László Krasznahorkai Apokalypse in der thüringischen Provinz: der Roman "Herscht 07769"

Der Roman "Herscht 07769" des preisgekrönten ungarischen Autors László Krasznahorkai spielt in der thüringischen Provinz, irgendwo zwischen Jena und Saalfeld. Die Hauptfigur Herscht glaubt naiv an das Gute im Menschen und will die von Neonazis vereinnahmte Stadt nicht verlassen. Schritt für Schritt bricht schließlich eine Art Apokalypse über den fiktiven Ort Kana herein. Autoren wie Ingo Schulze und Clemens Meyer sind begeisterte Fans des Romans, der aus einem Satz ohne Punkte besteht. Ein großes Kunstwerk, findet auch unser Kritiker.

Laszlo Krasznahorkai, Schriftsteller aus Ungarn, aufgenommen anlässlich seiner Auszeichnung mit dem "Österreichischen Staatspreis für Europäische Literatur 2021".
Autor László Krasznahorkai wurde 2015 mit dem "International Man Booker Prize" ausgezeichnet. Bildrechte: dpa

Im Zentrum des Romans steht ein Mann namens Florian Herscht aus dem thüringischen Ort Kana, Postleitzahl 07769. "Herscht 07769" schreibt er als Absenderadresse auf seine Briefe an die deutsche Kanzlerin Angela Merkel. Klingt ziemlich verrückt? Ist es auch. "Herscht 07769" ist ein ziemlich ungewöhnlicher Roman.

Besonders und herausfordernd ist bereits seine Form, denn er besteht nur aus einem einzigen Satz, der die über 400 Seiten füllt. Ohne Punkt reiht sich Nebensatz an Nebensatz. Es gibt keine Kapitel, keine Abschnitte. Mal eben flott weglesen? Unmöglich! Ein Kritikerkollege befand, der Roman sei der Beweis, dass es keine Punkte braucht. Nach einigen Seiten möchte man energisch widersprechen und sagen, ganz im Gegenteil: er ist der Beweis dafür, dass Punkte sehr nützlich sind.

Unschuldige Hauptfigur erinnert an Forrest Gump

Anfangs braucht man Kraft beim Lesen, muss sich zwingen. Aber hat man sich darauf eingestellt, setzt tatsächlich eine Art Sogwirkung ein. Man kann nicht mehr loslassen und erwartet wie gebannt jeden neuen Nebensatz. Nicht zuletzt liegt das an der herausragenden sprachlichen Qualität des Buches und der großartigen Leistung der Übersetzerin Heike Flemming – Krasznahorkai schreibt wort- und andeutungsreich, sehr bildhaft und sehr poetisch.

László Krasznahorkai: Hercht 07769
Cover des Buches "Herscht 07769" von László Krasznahorkai Bildrechte: S. Fischer Verlag

"Kana machte nachts nicht den Eindruck eines Ortes, an dem die Menschen schön ruhig schliefen, sondern den eines, aus dem man schon weggezogen war", lässt er Florian denken. Und darin besteht der zweite, ziemlich ungewöhnliche Kniff des Autors. Mit der Figur des Florian hat er einen dieser besonderen Helden der Literatur erfunden, deren Anderssein einen originellen, einen anderen Blick auf die Welt ermöglichen. Florian ist ein bärenstarker, aber geistig etwas zurückgebliebener junger Mann, eine Mischung aus Forrest Gump und Chief Bromden aus "Einer flog über das Kuckucksnest". Ein Heimkind, von allen abgeschrieben, etwas schwer von Verstand, wie man früher sagte, aber im Grunde ein herzensguter Kerl.

Kahla in Thüringen als Inspiration für den Roman?

Florian mag Briefe an die Kanzlerin schreiben, mit dem titelgebenden Absender "Herscht 07769", aber er führt uns als Leser vorurteilsfrei durch das Leben in Kana. Aus seiner naiven, quasi unschuldigen Sicht lernen wir den eigens für den Roman erfundenen Ort kennen. Die Postleitzahl existiert in Wahrheit ebenfalls nicht, aber sie verweist eindeutig in die Gegend zwischen Jena und Saalfeld, wo zum Beispiel Kahla liegt, mit der Postleitzahl 07768. Wie Kahla hat auch Kana eine Porzellanfabrik, und wie viele Orte dieser Größe und Region wurde auch Kana von der Wiedervereinigung schwer gebeutelt. Ein abgehängter Provinzort und seine Bewohner.

Durch Florian lernen wir sie kennen: den Boss, einen fanatischen Nazi und Bachliebhaber, den langsam dement werdenden Physiklehrer Köhler, wegen dessen Theorien vom Urknall Florian glaubt, das Ende der Welt sei nah, und er müsse das der Kanzlerin schreiben. Frau Ringer und ihren Mann, der wiederum gegen die Nazis im Ort kämpft. Frau Hopf und ihren kranken Mann, deren Pension alles andere als gut läuft. Die Witwe Ingrid, die von einem Chrysanthemen-Wettbewerb im Ort träumt, aber von fast allen vor verschlossenen Türen stehengelassen wird.

Neonazis, Musik von Bach und Briefe an Merkel

Als sei diese Melancholie, die über dem Ort schwebt, noch nicht genug, lässt Krasznahorkai schließlich Schritt für Schritt eine Art Apokalypse über Kana hereinbrechen. An Kirchen und Bach-Gedenkstätten tauchen rätselhafte Graffitis auf, der Boss und seine Nazi-Bande wollen den Täter stellen, während andere im Dorf genau ihn, den Boss, verdächtigen, der Täter zu sein. Dann greifen Wölfe einen Mann an, und ausgerechnet der Boss erschießt einen Wolf. Jetzt nimmt die Gewaltspirale richtig Fahrt auf: ein Mitglied der Nazi-Gang wird vom Tankstellenbesitzer bei dem Versuch erwischt, seine Frau zu vergewaltigen. Der Brasilianer schlägt den Mann zusammen. Woraufhin die Tankstelle in die Luft gejagt wird, mutmaßlich vom Boss und seinen alle Zuwanderer hassenden Nazis.

Dann wird der Boss ermordet aufgefunden, wahrscheinlich ist der Täter Herr Ringer. Es wird immer wilder und brutaler und zugleich sehr spannend, und immer wieder erlebt man als Leser alles aus der Sicht Florians mit. Der langsam entdeckt, wie naiv er war. Er hat dem Boss vertraut, an dessen Lippen gehangen, wenn es um Bach und die Heimat Thüringen ging. Er wollte immer nur das Gute in den Menschen sehen, und es lähmt ihn jetzt regelrecht, zu erleben, wie schlecht die Welt ist. Und dann zieht auch noch eine Pandemie auf.

Das perfekte Buch für die Gegenwart

Doch nicht diese Pandemie ist es, die den Roman zu einem perfekten Buch über die Gegenwart macht. Mehr und mehr wird deutlich, dass eine andere Seuche weitaus schlimmer ist: dass, wie eine der Figuren sagt, "die Menschen sich mehr und mehr von ihrer schlechten Seite zeigen". "Herscht 07769" ist das Gegenteil von einem tagesaktuellen Buch, es ist eine düstere Menschheits-Analyse, die Wölfe eine Allegorie des Bösen im Menschen. Ja, es geht auch um die Nazis im Ort, aber das Bild, das Krasznahorkai zeichnet, ist viel größer und komplexer: es ist wie Tübkes "Bauernkriegspanorama", ein facettenreiches Sittengemälde, ausgebreitet anhand eines kleinen, abgehängten Ortes, den niemand kennt.

Orte wie diesen gibt es viele, und Florian Herscht erschließt ihn dem Leser. Er sieht das Unglück, die Einsamkeit, aber auch die Liebe und die Nächstenliebe, die es unter den Menschen von Kana gibt. Das alles gehört zusammen, das Gute und das Böse. Es hängt an einem Faden, und deshalb gehört es auch in diesen einen, nicht enden wollenden Satz, den László Krasnahorkai hier abgeliefert hat. Am Ende ist er wie ein Sog, der einen mitreißt. Man soll vorsichtig sein mit Superlativen, daher sei es so gesagt: dieser Roman aus diesem einen Satz ist ein großes Kunstwerk, wie man es nicht allzu oft in die Hand bekommt.

Angaben zum Buch László Krasznahorkai: "Herscht 07769"
Roman, gebunden
Verlag S. Fischer
409 Seiten
26 Euro

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 28. Dezember 2021 | 08:40 Uhr

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