Vorausblick 13. Internationale Schostakowitsch Tage Gohrisch: Wieder zurück in der Sächsischen Schweiz

Sie sind zurück in Gohrisch und damit an dem Ort, an dem Dmitri Schostakowitsch sein berühmtes 8. Streichquartett komponierte: Die 13. Internationalen Schostakowitsch Tage finden vom 30. Juni bis 3. Juli statt und stellen neben den Werken von Schostakowitsch und Sofia Gubaidulina das Schaffen ukrainischer Komponisten in den Fokus. Erwartet wird unter anderem Valentin Silvestrov, einer der bedeutendsten zeitgenössischen Komponisten seines Landes. MDR KLASSIK sprach mit dem künstlerischen Leiter der Schostakowitsch Tage, Tobias Niederschlag.

Tobias Niederschlag
Der künstlerische Leiter der Internationalen Schostakowitsch Tage Gohrisch spricht mit MDR KLASSIK über das Programm der 13. Auflage. In diesem Jahr steht der ukrainische Komponist Valentin Silvestrov im Fokus. Bildrechte: Matthias Creutziger

MDR KLASSIK: Herr Niederschlag, den programmatischen Schwerpunkt im Festival bilden die Werke von Dmitri Schostakowitsch. Spannend dabei ist, welche Komponisten und Komponistinnen Sie immer auch im Kontrast dazu setzen: Nach Bach, Beethoven, Eisler, Penderecki oder Krzysztof Meyer stellen Sie in diesem Jahr Kompositionen von Sofia Gubaidulina vor. Was gab den Anlass, ihr 2022 einen Schwerpunkt zu widmen?

Tobias Niederschlag: Sofia Gubaidulina hat im letzten Herbst ihren neunzigsten Geburtstag gefeiert. Das wollten wir beim diesjährigen Festival auch würdigen und deshalb war dieser Schwerpunkt relativ schnell klar. Aber aufgrund der aktuellen Ereignisse des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine wollten wir das Programm aber neu ausrichten. Deshalb wird auch sehr viel Musik von ukrainischen Komponisten auf dem Programm stehen, insbesondere von Valentin Silvestrov.

Der 84-Jährige ist sicher der bedeutendste Gegenwartskomponist der Ukraine. Er stammt aus Kiew, hat sein Land erst vor wenigen Wochen verlassen und lebt nun in Berlin. Wird er nach Gohrisch zum Schostakowitsch-Festival kommen?

Dmitri Schostakowitsch, 1960 in London.
Der Vater der Schostakowitsch Tage Gohrisch: Dmitri Schostakowitsch reiste 1960 und 1972 in die Sächsische Schweiz. Bildrechte: IMAGO

Ja, wir haben ihn eingeladen. Er möchte persönlich kommen. Er bekommt auch in diesem Jahr den Schostakowitsch Preis in Gohrisch überreicht und hat uns angekündigt, dass er bei der Gelegenheit auch selbst Klavier spielen wird. Darauf sind wir sehr gespannt. Seine Musik bildet wirklich einen besonderen Schwerpunkt in diesem Jahr mit vielen Kammermusikwerken, Orchesterwerken – zum Teil werden sie erstmals in Deutschland zu hören sein.

Bei den Schostakowitsch-Tagen gibt es nicht selten Deutsche Erst- oder auch Ur-Aufführungen von Schostakowitsch-Werken, auch wenn es manchmal nur einzelne Sätze sind, die auf die Bühne gebracht werden. Ist das Thema "Uraufführung" endlich oder gibt es auch diesmal eine Schostakowitsch-Entdeckung?

Da berühren Sie einen traurigen Punkt: Wir hatten noch mit Michail Jurowski einen Aufführungsabend geplant, bei dem er eine Konzertsuite aus der Schauspielmusik "Die menschlichen Komödie" von Schostakowitsch präsentieren wollte, die er selber arrangiert hat. Dieses Arrangement gibt es, leider ist Michail Jurowski aber im März verstorben. Wir freuen uns sehr, dass sein Sohn Dmitri diesen Aufführungsabend übernehmen und diese Konzertsuite in Gohrisch zur Uraufführung bringen wird.

Musiziert wird im idyllisch-ländlichen Gohrisch für ein verlängertes Festival-Wochenende im Juni vor allem in der Konzertscheune. Überhaupt können aufgrund der lokalen Gegebenheiten im Grunde also maximal Kammerbesetzungen auftreten. Schostakowitsch steht aber auch für Sinfonik, für die Oper. Wie würden Sie das Selbstverständnis der Schostakowitsch-Tage beschreiben, wofür steht das Festival?

Wir haben ja das große Glück, dass wir von Anfang an eine sehr enge Zusammenarbeit mit der Sächsischen Staatskapelle hatten, die das Festival mit initiiert hat. Diese Zusammenarbeit mit der Staatskapelle und auch mit der Semperoper ist in diesem Jahr so eng wie eigentlich noch nie zuvor. Es gibt wieder das Sonderkonzert am Vorabend in der Semperoper, wo auch zwei Sinfonien von Schostakowitsch auf dem Programm stehen.

Menschen in der Konzert-Scheune in Gohrisch, 2016
Der Konzertort in diesem Jahr: Die Konzertscheune in Gohrisch. Bildrechte: dpa

In diesem Jahr ist es auch so, dass im Festivalzeitraum eine Neuproduktion der "Nase" an der Semperoper herauskommt. Übrigens dirigiert von Petr Popelka, der ja auch in Gohrisch mehrfach zu Gast war. Der Zeitplan ermöglicht es unseren Festivalbesucherinnen und -besuchern alles mitzuerleben, so dass man Schostakowitsch in seiner ganzen Bandbreite erleben kann – von der Kammermusik, von der Klaviermusik bis hin zu großen Sinfonik und eben auch zur Oper. Das hat es bislang noch nicht gegeben.

Das Gespräch führte Isabel Roth für MDR KLASSIK.

Vom 30. Juni bis zum 3. Juli finden die diesjährigen Internationalen Schostakowitsch Tage in Gohrisch statt. Mit dabei sind u.a. die Pianistinnen Yulianna Avdeeva und Elisaveta Blumina, der Geiger Vadim Gluzman, Pianist Alexei Lubimov und das junge Eliot-Quartett – neben den Musikerinnen und Musikern des Staatskapelle Dresden. Die Premiere von Schostakowitschs Oper "Die Nase" wird durch ein Symposium an der Dresdner Musikhochschule begleitet. Außerdem wird in Gohrisch ein Dokumentarfilm über den ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov präsentiert.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 30. April 2022 | 07:13 Uhr

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