"Die Diplomatin" Schriftstellerin Lucy Fricke: "Herkunft ist nichts, was man loswerden muss"

Lucy Fricke, 1974 in Hamburg geboren, hat am Deutschen Literaturinstitut Leipzig studiert. Ihr letzter Roman "Töchter" (2018) wurde zum Bestseller, der mit Birgit Minichmayr und Alexandra Maria Lara verfilmt wurde. Das Potential dazu hat auch ihre neueste literarische Veröffentlichung "Die Diplomatin". Im Gespräch mit MDR KULTUR gibt Lucy Fricke nicht nur spannende Einblicke hinter die Kulissen des Auswärtigen Amts, sondern spricht auch über ihre eigene Herkunft und Karriere.

Lucy Frickes Roman "Die Diplomatin"
In ihrem neuen Roman "Die Diplomatin" erzählt Lucy Fricke von einer deutschen Konsulin, die in Instanbul den Glauben an die Diplomatie verliert.
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Lucy Frickes neuer Roman "Die Diplomatin" handelt von einer Tochter aus einfachen Verhältnissen, die sich auf den Weg gemacht hat, die Welt der deutschen Botschaften zwischen Montevideo und Istanbul zu erkunden.

Während es sich in Frickes Vorgänger-Roman mit dem Titel "Töchter" noch um Sorgen persönlicher Natur handelte, die die Protagonistin umtrieben, steckt die Diplomatin Friederike Andermann, kurz "Fred", als erfahrene und ehrgeizige Konsulin mitten in internationalen Affären. Als sie ins politisch aufgeheizte Istanbul versetzt wird, steht sie vor der bisher größten Herausforderung ihrer Karriere.

Lucy Fricke, 2019 41 min
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41 min

MDR KULTUR - Das Radio So 03.04.2022 12:00Uhr 40:54 min

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"Eine Geschichte, die wichtiger ist, als das eigene Leben"

Lucy Fricke kennt die Welt, über die sie schreibt. Im Rahmen eines Stipendiums an der Kulturakademie Tarabya verbrachte Sie im Jahr 2019 selbst einige Monate in der Sommerresidenz der Deutschen Botschaft in der Türkei. Um ein Land wirklich kennenzulernen, müsse man sich länger darin aufhalten, sagt Fricke: "Wenn man eine 14-tägige Rundreise macht, hat man am Ende nichts verstanden".

Täglich verfolgte Fricke in der Türkei die Nachrichten von inhaftierten Journalisten: "Es war kaum auszuhalten, dabei zuzuschauen und Nichts tun zu können." So begann die Idee für ihren neuen Roman "Die Diplomatin" zu reifen: "Ich wollte eine Geschichte erzählen, die nicht direkt mit mir zu tun hat. Nicht mein eigenes Leben plündern, sondern irgendwohin gehen und etwas erzählen, was ich dann doch für wichtiger halte als das eigene Leben."

"Herkunft ist nichts, was man loswerden muss"

Wie schon im Roman "Töchter" ist die Mutter-Tochter-Beziehung wieder ein zentrales Motiv in "Die Diplomatin". Während sich die Mutter als Kellnerin in Hamburg durchschlägt, hat die Tochter einen Chauffeur. Die einzige, der Friederike vertrauen kann, bleibt jedoch eine Person, die dem gleichen sozialen Milieu erwächst, wie sie selbst: ihre Hausangestellte.

Ein Milieu, das Lucy Fricke durchaus nicht fremd ist: Sie selbst arbeitete eine Zeit lang bei McDonalds und in einer Fabrik: "Das ist wirklich anstrengend. Man kommt nach acht Stunden nach Hause und ist wie ausgelöscht", erinnert sich die Schriftstellerin.

Und so spielt für sie die Beschäftigung mit Herkunft auch beim Schreiben eine große Rolle: "[Herkunft] ist nichts, was man hinter sich lässt. Das Wichtige ist, das zu akzeptieren und auch zu lieben. Es ist nichts, was man loswerden muss."

Authentische Beschreibung der Außenpolitik

Für ihren Roman über die Kunst der Diplomatie hat Lucy Fricke sehr genau über den Auswärtigen Dienst recherchiert und zahlreiche Gespräche mit Botschafterinnen geführt. Der ehemalige Außenminister Heiko Maas lobt in einer Rezension in der Zeit Frickes "große Präzision in der Beschreibung der Außenpolitik".

Politische Einschätzungen zur Lage in der Türkei stehen im Roman allerdings nicht im Vordergrund, sondern der berufliche und private Alltag der Diplomatinnen: "Ich wollte wissen, wie deren Leben aussieht, unter welchem Druck sie stehen, wie einsam dieser Beruf machen kann, mit wem sie verheiratet sind – wenn sie verheiratet sind."

Völkerverständigung gewinnt in Zeiten des Kriegs umso mehr an Relevanz. In "Die Diplomatin" schreibt Lucy Fricke unter anderem über politische Ohnmacht – ein Gefühl, das bei der Autorin angesichts des Kriegs in der Ukraine aktuell sehr präsent ist: "Man starrt auf die Nachrichten. Ich gucke jeden Morgen und denke, vielleicht gehen die Gespräche weiter, vielleicht gibt es doch eine diplomatische Lösung. Mit dieser Hoffnung guckt man die Nachrichten. Jeden Tag wird diese Hoffnung enttäuscht, jeden Tag wird es grausamer. Das macht einen sprachlos."

Angaben zum Buch

"Die Diplomatin"
Roman von Lucy Fricke
Erschienen bei Claassen, März 2022
256 Seiten, 22 Euro
ISBN: 9783546100052

Mehr über die Schriftstellerin Lucy Fricke

MDR KULTUR Literaturredakteurin Katrin Schumacher (rechts) und MDR KULTUR Moderator Carsten Tesch 59 min
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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | MDR KULTUR Café | 03. April 2022 | 12:05 Uhr

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