Flut und Pandemie Händel-Festspiele Halle: Intendant erinnert sich an die Herausforderungen der vergangenen Jahre

Seit 2009 ist Clemens Birnbaum Intendant der Händel-Festspiele in Halle, nachdem er unter anderen die Dresdner Musikfestspiele und kurzzeitig auch das Kurt-Weill-Fest in Dessau geleitet hatte. In den vergangenen 13 Jahren hatte er mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen – immerhin drei Mal musste das Festival zumindest teilweise abgesagt werden. Auch für das 100. Jubiläum bestehen noch Unsicherheiten.

Clemens Birnbaum, 2016 5 min
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Für Clemens Birnbaum, seit 2009 Intendant der Händel-Festspiele, ist Halle ein sehr besonderer Ort, der Musik, Forschung und Museumsarbeit auf lebendige Art miteinander verknüpft.

MDR KULTUR - Das Radio Mi 01.06.2022 14:23Uhr 04:50 min

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In Göttingen wurde im Jahr 1920 die erste Händel-Oper nach mehr als 170 Jahren wieder aufgeführt. Seitdem finden dort jedes Jahr Händel-Festspiele statt. Das Badische Staatstheater Karlsruhe zelebriert seit 1978 seine eigenen Händelfeste. Und Halle, der Geburtsort Händels, feierte vor genau 100 Jahren zum ersten Mal den großen Barock-Komponisten. Drei Festspielorte, die historisch gewachsen sind.

Vor allem sind es zwei Festspiele, die nach der Wiedervereinigung plötzlich eine Konkurrenz zu dem Festival in Halle bilden. Doch die Stadt an der Saale hat einen großen Standort-Vorteil: "Das ist erstmal der große Unterschied zu Karlsruhe und Göttingen: Händel hat hier gelebt, hier gewirkt und hat hier auch gelernt. Auch wenn er im jugendlichen Alter Halle verlassen hat", erklärt der amtierende Intendant Clemens Birnbaum, der während des Studiums mit Händels Musik in Berührung kam, als er im Oratorium "Israel in Egypt" sang.

Große Schwierigkeiten für das Hallesche Festival

Als Clemens Birnbaum 2009 das Intendanten-Zepter in die Hand nimmt, ahnt er noch nicht, dass in den kommenden Jahren gleich mehrere außermusikalische Krisen lauern: 2013 fallen die Festspiele wegen Hochwasser aus. 2020 fallen die Festspiele wegen der Corona-Pandemie und des Lockdowns aus. 2021 finden die Festspiele nur digital statt. Und auch 2022, im 100-jährigen Festspieljahr, kann noch nicht wieder volle Fahrt aufgenommen werden:

Hochwasser in Halle - Helfer auf dem Markt
Wegen des Hochwassers mussten die Festspiele 2013 abgesagt werden. Bildrechte: MDR INFO/Jan Petter

"Der Unterschied zwischen Corona und der Flut ist: 2013 war eine einmalige Geschichte von höherer Gewalt. 2014 war ein ganz normaler Jahrgang, der schon geplant war und der so stattgefunden hat. Das sieht mit Corona etwas anders aus, weil wir keine richtige Planungssicherheit haben. Selbst jetzt, wenige Tage bevor die Festspiele beginnen, können wir immer noch nicht hundertprozentig sagen, unter welchen Maßnahmen", erzählt Birnbaum.

Wie viele andere kulturellen Veranstaltungen, suchen auch die Händel-Festspiele in Halle Wege, um die Musik trotzdem nach draußen zu senden. In Zusammenarbeit mit MDR KLASSIK und ARTE Concert werden Konzerte aufgenommen und weltweit digital ausgestrahlt, sodass sie ihr Publikum finden.

"Die beiden Jahre, in denen ganz verschiedene digitale Angebote gemacht haben, hat zwar ein großes Feedback bekommen mit ungefähr 23.000 Zugriffen – wenn man daran denkt, wieviel im Netz verfügbar war, dann sind das wirklich erfreuliche Zahlen", erinnert sich Birnbaum. "Aber die Rückmeldung war: Toll, dass ihr das gemacht habt. Es waren wunderbare Sachen, die wir erleben durften. Aber bitte wieder live, wir wollen einfach gemeinschaftlich Musik erleben."

Keine Konkurrenz zwischen Halle und Göttingen

Für dieses gemeinschaftliche Erleben wirbt Birnbaum nicht nur beim herkömmlichen Händel-Liebhaber-Publikum. Er klopft auch an die Türen junger Leute, geht in Universitäten, um das Programm bekannt zu machen. Barock-Lounges oder Poetry-Slams sollen die Sicht erweitern, aktuelle Operninszenierungen und die Forschung um Händel den Blick für die Musik in der Gegenwart schärfen. Das Festival geht in die Stadt hinein, versammelt Musikfans um Händels Denkmal, geht in die Galgenbergschlucht, den Botanischen Garten, in Halles Kirchen und Theater.

Blick von oben auf Marktkirche in Halle
Die Händel-Festspiele versuchen 2022 wieder die ganze Stadt mit Händel in Berührung zu bringen. Bildrechte: IMAGO/Steffen Schellhorn

Halle feiert in diesem Jahr also besonders und setzt Themen, die zeitgemäß und relevant sind, die unbedingt zu Diskussionen einladen. Etwa wenn es um die Verbindung von verschiedenen Religionen geht oder sich Musikkulturen aus aller Welt begegnen. Die beiden anderen Händefestspiel-Orte Karlsruhe und Göttingen sind längst keine Gegenspieler mehr: "Zwischen Göttingen, Karlsruhe und Halle besteht eine sehr enge, freundschaftliche Verbindung", meint der Hallesche Festspiel-Intendant.

"Das war nicht immer so. Gerade in der Vorwendezeit war es politisch nicht gewollt, das hat auch lange nachgewirkt. Das ist eine deutsch-deutsche, politische Kulturgeschichte, die aber mittlerweile wirklich überwunden ist." Die Händel-Festspiel-Orte Halle, Karlsruhe und Göttingen sind längst keine Gegenspieler mehr, sondern in erster Linie Partner, die sich gerade in einem Jahr wie diesem die Hände reichen.

Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 02. Juni 2022 | 09:10 Uhr

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