Musiktheater Musical "Into the Woods" in Dresden: rasantes Märchen-Durcheinander

In der Semperoper Dresden hat am Samstag das Musical "Into the Woods/Ab in den Wald" Premiere gefeiert. Das Stück von Stephen Sondheim spielt mit mehreren Märchenfiguren der Brüder Grimm, von Rotkäppchen über Aschenputtel bis Rapunzel, und vermengt sie zu einem eigenen Plot. Die Semperoper macht daraus familientaugliches, spannendes und witziges Theater, findet unser Kritiker.

"Into the Woods" an der Semperoper Dresden
Die meisten Darstellerinnen und Darsteller sind in "Into the Woods/Ab in den Wald" an der Semperoper Dresden in mindestens zwei Rollen zu erleben. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Wer möchte sich angesichts der momentanen Weltlage nicht gerne mal einfach nur in einen Wald flüchten? Möglichst in einen Märchenwald, wo alle Wünsche in Erfüllung gehen? Die Brüder Grimm haben's vorgemacht: Weltflucht rettet vor dem bösen Wolf, vor fiesen Riesen, vor grausamen Hexen. Und manchmal auch vor Märchenfiguren aus unseren Träumen. Also ab in den Wald!

Das hat sich wohl auch der US-amerikanische Musical-Spezialist Stephen Sondheim gedacht, als er Mitte der 80er-Jahre an seinem Stück "Into the Woods" gearbeitet hat und dafür gleich eine ganze Handvoll Märchenfiguren der Grimms ins Geschehen holte. Die sind jetzt alle in Dresden angekommen, auf der Bühne von Semper Zwei. Nur Hänsel und Gretel sowie die sieben Geißlein haben gefehlt …

Semperoper Dresden zeigt diverse Märchenfiguren

Bei Sondheim läuft alles kräftig und gewollt durcheinander. Da sinnt eine Hexe auf Rache, weil ihr jemand sechs Zauberbohnen aus dem Garten geklaut hat. Ein Bäcker wünscht sich ein Kind mit seiner Frau, Hans im Unglück will seine weiße Kuh behalten, obwohl die keine Milch mehr gibt.

"Into the Woods" an der Semperoper Dresden
Szene aus "Into the Woods" an der Semperoper Dresden: Markus Störk als "Hans" mit seiner weißen Kuh Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Bevor Rotkäppchen vom Wolf vernascht wird, futtert sie auf dem Weg zur Großmutter fast das ganze Körbchen leer, Aschenputtel möchte unbedingt zum Königsball und der Prinz zu Rapunzel auf den Turm. Alle wollen irgendwas, aber niemand denkt über die Konsequenzen dieser Wünsche nach. Wie im richtigen Leben?

Das Musical als Spiegel der Gesellschaft – aber ohne moralischen Zeigefinger

Regisseur Manfred Weiß wollte diesen abendfüllenden Märchen-Mix durchaus als Spiegelstück für das weitverbreitete Wunschdenken der heutigen Menschen sehen, ohne daraus aber gleich ein Lehrstück mit erhobenem Zeigefinger zu ent-zaubern. Vielmehr geht es auf der kleinen Semper-Bühne spannend und abwechslungsreich zu. In der Ausstattung von Timo Dentler und Okarina Peter sieht man den Wald vor lauter Stühlen nicht, denn die sind mal Unterholz, mal laden sie zum Klettern ein.

"Into the Woods" an der Semperoper Dresden
Natürlich gibt es in dem Stück der Semperoper auch eine exzentrische Hexe (rechts, gespielt von Sarah Maria Sun). Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

"Into the Woods" ist rasant und witzig

Die knallbunt kostümierten Figuren verlaufen sich darin, fliehen, finden und fürchten einander. Durch die märchenhaft verwickelten Handlungsstränge führt Dieter Beckert als nobler Erzähler und taucht als geheimnisvoller Mann in einer weiteren Partie auf.

"Into the Woods" an der Semperoper Dresden
Prägendes Element des Bühnenbilds von "Into the Woods/Ab in den Wald" an der Semperoper sind viele Stühle. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Bis auf die Bäckersleute – Bettina Weichert und Aaron Pegram als herrlich konfuses Paar – und die von Sarah Maria Sun exzentrisch verkörperte Hexe agieren alle Mitwirkenden in mindestens zwei Rollen: Anna Overbeck als schnippisches Rotkäppchen und verheulte (Hexentochter!) Rapunzel, Alice Rossi als so bedauerns- wie begehrenswertes Aschenputtel und Kurzzeit-Großmutter von Rotkäppchen, Elke Kottmair in gleich drei sehr unterschiedlich dargestellten Mutterrollen, Ricardo Frenzel Baudisch und Lawson Anderson im Wechsel als Aschenputtels Stiefschwestern, verliebte Prinzen und notgeil fressgieriger Wolf sowie Markus Stöck als seine Kuh liebender Hans und gehetzter Diener am Hof.

In der Semperoper auch musikalisch bestens umgesetzt

Das klingt nur verworrener, als es sich szenisch darstellt, die raschen Bildfolgen und Umzüge funktionieren rasant und witzig. Wenn ein Riese vom Himmel stürzt, knallt lediglich seine (meterbreite!) Brille auf den Boden, und seine Frau ist nur mit dröhnenden Schritten und als Stimme aus dem Off (Petra Barthel) präsent.

"Into the Woods" an der Semperoper Dresden
Das Musical ist ein rasantes Märchen-Durcheinander, das unseren Kritiker überzeugt hat. Bildrechte: Semperoper Dresden/Ludwig Olah

Sondheim hat anstelle schmissig-einlullender Musical-Hits die Personen klanglich charakterisiert – alle Genannten vermochten das musikalisch bestens umzusetzen und ernteten dafür mehrfach Szenenapplaus. Statt der originalen Orchestergröße durfte eine formidable Combo um Max Renne in Quartettbesetzung aufspielen, was den inneren Rhythmus des Abends vorantrieb und die Konzentration auf Gesangs- und Spielszenen verstärkte. Kein Kinderstück, dieses Musical-Märchen "Into the Woods", aber ein familientaugliches Theater, dessen Premiere am Samstag heftig bejubelt worden ist.

Weitere Vorführungen und Angaben zur Inszenierung

Musical: "Into the Woods/Ab in den Wald"
Premiere: 21. Mai 2022

Musical in einem Prolog und zwei Akten. Buch von James Lapine. Gesangstexte von Stephen Sondheim. Deutsch von Michael Kunze. Fassung für zwei Tasteninstrumente.

  • Musikalische Leitung: Max Renne
  • Inszenierung: Manfred Weiß
  • Choreografie: Natalie Holtom
  • Co-Regie: Natalie Holtom
  • Bühnenbild: Timo Dentler, Okarina Peter
  • Kostüme: Timo Dentler, Okarina Peter
  • Licht: Fabio Antoci
  • Dramaturgie: Johann Casimir Eule


  • Erzähler/Ein geheimnisvoller Mann: Dieter Arnold Beckert
  • Der Bäcker: Aaron Pegram
  • Frau des Bäckers: Bettina Weichert
  • Die Hexe: Sarah Maria Sun
  • Rotkäppchen/Rapunzel: Anna Overbeck
  • Aschenputtel/Die Großmutter: Alice Rossi
  • Aschenputtels Stiefmutter/Aschenputtels Mutter/Hans' Mutter: Elke Kottmair
  • Florinda/Rapunzels Prinz: Ricardo Frenzel Baudisch
  • Lucinda/Aschenputtel Prinz/Wolf: Lawson Anderson
  • Hans/Diener: Markus Störk


Weitere Termine:
26., 29. und 31. Mai 2022
3., 4., 5. und 7. Juni 2022

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 21. Mai 2022 | 06:15 Uhr

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