer Generation, wie Literatur in der DDR funktioniert hat, mit welchen Hoffnungen sie verbunden war, mit welchen Widerständen sie kämpfen musste. Und auch, warum sie sich als Nachgeborene diesem Thema überhaupt widmet: "Es wäre so leicht, die Geschichte Ostdeutschlands, dieses Experiments DDR, zu den Akten zu legen, aber die Wahrheit ist, dass Reimann und die beiden anderen Frauen, die Teil dieses Experiments waren, den Weg für meine Freiheit geebnet haben."

Nicht zuletzt ist Carolin Würfels Buch natürlich vor allem eine Einladung, die Bücher von Maxie Wander, Brigitte Reimann und Christa Wolf entweder zu entdecken oder noch einmal zu lesen.

"Drei Frauen träumten vom Sozialismus"
Bildrechte: Hanser Literaturverlage

Zum Buch Carolin Würfel: "Drei Frauen träumten vom Sozialismus. Maxie Wander, Brigitte Reimann, Christa Wolf"
Verlag Hanser Berlin
Seiten: 272
Preis: 23 Euro
ISBN: 978-3-446-27384-9

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 05. Oktober 2022 | 07:40 Uhr

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