Verbot Nach Machtübernahme durch Taliban: Keine Musik mehr in Afghanistan?

Als 1996 die Taliban die Macht in Afghanistan ergriffen, verboten sie Herstellung, Besitz und Spielen von Musikinstrumenten. Sie zerstörten Musikarchive, wer Musik machte, wurde verfolgt. Auch als sie am Sonntag in Kabul einzogen, wurden die Lautsprecher stummgeschaltet. Das "Afghanistan Music Research Center" (AMCR) – ein deutsch-afghanisches Projekt der Musikhochschule Weimar – hat das Ziel, den Reichtum der afghanischen Musikkultur zu dokumentieren. Betreut wird es von Tiago de Oliveira Pinto vom UNESCO-Lehrstuhl für Transkulturelle Musikforschung in Weimar. MDR KULTUR hat mit ihm über die Perspektive von Künstlern und Musikern und der Zukunft des AMCR gesprochen.

Mehrere Musiker, Erwachsene und Kinder, im Vordergrund sitzt ein Mann mit einer Laute.
Musik könnte als Kulturgut schon bald in Afghanistan verloren gehen. Bildrechte: Guido Werner/HfM

MDR KULTUR: Herr Pinto, wie war Ihre erste Reaktion, als Sie die Nachrichten aus Afghanistan gehört haben?

Tiago de Oliveira Pinto: Ich bin täglich fast stündlich mit unseren afghanischen Partnern in Kontakt. Noch kann man per WhatsApp kommunizieren, Email funktioniert auch halbwegs. Die Partner sind vom Radio TV Afghanistan, dem staatlichen Rundfunksender, der zugleich das größte und vielleicht auch einzige Musik- und Kulturarchiv Afghanistans beherbergt. Wir arbeiten seit 2014 zusammen.

Die große Sorge ist: Das erste, was passierte, als die Taliban am Sonntag einzogen, es wurden alle Lautsprecher stummgeschaltet. Musik steht an erster Stelle dessen, was die Taliban unterbinden. Es ist ganz schwierig für Musiker, es ist geradezu lebensbedrohlich. Wenn die Taliban das Archiv entdecken – lange Zeit wird es nicht dauern – ist das unwiederbringlich verloren. Es ist jetzt unser verzweifelter Akt, so viel wie möglich zumindest digital als Backup zu sichern.

Musik ist den Taliban also grundsätzlich verdächtig? Darf es Musikerinnen und Musiker eigentlich gar nicht geben?

Tiago de Oliveira Pinto schaut lächelnd in die Kamera.
Tiago de Oliveira Pinto vom UNESCO Lehrstuhl für Transkulturelle Musikforschung an der Hochschule für Musik Franz Liszt in Weimar Bildrechte: dpa

So ist es. Die zwei wichtigen Partner hier sind das staatliche Klangarchiv. Da sind Kulturschätze drin, aus den 40er-, 50er-Jahren, bis natürlich zu aktuellen Dingen, die auch wir jetzt aufgezeichnet und produziert haben - in Weimar jetzt seit acht bis neun Jahren. Die andere Institution ist Afghanistan National Institut for Music, eine Musikeinrichtung, die wir auch maßgeblich unterstützt haben, wo eben unterrichtet wurde in klassischer westlicher Musik, aber auch die Musik Afghanistans. Die Lehre fand auch für junge Frauen und Mädchen statt. Die Lehrer, die Musiker, die das bisher gemacht haben, sind doppelt gefährdet, weil sie nicht nur als Musiker verdächtig sind, sondern auch mit Sicherheit dafür belangt werden, dass sie Frauen und Mädchen unterrichtet haben, also eine ganz, ganz, ganz prekäre und besorgniserregende Situation im Augenblick.

Können Sie erklären, warum den Taliban Musik so verdächtig ist, dass sie verboten gehört?

Die Taliban berufen sich auf islamisches Recht und so wollen sie den Staat auch einrichten. Aber das ist Auslegungssache. Religionen – das gilt nicht nur für den Islam, sondern insgesamt – werden völlig unterschiedlich ausgelegt. Im religiösen Weltbild der Taliban hat Musik keinen Platz. Vielleicht vordergründig, weil Musik Menschen bewegt, Menschen innerlich emotional verändert. Es ist schwer zu sagen. Uns liegt keine präzise Erklärung vor. Jedenfalls sind Musiker Persona non grata und Musik darf nicht erscheinen.

Das Afghanistan Music Research Center gibt es seit 2014. Geht es jetzt damit zu Ende?

Wir haben mit diesem online auch zugänglichen Institut einen wunderbaren Youtube-Channel, wo man großartige Künstler erleben kann – hauptsächlich Mitschnitte von Konzerten hier, aber auch in Kabul. Das ist natürlich gesichert, das sind aber neue Produktionen. Unsere große Sorge sind die historischen Dinge aus den 40er- und 50er-Jahren und später, die noch auf Magnettonbändern im Archiv sind.

Was unsere Situation hier betrifft: Ich bin im Augenblick dabei, unser Archiv, all das, was einsehbar ist, auch die Seite des Research Instituts, zunächst mal aus dem Netz zu holen, um Leute in Afghanistan, die hier sehr prominent in Bild und Klang in Erscheinung treten, nicht zu gefährden. Das, was hier ist, ist natürlich gesichert. Ich hoffe nur, dass es am End nicht das Einzige ist, was von dieser wunderbaren afghanischen Musik-Kultur geblieben sein wird, weil Afghanistan selbst zerstört und vernichtet wird.

Das Interview führte Thomas Bille für MDR KULTUR.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 17. August 2021 | 08:10 Uhr

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