Kulturelle Aneignung Diskriminierungs-Debatte um "Winnetou"-Darstellung bei Karl-May-Spielen

Der Sommer ist die Zeit der Freilichttheater. Beliebt sind seit Generationen die verschiedenen Karl-May-Spiele, unter anderem in Bischofswerda, Radebeul oder Rathen. Doch seit einiger Zeit stehen sie auch in der Kritik: Kann man das im Jahr 2022 noch so machen, "Indianer" spielen, obwohl die fiktionalen Geschichten mit der Realität der indigenen Völker Nordamerikas wenig zu tun haben? Auch der Begriff ist umstritten, dabei geht es um Kolonialismus und Rassismus. Ben Hänchen ist Redakteur bei MDR KULTUR, steht seit fast 30 Jahren auf einer Karl-May-Bühne – und ihn stimmt das Thema nachdenklich.

Darstellende bei den Karl-May-Spielen in Bischofswerda. Kinder, die Apachen verkörpern und zwei Schauspieler auf ihren Pferden.
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So ungezwungen wie in der Western- und Karl-May-Parodie "Der Schuh des Manitu" kann man das Wort "Indianer" mittlerweile nicht mehr benutzen. Manche sprechen sogar nur noch vom "I-Wort" in Anlehnung an das N-Wort, um niemanden vor den Kopf zu stoßen. Eine absolute Gegnerin des Begriffs ist Susan Arndt, Kulturwissenschaftlerin an der Universität Bayreuth. Sie setzt sich seit Jahren für eine Dekolonisierung von Sprache ein. Das Wort "Indianer" fällt für sie in diese Kategorie.

Susan Arndt erklärt: "Weil von Anfang an koloniale Bilder in dieses Wort eingeschrieben wurden, nämlich die Vorstellung: Das sind keine vollwertigen Menschen. Darum ging es beim Kolonialismus: Wir können denen das Land wegnehmen, ihren Anspruch auf Ressourcen verleugnen, weil sie keine vollwertigen Menschen sind. Und genau diese Idee schwingt von Anfang an in diesem Wort 'Indianer' mit. Und im Folgenden wurden dann Genozide begangen. Das heißt, von Anfang an steckt auch eine extreme genozidale Gewaltgeschichte in dem Wort 'Indianer' drin."

Der Begriff "Indianer" und die diskriminierungsfreie Sprache Es gibt Wörter, die bis vor einiger Zeit noch zur Alltagssprache gehörten, die mittlerweile als verpönt gelten, da sie diskriminierend sind und andere Menschen verletzen – darunter vor allem Sammelbezeichnungen für Menschen bestimmter Herkunft. Viele dieser Begriffe stammen aus der Kolonialzeit und hatten damals eine abwertende Konnotation, so auch das Wort "Indianer"“ (engl. "indians"). Alternativ wird heute deswegen häufig von "indigener Bevölkerung" oder "Native Americans" gesprochen. Allerdings ist es in dem Fall weniger das Wort, an dem sich viele, auch der so bezeichneten Indigenen, stören, sondern vielmehr wenn Menschen sich klischeehaft als diese verkleiden.

Ein positiv besetzter Begriff?

Viele Menschen finden an dem Begriff keinen Anstoß. Es ist für viele Deutsche ein enorm positiv besetzter Begriff. "Nennen Sie mir übrigens einen Begriff in der deutschen Sprache, der positiver besetzt ist als das Wort Indianer für eine Bevölkerungsgruppe", sagt Bernhard Schmid, Leiter des Karl-May-Verlags.

Unzertrenntlich: Die Blutsbrüder Winnetou (Pierre Brice) und Old Shatterhand (Lex Barker) jagen eine Verbrecherbande.
Szene aus der Filmreihe "Winnetou": Die Schauspieler Pierre Brice (als Winnetou) und Lex Barker (als Old Shatterhand). Bildrechte: MDR/ARD Degeto

Er führt weiter aus: "Ich finde keinen, und ich sage, was fast schon ein bisschen traurig ist: Wer interessiert sich in Deutschland für Maori, die Aino oder die Zulu oder sonstige Ureinwohner eines Landes – während wir über Indianer fast alles wissen, mit ihnen gelitten haben, mit ihnen leiden und Karl May uns auch nahegebracht hat, was für eine tolle Bevölkerung das ist."

Rassismus bei Karl May

Doch bei Karl May gibt es klare rassistische Elemente – mal mehr und mal weniger offensichtlich. Das blendet Bernhard Schmid vom Karl-May-Verlag nicht aus – relativiert es aber: "Mag sein, dass es einzelne kleine Punkte gibt, man muss immerhin sehen: Karl May war ein Kind seiner Zeit. Er hat seine Geschichten Ende des 19. Jahrhunderts geschrieben. Da war natürlich Antisemitismus, Rassismus und so weiter gang und gäbe. Umso mehr ist Karl May zu bewundern, wie er eigentlich gegen diesen Trend geschrieben hat."

Diese rassistischen Elemente finden sich bei der modernen Karl-May-Rezeption auf den Bühnen nicht mehr – der Begriff "Indianer" schon.

Karl May als Old Shatterhand verkleidet auf einem Foto aus dem Jahr 1896.
Ein Foto aus dem Jahr 1896 auf dem Karl May als Old Shatterhand verkleidet ist. Bildrechte: imago/teutopress

Kulturelles Konzept vs. Alltagssprache

Auch einige Ethnologen meinen, man kann den Begriff noch nutzen, aber nicht global und pauschalisierend, wie es in der Alltagssprache gemacht wird: Demnach kann man von "Indianern" sprechen, wenn man das kulturelle Konzept meint – also das Bild, das wir hier in Deutschland von den indigenen Nordamerikanerinnen und -amerikanern haben – zum Beispiel eben auf Karl-May-Bühnen. Eine Binnen-Sicht sozusagen.

Die jüngsten Apachen (l.) stehen mit Moritz Lehmann als Winnetou zu Pferde (vorn) im sächsischen Bischofswerda bei den Karl-May-Spielen auf der Waldbühne.
Szene aus den Karl-May-Spielen Bischofswerda Bildrechte: dpa

Damit kann auch Susan Arndt leben: "Wenn er eingebettet ist und Menschen den gern verwenden möchten, kann ich damit auch leben. Ich finde nur wichtig, dass es dann auch kritisch reflektiert oder wenigstens ein Reflexionsprozess angeboten wird."

Was ist die korrekte Bezeichnung?

Spricht man von konkreten Menschen, sollte man so oft wie möglich auch konkrete Bezeichnungen wählen, um Verallgemeinerungen und Stereotype zu vermeiden – also die entsprechenden Stammesbezeichnungen. Muss mal verallgemeinert werden, kann man kurz "Indigene" oder noch besser "indigene Menschen" sagen.

Blick in den Duden Der Duden kennzeichnet den Begriff "Indianer" als diskriminierend. Alternativ wird auf Selbstbezeichnungen verwiesen wie etwa "First Nations People of America" oder "Pueblos Originarios". Konkrete Bevölkerungsgruppen können mit ihrem Namen benannt werden: Cherokee, Navajo, Mapuche etc.

"Indianer" bei Karl May

Ein Argument in Bezug auf Karl May nach wie vor von "Indianern" zu sprechen: Seine Figuren hatten und haben nichts mit den indigenen Amerikanerinnen und Amerikanern zu tun. Die Germanistin Dana Weber von der Florida State University meint: "Inzwischen ist daraus zumindest in diesem theatralischen Kontext eine Figur geworden, die immer wieder wiederholt wird. Sie wurde sozusagen naturalisiert, inkorporiert in die deutschsprachige Kultur, und es wird immer wieder nur die Figur weitergegeben."

Dana Weber ergänzt: "Es ist eine Figur, die ihren Referenten schon lange verloren hat und die man jetzt in dem Sinn natürlich verbinden kann mit kultureller Aneignung. Aber man muss sich wirklich vor Augen halten, was das bedeutet in dem Kontext."

Es bedeutet auf Karl-May-Bühnen vor allem: Theater, Spiel, Unterhaltung – keine wirkliche Darstellung von Indigenen. Das sollten Karl-May-Spiele künftig stärker herausstellen – und damit klarmachen, was "Indianer" sind und was unser Bild dahinter ist: nämlich meistens Märchen.

Dieses Thema im Programm: MDR KULTUR - Das Radio | 23. Juni 2022 | 07:10 Uhr

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