Buchvorstellung: "365 Tage mit Kurt Weill. Ein Almanach" Kurt Weill – Mehr als die Dreigroschenoper

Am vergangenen Sonntag ist das Kurt-Weill-Fest in Dessau zu Ende gegangen. Auch wenn Weill die meiste Zeit seines Lebens nicht in seiner Geburtsstadt Dessau verbrachte – sondern in Berlin, Paris, New York und Hollywood – ist er als Künstlerpersönlichkeit in der Stadt an der Elbe fest etabliert. Der Komponist ist bei vielen Musikliebhabern vor allem als Schöpfer der Dreigroschenoper bekannt. Dass sein Schaffen nicht nur auf diesen Welterfolg reduziert werden kann, zeigt jetzt der rund dreihundertseitige Musikalmanach "365 Tage mit Kurt Weill".

"365 Tage mit Kurt Weill. Ein Almanach"
Das Buch richtet sich an Menschen, die die Musik von Kurt Weill bereits lieben und immer schon ahnten, dass sie über diesen Komponisten weit weniger wissen, als möglich wäre. Bildrechte: Olms Presse

Kurt Weills Zusammenarbeit mit dem Dichter Bertolt Brecht ist legendär. Bis heute wird er deshalb als eine Art proletarischer Underdog unter den großen deutschen Komponisten des frühen zwanzigsten Jahrhunderts gesehen. Er war erfolgreich, etabliert und aufgrund seines künstlerischen Handwerks auch von Kollegen hochgeschätzt. Dies setzte sich auch in den USA fort, wohin Weill 1933 über mehrere Umwege vor den Nazis floh. Dort konnte er sich als Broadway- und Filmkomponist einen Namen machen. Über sein sehr gutes Ansehen in den USA gibt es viele Belege in dem neuen Weill-Almanach.

Broadway-Musical "Lady in the Dark"

Der Dirigent Maurice Abravanel, der ebenfalls aus Deutschland nach Amerika emigrierte, erinnert sich in dem Buch: "Es ist schon erstaunlich, wie schnell Kurt Weill in 'Lady in the Dark' von der realen Welt in die Traumwelt gelangt. Wie macht er denn das?' Ich: 'Mit einer Klarinette.' Er: 'Mit einer Klarinette, gut, und sonst?' Ich: 'Mit einer Klarinette und das ist alles.' Copland: 'Donnerwetter, wir quälen uns sechs Monate, um so etwas hinzubekommen, und Weill bewerkstelligt das mit zwei Noten und einer Klarinette.'"

Der neue Kurt-Weill-Almanach möchte die Aufmerksamkeit der Lesenden auf Kurt Weills spätere amerikanische Jahre lenken. Der Name Weill ohne den Brechts wurde bis vor einigen Jahrzehnten in Deutschland kaum ausgesprochen. Vielleicht deshalb ist in nur ganz wenigen der Kalenderblätter überhaupt von Bertolt Brecht die Rede – und dies auf nicht gerade repräsentative Art:

Auszug aus einem Kurt Weill-Brief "Ich bin nach einer herrlichen Autofahrt von sechs Tagen am Donnerstag hier eingetroffen. Brecht, der in seinem Wagen mitfuhr, ist in der Nähe von Fulda, wo wir zum Essen verabredet waren, mit seinem Wagen verunglückt, und ich musste ihn mit einem Kniescheibenbruch nach Berlin zurückschaffen lassen. Dadurch haben sich leider meine ganzen Pläne verschoben, da wir ja zusammen hierhergehen wollten, um zu arbeiten. Wir wollten die Songtexte für 'Happy End' machen und uns mit neuen Plänen beschäftigen."

Nur zwei Jahre nach diesem Ereignis im Jahr 1929 überwarf sich Weill übrigens gründlich mit Brecht.

Oper "Die Bürgschaft"

Weills Karriere als Musical-Komponist in den USA ist ebenso weitgehend vergessen wie das Schaffen seiner letzten Jahre in Berlin. Dies könnte der Almanach ändern, zumindest ein wenig. Ein Bericht des berühmten Chronisten Harry Graf Kessler weckt das Interesse an Weills letztem noch in Deutschland uraufgeführten Stück aus dem Jahr 1932:

"Kurt Weill spielte bei uns abends vor Mme. Homberg große Teile seiner Bürgschaft: Wieder gewaltiger Eindruck. Das Werk wirkt wie das Buch eines alttestamentarischen Propheten, Jesaias, Jeremias, 'messianisch', ein Volk im tiefsten Unglück auf den Erlöser wartend, und insofern auch wie ein großes historisches Dokument und Zeugnis vom Zustand des Deutschen Volkes um 1930 in Erwartung von Hitler."

Ein Werk ganz großen Wurfs und Formats. Mme. Homberg fand aber, dass es gefährlich sein würde, es jetzt in Paris aufzuführen, weil es die Leute durch seine revolutionäre Wucht erschrecken und den 'refugiés' schaden würde.

Harry Graf Kessler, Chronist

Ein sehr informatives und lesenswertes Buch, das Einblicke in eher unbeleuchtete Schaffensphasen des Komponisten Kurt Weill gibt.

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Dieses Thema im Programm: MDR KLASSIK | MDR KLASSIK am Morgen | 16. März 2022 | 07:40 Uhr

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