Der Redakteur | 07.12.2021 Warum tut sich die deutsche Sprache mit dem Geschlecht so schwer?

Annette Bormann aus Erfurt hat eine Frage zur deutschen Grammatik: Warum passen die Anreden "Sehr geehrter Herr" und "Sehr geehrte Frau…" nicht zusammen? Bei "Sehr geehrte Damen und Herren…" klappe das doch auch? Unser Redakteur Thomas Becker versucht sich an einer Antwort.

Ein nachdenklicher Mann hält sich einen Bleistift ans Kinn
"Wie schreibe ich das nur, wie sage ich das nur?" Eine Recherche zu männlichen und weiblichen Bezeichnungen - mit nicht ganz einfachen Ergebnissen. Bildrechte: imago/imagebroker

Die Krankenschwester hat sich in der Alltagssprache durchgesetzt, auch wenn sie etwas aus der Zeit gefallen ist. "Schwester, könnten Sie bitte mal kommen?", das ist ein nach wie vor üblicher Satz in deutschen Krankenhäusern, kein Mensch sagt: "Pflegerin, …" Denn man sollte durchaus unterscheiden zwischen der Alltagssprache und irgendwelchen Fachbegriffen. So nennen wir unseren Arzt auch "Doktor", wenn er zwar seinen Facharzt erworben hat, aber nicht den Titel.

Polnische Ordenssschwestern aus der Gemeinde Broniszewic als tanzende Pinguine.
"Schwester" kommt vcn den Ordensschwestern (Symbolbild) Bildrechte: Eliza Malgorzata Myk/Screenshot Video

Bei den Schwestern liegt der Ursprung ganz klar bei den Ordensschwestern, die sich in den karitativen Orden einst barmherzig um die Kranken gekümmert haben. Zwar entwickelte sich auch ein bürgerliches Hospitalwesen, aber es gab – und gibt bis heute – kirchliche Krankenhäuser. Und so hat sich der Begriff bis heute erhalten, auch wenn das neue Pflegeberufegesetz längst von "Pflegefachfrau" bzw. "Pflegefachmann" spricht.

In den kirchlichen Krankenhäusern gab es bis Mitte der 60er und 70er Jahre fast ausschließlich Ordensschwestern. Für die alte Generation gab es nur Schwestern, die gewöhnt sich nicht um.

Prof. Nikolaus Knoepffler, Theologe und Ethiker, Uni Jena

Nun ist mit der Umstellung und Zusammenführung des bisherigen Altenpflegegesetzes und des bisherigen Krankenpflegegesetzes auf ein gemeinsames Pflegeberufegesetz auch eine übergreifende Berufsbezeichnung entstanden, die endlich an den Mann denkt. Die Auszubildenden erhalten zwei Jahre lang eine gemeinsame Ausbildung, in der sie dann einen Vertiefungsbereich in der praktischen Ausbildung wählen, schreibt das Bundesgesundheitsministerium. Wer im dritten Ausbildungsjahr diese generalistische Ausbildung fortsetzt, erwirbt den Berufsabschluss Pflegefachfrau" beziehungsweise "Pflegefachmann" - wer sich spezialisiert, kann einen gesonderten Abschluss in der Altenpflege oder in der Gesundheits- und Kinderkrankenpflege erwerben. Das Ganze ist aber noch in einer Art Testphase und soll bis 2025 überprüft werden, liebe Brüder und Schwestern. Anders steht es um die Hebammen, die seit 1.1.2020 alle weiblich erscheinen, auch wenn sie tatsächlich männlich sind (wozu es für Deutschland unterschiedliche Zahlen gibt, die aber alle einstellig sind). Das sieht das gültige Hebammengesetz vor.

Die Berufsbezeichnung "Hebamme" gilt für alle Berufsangehörigen.

§ 3 Hebammengesetz

Wir wollen jetzt nicht weinerlich werden, aber das widerspricht irgendwie dem Trend, aus einem Ingenieur zwingend eine Ingenieurin zu machen, wenn es sich um eine Frau handelt. Männer sollten zumindest wachsam sein.

Gehört nun der Herr zur Dame und die Frau zum Mann?

Fest steht zunächst: Der Dominus gehört zur Domina. Das ist lateinisch und bedeutet, dass beide in ihrem Haus das Sagen haben, als Hausherr und Hausherrin. Die Dame hingegen ist Französin, was laut Herkunftswörterbuch des Duden aber auch "nur" Herrin, Frau oder Ehefrau heißt. Im 17.Jahrhundert wurde die Dame dann zu einem festen Titel bei Hofe und schaffte es erst im 18.Jahrhundert auch in den bürgerlichen Bereich und ersetzte dort häufig die Frau. In beiden Kreisen wurde der Begriff "Dame" aber durchaus auch schon abwertend für eine Geliebte verwendet, es dürfte sich in der Art der Aussprache hörbar unterschieden haben.

Der Mann - ein untergegangener "Fraujan"

Das etwas vulgär anmutende "Weib" kommt vom althochdeutschen wîb, und ist als englische wife=Ehefrau nichts Geringgeschätztes. Die Frau ist hingegen im Mittelhochdeutschen zu Hause, nicht aber ihr Mann. Das männliche Pendent der Frau ist nämlich in Vergessenheit geraten. Germanisch war das der fraujan, der Herr, gotisch frauja genannt. Während der Mann auf die indogermanische Ursprache zurückgeht und strenggenommen nur Mensch heißt. Daraus folgt der erste Lehrsatz des Loriot: "Männer und Frauen passen einfach nicht zusammen."

Wie lösen wir also nun den Konflikt in der Anrede?

Wir können den Fehler einiger Behörden und Institutionen machen und packen wie u.a. unsere Landesfinanzdirektion und der Deutscher Fleischerverband das aus dem althochdeutschen stammende "Herr" zur französischen Dame, indem wie schreiben: "Sehr geehrte Dame, sehr geehrter Herr…". Das ist zwar völkerverbindend, aber von der Herkunft her würde die "sehr geehrte Herrin…" besser passen. Es käme auf den Versuch an. Alternativ könnte aber auch der Mann neue Wege gehen und wir schreiben in Erinnerung an unsere Altgermanen: "Sehr geehrte Frau…, sehr geehrter Fraujan…". 

Quelle: MDR (csr)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 07. Dezember 2021 | 15:10 Uhr

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