Interview Dresden: Wie ein Musikstudium trotz Corona funktioniert

Aufgrund der Corona-Pandemie sehen sich viele Musizierende zu einer beruflichen Neuausrichtung gezwungen. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) berichtete über Musikstudierende, die ihr Studium abbrechen, oder es trotz bestandener Prüfung gar nicht erst antreten. Was bedeutet das konkret für den Alltag von Studierenden? Darüber hat Axel Köhler, Leiter der Carl Maria von Weber Musikhochschule in Dresden, im Interview mit MDR KULTUR gesprochen.

Ein Klavierstimmer sitzt im neuen Konzertsaal der Musikhochschule in Dresden am Flügel.
Ein Klavierstimmer sitzt im Konzertsaal der Musikhochschule in Dresden am Flügel. Bildrechte: dpa

MDR KULTUR: Die Corona-Lage spitzt sich immer mehr zu und ein besonders betroffener Bereich ist einmal mehr die Kultur. Auch an der Hochschule für Musik in Dresden gibt es Sorgen, was die gegenwärtige Lage angeht. Herr Köhler, wie ist die Stimmung bei Ihnen an der Hochschule? Gibt es da unter den Studierenden schon Zweifel an der Zukunftsfähigkeit ihres Studiums?

Axel Köhler: (...) Es gibt nur einen einzigen Fall, der bekannt ist, wo jemand sein Studium aus Corona-Gründen abgebrochen hat und einen weiteren Fall, wo jemand aus Corona-Gründen das Studium nicht angetreten hat. Also es ist relativ entspannt, wenn man sich überlegt, dass wir eine Studierendenzahl von ungefähr 750 haben, ist jetzt hier tatsächlich diese Tendenz noch nicht nachzuweisen.

Und Sie haben ja auch eine große Anzahl internationaler Studierender. Da ist die Situation nicht ganz einfach, so weit weg von Zuhause und dann noch im Hochinzidenzgebiet.

Das ist so, aber wir haben ja nun durch das letzte Jahr schon Erfahrung gesammelt. Es ist ja ein seltsames Déjà-vu und das einzige, sagen wir mal, Quäntchen Vorteil an der jetzigen Situation ist, dass wir wissen, wie wir damit umzugehen haben. Es ist so, dass die Studentenschaft untereinander sehr gut funktioniert, dass wir als Rektorat sehr eng mit dem Studierendenrat zusammenarbeiten, dass es regelmäßige Jours-Fixe gibt, wo wir uns darüber austauschen, wie wir uns gegenseitig helfen können.

Hier werden die 3G-Regeln aufs Penibelste eingehalten. Nun haben wir auch das Glück, dass wir eine relativ kleine Hochschule sind und keine Technische Universität mit 30.000 Studierenden. Wir haben unsere 800 und wir haben sehr viel Einzelunterricht und alle Studierenden wollen studieren und alle Lehrenden wollen unterrichten. Und insofern gehen wir davon aus, dass alle die Regeln soweit einhalten, wie sie irgendwie können, damit der Präsenzunterricht aufrechterhalten werden kann.

Axel Köhler, Rektor der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden
Axel Köhler, Rektor der Hochschule für Musik Carl Maria von Weber in Dresden Bildrechte: Lutz Edelhoff

Trotzdem ist es ja bei Ihnen noch mit besonderer Schwierigkeit versehen, weil das Musikstudium natürlich so etwas wie eine körpernahe Tätigkeit ist. Da werden natürlich dann im Einzelunterricht Haltungen korrigiert. Da wird konkret angeleitet, eben auch mit Körperkontakt, der sich gar nicht vermeiden lässt, vom Gesangsunterricht ganz zu schweigen. Welche Konzepte haben Sie da in Ihrem Haus?

Das erste Konzept ist wirklich: Testen, testen, testen. Wir haben gerade gestern eine Uraufführung gehabt, eine wirklich tolle Produktion, die schonmal verschoben und vom Kleinen Haus in den Konzertsaal bei uns verlegt worden ist. Wir können so etwas hochschulöffentlich aufführen – ohne Publikum, leider.

Aber die Studierenden selbst, weil es ja korrekulare Zwecke verfolgt, machen ihren Orchesterschein, kriegen ihre Credits als Sänger, alles das. Sie sind alle getestet und gehen in den Proben mit Maske zu Werke. Nur die Bläser und Sänger natürlich nicht. Aber wir haben hier wirklich ganz, ganz wenige Fälle. Weil, wenn man umsichtig miteinander umgeht und das ernst nimmt, kann man auch unter diesen Bedingungen arbeiten.

Wenn man umsichtig miteinander umgeht und das ernst nimmt, kann man auch unter diesen Bedingungen arbeiten.

Axel Köhler, Leiter der Carl Maria von Weber Musikhochschule Dresden

Das heißt, das Essenzielle, was ja auch für das Studium wichtig ist, das Orchesterspiel, der Ensemblegesang, das ist bei Ihnen weiterhin möglich?

Es findet weiterhin statt. (...) Wir haben ja Hochschulautonomie. Und das ist ja im Freistaat Sachsen auch etwas Besonderes, dass die Landesrektorenkonferenz aller Rektoren und Rektorinnen unserer Hochschulen sich regelmäßig treffen und auch gemeinsam mit dem Ministerium Maßnahmen besprechen. Aber es bleibt die Hochschulautonomie.

Also die Verantwortung, wie die Sachen umgesetzt werden, trägt tatsächlich jede Universität selbst. Das hat den großen Vorteil, dass wir natürlich dann maßgeschneidert auf die jeweilige Hochschule, Fachhochschule und Universität die Maßnahmen anwenden können. Und hier bei uns werden sie sehr verantwortungsvoll umgesetzt, mit einem hohen Maß an Eigenverantwortung. Das würde sonst gar nicht gehen, dass wir solche Produktionen wie gestern, wo eben Orchester, Chor und Sänger zusammen spielen, dass wir die quasi Fall-frei über die Bühne bringen. Das ist ganz klar.

Trotzdem ist es natürlich keine Situation, die man sich als Regel wünscht. Und jetzt sind Sie schon zum zweiten Mal in diese Situation geraten, als Ausbildungseinrichtung, die ja jetzt einen zunehmend unter Druck geratenen Markt bedient. Mit welchen Sorgen schauen Sie auf diese Entwicklung? Der Präsident des Tonkünstlerverbandes Christian Höppner warnt ja schon vor einem Kahlschlag im Kulturbereich. Welche Hilfe, welche Unterstützung erhoffen Sie sich denn von der Politik gerade vor dem Hintergrund, dass Sie ja viele junge Leute in eben diese Ungewissheit entlassen müssen?

Da schlagen mehrere Herzen in meiner Brust. Zuallererst einmal muss man sagen, dass der universitäre Gedanke ja der ist, dass man bedarfsunabhängig Künstler und überhaupt Wissenschaftler und alles heranbildet. Also wenn man eine Universität hat, da kann man nicht sagen: 'Ich brauche jetzt das, da müssen wir das lehren' – das sind angewandte Wissenschaften. Wenn man wirklich etwas universitär denkt, dann muss man die Gesellschaft mit kreativer Kraft bereichern. Das hat aber nichts damit zu tun, dass wir keine Orchester-, Chor und Solistenstellen brauchen, um unsere Leute auch tatsächlich auftreten zu lassen. Das wissen wir schon.

Was ich mir von der Politik wünsche, ist, dass die Wichtigkeit der Kulturisierung der Menschheit von Kindesbeinen an nicht unterschätzt wird.

Axel Köhler, Leiter der Carl Maria von Weber Musikhochschule Dresden

Was ich mir von der Politik wünsche, ist, dass die Wichtigkeit der Kulturisierung der Menschheit von Kindesbeinen an nicht unterschätzt wird. Wir wissen ja alle, dass bei den Musiklehrern mal so eine große Delle gewesen ist, weil man dachte, Musikunterricht und Sportunterricht kann man mal so ausfallen lassen. Da hat die Politik ja sehr gelernt. Wir sind ja jetzt die Hochschulen, die mit großer Wucht Musiklehrer für die Grundschulen, für die Gymnasien, für die Oberschulen ausbilden, damit eben das wieder revidiert wird. Das ist ein Anfang und es sollte aber mit den Musikschulen genauso weitergehen und es sollte auch mit den Theatern und Orchestern und den Museen so weitergehen, dass man weiß, das ist ein seelisches, mentales Grundnahrungsmittel, um eine Gesellschaft menschlich zu halten.

Das Interview führte André Sittner für MDR KULTUR. Für die schriftliche Fassung wurde es redigiert und leicht gekürzt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 29. November 2021 | 12:10 Uhr

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