Roman "Die Woche" Heike Geißler aus Leipzig schreibt über die Suche nach dem richtigen Protest

Dass Montage keine guten Tage sind, wusste schon der Cartoon-Kater "Garfield". Im Roman "Die Woche" der Leipziger Autorin Heike Geißler kämpft eine Frau gegen eine Woche voller Montage und versucht, die richtige Form für Protest zu finden. Der Roman besteht aus unterschiedlichen Textsorten und ist ein wahres "Kunststück", findet unser Kritiker. "Die Woche" ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Heike Geißler, Leipziger Autorin, posiert an eine Hauswand gelehnt, für ein Foto. 3 min
Bildrechte: Heike Steinweg/Suhrkamp Verlag

Die Welt gerät aus den Fugen. Nicht erst, seit Russland die Ukraine angegriffen hat, sondern schon seit einer ganzen Weile. Vielleicht hat es mit der Finanzkrise 2008 angefangen oder mit den neuen Montagsdemonstrationen seit 2014, bei denen Verschwörungstheoretiker ihre kruden Ansichten verbreiteten. Oder das Jahr darauf, mit Legida, Pegida. – Wann genau alles schiefgegangen ist, vermag auch die Protagonistin in Heike Geißlers Roman "Die Woche" nicht zu sagen. Aber sie ringt um eine passende Antwort.

Proletarische Prinzessin aus Leipzig

"Die Woche" erzählt von einer Frau, 40 Jahre alt, zwei Kinder, eine selbsternannte "proletarische Prinzessin", um die herum alles ins Rutschen gerät: Ihr droht die Entmietung, Riesen sind ins Haus gegenüber eingezogen und haben ein laut plärrendes Karussell aufgestellt. Bei ihr selbst hat sich der Tod eingenistet und hängt jetzt schlaff auf der Couch rum, als hätte er Burnout. Und Freundin Constanze wittert überall die Chance, aus den skurrilsten Begebenheiten Workshops und Seminare zu machen. Ein unsichtbares Kind versucht, sich ins Leben zu argumentieren. Und auf den ersten Montag dieser Woche folgt nicht Dienstag, sondern noch ein Montag – und noch einer und noch einer … Mit jedem Montag scheint der Wahnsinn weiter zuzunehmen – politisch, gesellschaftlich, persönlich.

Roman über eine vermeintlich unpolitische Generation

Geißler fragt in ihrem Roman danach, warum diese Generation der heute 40-Jährigen sich so schwer damit tut, eine Antwort auf die Ungerechtigkeiten zu finden, die sie doch überall klar erkennt. Die Ich-Erzählerin der Leipziger Autorin rennt weniger gegen die gesellschaftlichen Verhältnisse an, als gegen die eigenen Erwartungen, was richtiger Protest sein soll, wie er aussehen muss, was er bewirken soll.

Augustusplatz, City-Hochhaus, Augusteum und Paulinum der Universität, Krochhochhaus, Wasserspiegelung in Wasserbassin.
Der Leipziger Augustusplatz steht für Kultur und studentisches Leben, aber auch für Demonstrationen. Bildrechte: imago/imagebroker

"Die Woche" lässt sich vielleicht am ehesten als Bewusstseinsstrom einer Generation lesen, die als unpolitisch verschrien ist, aber in zutiefst politischen Zeiten lebt und es einfach nicht auf die Reihe kriegt, zu handeln. Den Konflikt bringt Geißler in einem wunderbaren Absatz auf den Punkt, einer Rückblende in die Uni-Zeit der Ich-Erzählerin: Ein Professor lässt sich zu einer Tirade hinreißen, wird ausfällig. Doch anstatt aufzustehen und ihm Paroli zu bieten, packt die Protagonistin zum Ende der Vorlesung wütend ihre Sachen. Sie geht, aus Angst, der Professor könnte sie im Falle ihres Protests auf ihre fettigen Haare ansprechen.

Drahtseilakt der Literatur

Buchcover von "Die Woche" von Heike Geißler: Auf blauem Hintergrund sieht man zwei weiß-pinke Zettel fallen.
Mit dem Buch "Die Woche" ist der Leipziger Autorin Heike Geißler ein Kunststück gelungen. Bildrechte: Suhrkamp Verlag

So wie die Welt der Hauptfigur (die übrigens namenlos bleibt) aus den Fugen gerät, so verliert auch der Roman immer wieder seine Form. Auf Prosa-Abschnitte folgt Lyrik, aus Lyrik werden Slogans, die sich fast bei einer Demo skandieren ließen. Aus dem "Ich" wird ein "Wir" und dann doch wieder ein "Ich". Mal entfaltet der Roman einen mitreißenden Rhythmus, dann lässt Geißler ihn wieder in sich zusammenfallen. Der Text steckt voll von scheinbaren Widersprüchen und schiefen Metaphern, die bei näherem Hinsehen präziser kaum sein könnten. Vielleicht trifft es also der Titel der Goya-Radierung "Präzise Torheit", über die Geißler an einer Stelle des Romans schreibt, tatsächlich am besten. Das Bild zeigt ein Pferd, dass auf einem Seil balanciert, und auf dem Pferd balanciert eine Seiltänzerin, im Hintergrund dicht gedrängtes Publikum.

Der Roman ist ein ähnliches Kunststück: er steckt voller verwegener Gedanken, voller Torheiten, die man auf den ersten Blick abkanzeln könnte. Auf den zweiten Blick zeigt sich dann aber, dass kaum jemand mit so klarem Blick auf die Gesellschaft und gleichzeitig so spielerisch erzählen kann, wie Heike Geißler das in "Die Woche" tut. Der Roman ist ein Drahtseilakt zwischen humorvollem Widerstand gegen und Verzweiflung über den Zustand der Welt. Kurzum: "Die Woche" ist ein wirklich gelungenes Kunststück.

Information zum Buch Heike Geißler: "Die Woche"
Erschienen bei Suhrkamp
316 Seiten, 24 Euro
ISBN: 978-3-518-43053-8

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | Unter Büchern | 09. März 2022 | 18:00 Uhr