Der Redakteur | 15.11.2022 Wieso darf man im Auto keine Handys nutzen, aber Touchscreens?

Jörg Heyl aus Neuenbeuthen wundert sich nach einer Erfahrung mit einem Werkstattersatzwagen: Der war nur über Touchscreens zu steuern. Er fragt: Warum sind im Auto Handys mit Touchscreen verboten? Die modernen Autos selbst werden doch auch mit Touchscreen bedient!

Zwei Männer sitzen in einem Tesla Model 3 Elektroauto.
Bitte hier klicken: Zwei Männer sitzen in einem Tesla Model 3 Elektroauto. Bildrechte: imago images/Xinhua

Fast unbemerkt wurde vor einigen Jahren § 23 der StVO an die modernen Fahrzeuge angepasst. Die fest eingebauten Touchscreens in den Fahrzeugen mögen zwar zu mehr Ablenkung führen, aber es ist ein Irrglaube, dass dort mehr erlaubt wäre als beim Handy.

Zunächst gilt nach wie vor das Verbot, ein elektronisches Gerät, das "der Kommunikation, Information oder Organisation" dient, in die Hand zu nehmen. Im Paragraphen 23 der StVO steht, dass ein Gerät "weder aufgenommen noch gehalten" werden darf. Das bedeutet: Das Handy hat sich in einer Halterung zu befinden, wenn es zum Beispiel als Navi im Einsatz ist und dementsprechend abgelesen werden soll. Das Telefonieren über die Freisprechfunktion oder Kopfhörerlösungen sind damit auch weiterhin die einzig erlaubten Varianten.

Damit ist das Handy physisch und juristisch auf der gleichen Ebene wie der Touchscreen eines modernen Autos. Wir sind hier immer noch bei § 23 und der erlaubt "zur Bedienung und Nutzung des Gerätes nur eine kurze, den Straßen-, Verkehrs-, Sicht- und Wetterverhältnissen angepasste Blickzuwendung zum Gerät …"

Das heißt, wenn ich mal kurz draufschaue, muss ich jetzt rechts abbiegen, dann ist das erlaubt, ansonsten nicht.

Ann-Katrin Knauf, Fachanwältin für Verkehrsrecht, Erfurt
Junge Frau nutzt ihr Handy am Steuer. 7 min
Bildrechte: imago images/Westend61
7 min

Ann-Katrin Knauf ist Fachanwältin für Verkehrsrecht in Erfurt. Sie sagt, ein kurzer Blick aufs Handy ist erlaubt, wenn das Smartphone als Navi im Auto benutzt wird.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Di 15.11.2022 15:10Uhr 07:12 min

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Auf den Punkt gebracht, verhält es sich ähnlich wie beim Tacho oder beim Rückspiegel. Ein kurzer Blick und gut. Wenn es jedoch in die Tiefen des Menüs geht und man dadurch regelrecht abgelenkt wird und eben ein kurzer Blick nicht ausreicht, dann muss man genauso anhalten wie einst für das Umschalten auf Reserve beim Trabi. Auch wenn es da natürlich "Künstler" gab, die das bei Tempo 110 und glühenden Zündkerzen erledigt haben.

Was bitte ist ein kurzer Blick?

Genau definiert ist das nicht und die Verkehrsrechtler schauen hier sehr interessiert auf die noch nicht so zahlreichen Urteile zum Thema. Denn es kommt immer auf den Einzelfall an und wie die Ablenkung gleich welcher Art sich auf den Vorfall ausgewirkt hat. Also wer rechts den Burger und links die Cola in der Hand hält, der kann dafür genauso bestraft werden wie jemand, der eigentlich vorschriftsmäßig die Freisprecheinrichtung des Handys benutzt hat.

Auto Navi
Gucken ja, groß im Untermenü etwas einstellen - das ist z.B. am Navi oder Smartphone nicht erlaubt. Bildrechte: IMAGO / CTK Photo

Wenn nämlich die Ablenkung durch das vielleicht heftig geführte Telefonat als zumindest teilweise ursächlich für den Unfall angesehen wird, kann sich das auch im Urteil widerspiegeln. Auch wenn das natürlich wie immer auf den Einzelfall ankommt, wie Rechtsanwältin Ann-Katrin Knauf betont.

Wenn ein Unfall passieren sollte und es kommt raus, dass ich schon zehn Minuten telefoniert und nicht die volle Aufmerksamkeit auf den Straßenverkehr gerichtet hatte, dann kann ich ein Problem bekommen.

Ann-Katrin Knauf, Fachanwältin für Verkehrsrecht, Erfurt

Das immer gern zitierte Urteil zum Thema Ablenkung und Touchscreen (Az. 1 Rb 36 Ss 832/19) ist das vom  Oberlandesgericht Karlsruhe, das im Sommer 2020 das Urteil gegen einen Teslafahrer bestätigte.

Scheibenwischer im Untermenü einstellen

Der hatte während der Fahrt auf seinem fest verbauten Touchscreen versucht, in einem Untermenü die Intervallschaltung seines Scheibenwischers zu aktivieren. Dabei kam er von der Fahrbahn ab, rammte einige Bäume und ein Schild. Doch so, wie man bisher auch nicht während der Fahrt quasi mit der Lesebrille die Aufdrucke auf dem Hebel des Intervallschalters studieren durfte, darf man sich in modernen Autos auch nicht in die Untermenüs vertiefen. Die volle Aufmerksamkeit hat dem Straßenverkehr zu gelten. Wenn das nicht möglich ist, muss man sich eben einen Platz zum Anhalten suchen. Am Ende wiesen die Richter auch noch deutlich darauf hin, dass die Vorschrift in § 23 Abs. 1a StVO eben nicht zwischen mobilen und fest im Auto verbauten elektronischen Geräten unterscheidet.

Die Sache mit dem Kopfhörer

Die Ohrstöpsel für Musik und Telefongespräche sollen ja eigentlich die Verkehrssicherheit erhöhen. Das tun sie aber nur, wenn die Umgebungsgeräusche noch wahrnehmbar sind. Wer Hupe, Martinshorn und andere Signale nicht mehr wahrnimmt, weil er akustisch quasi offline ist, der kann nicht nur als Autofahrer richtig Probleme bekommen. Für den Radfahrer, der mit großen, sogenannten geschlossenen Kopfhörern über den Erfurter Anger radelt, kann es genauso teuer werden, wie für den Fußgänger, der eine Straßenbahn nicht bemerkt und diese zur Vollbremsung zwingt.    

Wenn ich durch laute Musik abgelenkt bin, dann kann ich auch zivilrechtlich in die Haftung genommen werden.

Ann-Katrin Knauf, Fachanwältin für Verkehrsrecht, Erfurt

Ein Mann sitzt auf einer Bank und hat Kopfhörer im Ohr.
Auf der Bank kein Problem - wer aber durch Ohrhörer einen Straßenbahnunfall riskiert, muss unter Umständen ziemlich "blechen". Bildrechte: imago/Westend61

Wenn nämlich in der Straßenbahn das Bremsmanöver bei den Fahrgästen zu schweren Verletzungen führt, landen die Kosten sehr schnell im ruinösen Bereich. Aus diesem Grund sei auch noch einmal daran erinnert: Die private Haftpflichtversicherung gehört zu den wichtigsten Versicherungen, die es gibt. 

Quelle: MDR THÜRINGEN (ifl)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 15. November 2022 | 15:50 Uhr

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