Hörbuch Wie eine Leipziger Autorin schonungslos ihre Alkoholsucht schildert

In ihrem 2014 erschienenen Debütroman "Schweinesystem" schickte die Leipziger Autorin Christine Koschmieder zwei Frauen aus unterschiedlichen Welten auf die Suche nach ihrem Glück. Jetzt stellt sie sich selbst in den Mittelpunkt – und ihr problematischer Alkoholkonsum. "Dry" heißt ihr autobiografischer Roman, den sie nun selbst als Hörbuch eingelesen hat. Eine Geschichte, die zu Herzen geht.

Eine Frau mit hochgesteckten, dunklen Haare und einem schwarzen Mantel lehnt mit dem Rücken an einer Wand. 4 min
Bildrechte: Susanne Schleyer
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Es ist eine schmerzhaft ehrliche Selbsterkundung: In "Dry" begibt sich Christine Koschmieder auf Spurensuche in ihre Vergangenheit – zu den Auslösern ihrer Alkoholsucht. Das Hörbuch liest sie selbst.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 29.08.2022 09:35Uhr 03:54 min

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Man hört Christine Koschmieder das viele Leid nicht an, dass sie in ihrem Leben bislang erfahren hat. Das lieblose, von Vorwürfen geprägte Verhalten der Mutter, die Alkoholabhängigkeit ihres Vaters, der frühe Krebstod ihres Mannes mit Anfang 30 – da war sie schon selbst zweifache Mutter – um nur einiges zu nennen. Jung klingt ihre Stimme und freundlich, während sie uns davon erzählt. Denn ihr Roman "Dry", den sie selbst als Hörbuch eingelesen hat, handelt von diesem Leben.

Die 50-Jährige bezeichnet es als griechische Tragödie mit hohem Hollywoodanteil, so eine, "in der die Götter ständig im Drehbuch rumpfuschen. Ein Drehbuch, das die Heldin auf die Reise geschickt hat, ohne ihr einen Auftrag mitzugeben. Was mich nicht daran gehindert hat, aufzubrechen. Mein Leben besteht ja eigentlich aus nichts anderem."

Hörbuchcover von "Dry", darauf sind drei Buchstaben D, R und Y, letzteres wie ein stilisiertes Weinglas gestaltet
Das Cover des Hörbuches "Dry" von Christine Koschmieder Bildrechte: Kanon Verlag

Autobiografische Reise in die Vergangenheit

Im Roman liegt hinter der Heldin gerade ein weiterer Aufbruch. Sie sitzt in ihrem Zimmer in einer Suchtklinik. Denn Koschmieder, die sich auch im Buch bei ihrem richtigen Namen nennt, ist alkoholkrank und bereit, sich ihren Dämonen zu stellen. Nun, das gehört zur Therapie, blickt sie auf ihr bisheriges Leben zurück. In Kurzform notiert, lauten die Stationen: "Scheidung Mama Papa, Umzug Leipzig, USA, Tod 1, 2 und 3, Auszug Micha."

Die abgeschiedene Klinikwelt, mit ihren Mitpatienten, den Gruppensitzungen, Mahlzeiten, Regeln und einsame Spaziergängen, bildet den Rahmen, in dem die Autorin die Stationen ihres Lebens noch einmal Schritt für Schritt heraufbeschwört – um zu ergründen, warum sie so wurde, wie sie ist. So bedürftig des Geliebtwerdens auf der einen, so unsicher und voller Angst vor Verbindlichkeit auf der anderen Seite.

Mehr zur Autorin

Christine Koschmieder wurde 1972 geboren und studierte in Leipzig unter anderem Theater- und Kommunikationswissenschaften. 2003 gründete sie die Literaturagentur "Partner + Propaganda", mit der sie zum Beispiel die Buchpreisträgerin Inger-Maria Mahlke oder den kroatischen Autoren Edo Popović vertritt. 2014 veröffentlichte Koschmieder den Roman "Schweinesystem", der für aspekte-Literaturpreis nominiert war und als eines der wichtigsten Debüts des Jahres gefeiert wurde. 2020 folgte das Buch "Trümmerfrauen". "Dry" ist ihr dritter Roman.

Ankunft im Leipzig der Nachwendezeit

Erste Station ist der Umzug aus einem Heidelberger Vorort ins "Land der Kohleöfen", nach Leipzig. Sie beschreibt: "Ich habe einen Emaileimer mit Holzgriff und eine Matratze mit Stockflecken und einen Bibliotheksausweis aus gelblichem Karton, von dem der Karl Marx vor der Universität sorgfältig mit Bleistift und Lineal ausgestrichen ist. Ich habe ein eigenes Konto, auf dem per Gehaltspfändung der Unterhalt eingeht, den meine Mama mir schuldet und eine Telefonzelle, an der sich abends lange Schlangen bilden."

Es ist wunderbar, wie Koschmieder das Antlitz der Stadt in den frühen 90er-Jahren beschreibt, deren Fassaden im orangefarbenen Licht der Straßenbeleuchtung sie an Italien denken lassen." 

Ihren Blick für sprechende Details verbindet sie in "Dry" mit einem lakonischen, knappen Erzählstil. So schildert sie ihre Kindheit und Jugend, die Geburten ihrer Kinder, die Abschiede von ihrem Mann, ihrem Vater und später auch von ihrer Mutter. Ganz beiläufig tauchen Motive auf. Etwa der Satz "Es ist aber auch wirklich nicht einfach, mich zu lieben", der in seiner Kürze so viel Tragik enthält.

Trotz aller Traurigkeit ein Buch voller Hoffnung

Ebenso beiläufig werden Weinflaschen geöffnet oder Gläser mit Chardonnay nachbestellt. Nie ergeht sich Koschmieder im Roman in dramatischen Schilderungen der Alkoholsucht, weil "eine Abhängigkeit sich nicht an Menge, Häufigkeit oder Regelmäßigkeit des Alkoholkonsums festmachen lässt. Und schon gar nicht an seiner Auffälligkeit."

Verschiedene Spirituosen stehen hinter dem Bartresen in einer Bar.
Mit einem Glas zur Entspannung fängt es oft an, doch der Weg in eine Alkoholabhängigkeit verläuft oft fließend. Christine Koschmieder Bildrechte: dpa

Lange hat auch Koschmieder die Fassade einer taffen Frau aufrechterhalten, die sich Gefühle mit Ironie vom Leib hält. Erst in der Klinik bricht sie irgendwann zusammen. Am Ende stellt sich aber genau das als Stärke heraus. "Vielleicht kann ich mir viel besser helfen, als ich das je von mir geglaubt habe", erkennt Koschmieder in der Therapie, "ich kann in eine Suchtklinik gehen, wenn ich merke, dass ich Hilfe brauche."

So ist "Dry" bei aller Traurigkeit auch ein hoffnungsvolles Buch, deren Autorin einem nach der fast neunstündigen Lesung ans Herz gewachsen ist.

Angaben zum Hörbuch

Christine Koschmieder: "Dry" (Hörbuch)
Gelesen von Christine Koschmieder
Kanon Verlag, 2022

Ca. 9 Std., 1 MP3-CD
ISBN: 978-3-98568-044-3

Veranstaltungen mit Christine Koschmieder ● 30. September 2022, Buchhandlung Bücherwurm, Grimma
Lesung im Rahmen der Lesereihe "Landparty" des Sächsischen Literaturrats.

● 28. Oktober 2022, Neues Schauspiel, Leipzig
Buchpremiere. Eine Veranstaltung in der Reihe "Die schlecht gemalte Deutschlandfahne" im Rahmen des Literarischen Herbstes Leipzig.
Moderation: Rebecca-Maria Salentin und Svenja Gräfen

Redaktionelle Bearbeitung: OP, tsa

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. August 2022 | 11:15 Uhr

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