Vorstellungsausfall Coronahilfen im November und Dezember – ein Flop für Kreative?

Kreative sollten mit den Ende letzten Jahres vorgelegten Überbrückungshilfen durch die Corona-Krise gebracht werden. Eigentlich eine gute Sache. Doch hat es auch funktioniert? MDR KULTUR hat mit Kunstschaffenden und Menschen aus der Kulturbranchen gesprochen, welche Erfahrungen sie gemacht haben.

Ein Stift liegt auf einem Antrag für den Corona-Soforthilfe-Zuschuss.
Antrag für den Corona-Soforthilfe-Zuschuss – für viele Künstler war dies keine hilfreiche Option Bildrechte: dpa

Als Anfang November des Vorjahres die so genannten Überbrückungshilfen von der Bundesregierung aufgelegt wurden, empfahlen die sächsischen Landeskulturverbände deren Nutzung noch. Denn erstmals sollten in dem vorrangig an die Wirtschaft adressierten Programm auch Kunstschaffende und Kulturveranstalter coronabedingte Umsatzausfälle zu drei Vierteln erstattet bekommen.

Zwei Monate später zieht Geschäftsführer Torsten Tannenberg vom Sächsischen Musikrat die ernüchternde Bilanz, "dass für die Mehrheit der wirklich bedürftigen Freiberufler diese Novemberhilfen und demzufolge auch die Dezemberhilfen im Prinzip nicht infrage kommen."

Zertifikat für Elster-Steuersoftware nötig

Völlig unterschiedlich erging es den Selbständigen im Kunstbetrieb, der Kreativwirtschaft und der Kulturvermittlung bei der versuchten Antragsstellung. Eine Musikpädagogin des Dresdner Schütz-Konservatoriums und ihr Mann wussten zunächst nicht, dass man für Anträge unter 5.000 Euro ein Zertifikat der Steuersoftware Elster benötigt. Nach zwei Wochen trafen die Briefumschläge des Finanzamtes ein, der Antrag konnte gestellt werden. Seither haben sie jedoch nichts mehr davon gehört. Jetzt erst kann nach Angaben des Bundeswirtschaftsministeriums wegen technischer Probleme mit der Auszahlung begonnen werden, für die die Länder zuständig sind.

Gute Beispiele

Eine völlig andere Erfahrung machte der Jazztrompeter Sebastian Haas, der an der Dresdner Musikhochschule Vertreter der Honorarlehrkräfte ist. Bei ihm klappte es unkompliziert.

Sobald die Anträge online waren, wurde sehr schnell bewilligt. Aber das passiert alles elektronisch, also es folgt keine Prüfung direkt.

Sebastian Haas, Jazztrompeter

Einkommensmix ist Nachteil

Agnes Ponizil, stellvertretende Vorsitzende des Komponistenverbandes Sachsen, hat hingegen die Antragsbedingungen sehr genau gelesen und vorsichtshalber verzichtet. Sie sorgt sich, "dass man nicht in einer Euphorie einen Antrag stellen darf, weil das einem dann am Ende auf die Füße fällt." Ponizil hat ihre verschiedenen Standbeine überprüft, die ihr und der Familie das Überleben sichern.

Ich habe 60 Prozent Unterricht, den ich digital vermittele – das ist die Hälfte meines Einkommens.

Agnes Ponizil, Komponistin und Lehrerin

Auftrittseinnahmen oder Kompositionsaufträge entfallen hingegen. Mit diesem für freie Künstler aller Sparten typischen Einkommensmix gilt Ponizil aber als nicht antragsberechtigt. Voraussetzung für eine Gewährung der November- und Dezemberhilfen ist ein mindestens 80-prozentiger Umsatzausfall im Vergleich zu 2019 - entweder direkt im eigenen Veranstaltungsbetrieb oder indirekt durch Auftraggeber, für die man künstlerisch tätig ist.

AlarmstufeRot, zweite Groߟdemonstration zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft in Berlin
Groߟdemonstration zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft im Oktober 2020 in Berlin Bildrechte: imago images/Chris Emil Janßen

Nicht prekär genug

Beraterin Josephine Hage vom Sächsischen Zentrum für Kultur- und Kreativwirtschaft in Leipzig schildert einen exemplarischen Vergleichsfall am Theater: "Die sind in der Regel unterjährig temporär beschäftigt, also haben eine Festanstellung für eine Theater- oder Filmproduktion, und arbeiten parallel oder außerhalb dieser Festanstellung freiberuflich." Diese Mischung aus zeitweiser Anstellung, verschiedener Lehrtätigkeit oder Auftritten, der Künstlern sonst das Überleben sichert, wird ihnen also in der Corona-Krise zum Verhängnis. Drastischer formuliert: Nicht einmal drei Viertel Umsatzverlust genügen für die Novemberhilfe, es muss einen schon voll erwischen.

Lebenswirklichkeit nicht erfasst

Das Problem ist, dass die Lebenswirklichkeit von vielen Kulturschaffenden nicht erfasst wird, schimpft Trompeter Haas. Torsten Tannenberg vom Sächsischen Musikrat berichtet zudem von jenen Online-Antragstellern, die sofort einen Abschlag erhielten, und hat bemerkt, "dass die Leute mittlerweile unsicher sind. Sie haben Angst, dieses Geld auszugeben."

Mahnwache zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft vom Aktionsbündnis Alarmstufe Dunkelrot am Brandenburger Tor. Berlin, 09.12.2020
Mahnwache zur Rettung der Veranstaltungswirtschaft in Berlin am 9. Dezember Bildrechte: imago images/Future Image

Andere geraten in Panik, zeigen sich selbst beim Finanzamt an und wollen schnell vor einer Antragsprüfung das Geld wieder loswerden, um nicht wegen Subventionsbetrugs belangt zu werden. Der deutsche Kulturrat und der Deutsche Musikrat haben deshalb gefordert, das 80-Prozent-Ausfallkriterium zumindest auf 50 Prozent zu senken.

Schlechte Aussichten

Hat das Bundeswirtschaftsministerium zumindest beim Neustart-Programm in den jetzt anlaufenden Überbrückungshilfen 3 gelernt? Beraterin Josephine Hage vom "Kreativen Sachsen" zweifelt: "Ich habe keine Hoffnung, dass sich bei der Überbrückungshilfe 3 grundsätzlich etwas ändert, weil ich davon ausgehe, dass der Bund an dieser Logik festhalten wird, dass hier Betriebskosten erstattet werden."

Nach dem Auslaufen der Landes-Stipendienprogramme wie "Denkzeit" in Sachsen oder "Kultur ans Netz" in Sachsen-Anhalt gibt es derzeit also kein praktikables Hilfsprogramm für selbständige Künstler und Pädagogen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 18. Januar 2021 | 08:40 Uhr

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