Neuer Roman "Der Hypnotiseur" Schriftsteller und Psychiater Jakob Hein: Wie man mit Hypnose das Glück finden kann

Im neuen Roman von Jakob Hein lässt ein Hypnotiseur Menschen ihr Glück in der Welt der gedanklichen Fantasie finden. Und die ist häufig besser als die Wirklichkeit. Die Handlung von "Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken" hat der Leipziger Schriftsteller in die DDR gelegt. Doch das Buch ist keineswegs ein nostalgischer Trip, sondern ein unterhaltsames wie auch tiefsinniges Plädoyer für die Kraft der Fantasie.

Ein Mann laesst ein Pendel schwingen. 7 min
Im Klischee werden Menschen mit Pendeln in Hypnose versetzt – in der medizinischen Praxis wird man das kaum antreffen. Bildrechte: dpa
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Wie verreist man, wenn man nicht reisen kann? In Jakob Heins unterhaltsamen Roman entführt ein Hypnotiseur seine Klienten in die Ferne. Andrea Gerk stellt es für MDR KULTUR vor.

MDR KULTUR - Das Radio Mo 14.02.2022 15:30Uhr 07:10 min

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Der Leipziger Jakob Hein ist nicht nur ein erfolgreicher Schriftsteller mit inzwischen 17 veröffentlichten Büchern, sondern auch ein erfahrener Psychiater. Als solcher praktiziert er auch Hypnose. Von dieser Therapieform erzählt er in seinem neuen Roman "Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken".

Ein Zitat von Schopenhauer ist dem Roman vorangestellt: "Im Reich der Wirklichkeit ist man nie so glücklich wie im Reich der Gedanken." Und um solche philosophischen Fragen geht es in Heins neuem Buch – auf eine leichte, unterhaltsame und sehr humorvolle Art.

Erzwungener Neuanfang in der DDR

Hypnotiseur und Protagonist des Romans ist Michael. Vom Psychologie-Studium in Rostock ist er ausgeschlossen worden, weil er Schopenhauer und Marx zusammengedacht hat. In den 80ern der DDR ist so viel freies Denken ein Grund, diese vielversprechende Karriere zu beenden.

Michael geht nach Soldin, ein kleines Dorf im unteren Odertal, wo seine Oma Gerda wohnte, die ihm ihren Bauernhof vererbt hat. Dort lässt er sich nun nieder und bietet Hypnosen an, die Technik hatte er noch vor seinem Studienrausschmiss von einem alten Professor erlernt.

Michael ermöglicht nun Künstlern, Studenten, schönen jungen Frauen unauffällige und unschuldige Fluchten aus dem drögen DDR-Alltag. Denn was die Fernwehgeplagten auf ihren Gedankenreisen erleben, ist "besser als ein Roman, besser als jeder Film":

In der Hypnose bist du die Hauptdarstellerin. Wenn man es kann, wenn man sich darauf einlässt, kann keine Reise so schön sein wie eine in Hypnose.

Aus dem Roman "Der Hypnotiseur" von Jakob Hein

Träume von Paris

Eine seiner ersten Klientinnen ist Anika, Sekretärin bei der VEB Farbe und Lacke in Berlin, mit einem "Paris-Fimmel" – sie wünscht sich nichts sehnlicher, als einmal dorthin zu reisen. Micha, so wird ihr gesagt, könne sie mit Hypnose an jeden Ort bringen, an den sie reisen möchte.

Und tatsächlich lässt der sympathisch-verschrobene Eigenbrötler mit seiner "Angeleiteten Entspannung" für sie alle Wünsche wahr werden. Die Reise nach Paris verläuft sogar viel besser, als sich Anika das erhofft hat, schon im "Flugzeug" trifft sie Schauspielstar Alain Delon, der sie auf ihrer ersten Paris-Reise begleitet. Schon nach ein paar Hypnosesitzungen ist klar, Annika will gar nicht mehr zurück in ihr altes Leben. Sie kommt nach ein paar Wochen zurück und bringt den chaotischen, heruntergekommenen Hof auf Vordermann.

Buchcover: Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken 7 min
Bildrechte: Galiani Verlag
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Wie verreist man, wenn man nicht reisen kann? In Jakob Heins unterhaltsamen Roman entführt ein Hypnotiseur seine Klienten in die Ferne. Andrea Gerk stellt es für MDR KULTUR vor.

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Provinz wird Berliner Geheimtipp

Schwarz-weiß-Aufnahme von Robert Smith von The Cure bei einem Auftritt
Ein häufiger DDR-Traum: einmal Robert Smith mit The Cure live erleben. Dank Hypnose klappt das im Roman "Der Hypnotiseur" von Jakob Hein. Bildrechte: IMAGO

Hein lässt verschiedene Figuren aus ihren jeweiligen Perspektiven erzählen: eine Nachbarin aus dem Dorf, die schon erwähnte Anika, oder auch Peggy, die schon immer Robert Smith von "The Cure" live erleben wollte – und das Dank Micha auch schafft.

Das Ganze spricht sich schnell rum, wird zum Geheimtipp in der Berliner Szene. Und so entwickelt sich bald eine gut florierende Kommune, die letztlich ein ganz unschuldiges Vergnügen, eine Flucht aus dem drögen Alltag ermöglicht.

Weil aber in einer Diktatur bekanntlich nicht einmal die Gedanken frei sein dürfen, rückt irgendwann doch die Stasi an. Denn keiner der Besucher wollte nach Warschau oder Ostrava reisen, sondern immer waren es "London, New York, Paris. Mitten hinein in den tiefsten, den verdorbensten, den bourgeoisesten Kapitalismus."

Kein nostalgischer DDR-Roman

So liebevoll und lustig Jakob Hein den Alltag in der DDR nachzeichnet, so wenig ist sein Buch ein nostalgischer Trip in den fernen Osten. Vielmehr geht es in einem ganz grundsätzlichen Sinn um unser Verhältnis zur Wirklichkeit und die Frage, ob man nicht tatsächlich in der eigenen Vorstellung schon das ganze Glück finden kann, dem die Realität letztlich nur hinterherhinken kann. Und das gilt für die sozialistische Wirklichkeit ebenso wie für die im Kapitalismus.

Hein ist ein federleicht geschriebener Roman gelungen, ein unterhaltsames, aber auch tiefsinniges Plädoyer für Gedankenfreiheit und für die Kraft der Fantasie, die immer und jederzeit an Orte versetzen kann, zu denen die eigenen Wünsche und Träume tragen – also auch in von Einschränkungen geprägten Corona-Zeiten.

Cover des Buches "Der Hypnotiseur" von Jakob Hein: Der Eiffelturm in Paris umringt von Blumen
Cover des Buches "Der Hypnotiseur" Bildrechte: Galiani Verlag

Informationen zum Buch Jakob Hein: "Der Hypnotiseur oder Nie so glücklich wie im Reich der Gedanken"
Roman, 208 Seiten
ISBN: 978-3-86971-254-3
Galiani Verlag
20 Euro

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 14. Februar 2022 | 17:40 Uhr

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