Der Redakteur | 14.03.2022 Trotz Rekord-Inzidenz: Hat Corona seinen Schrecken verloren?

Mittlerweile gibt es in Deutschland Inzidenzen jenseits der 2.500 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb der letzten sieben Tage - einst haben wir bei 35 Alarm geschlagen. Heißt das nicht, dass Corona seinen Schrecken komplett verloren hat?

Porträt Prof. Dr. Michael Bauer, Direktor Universitätsklinikum Jena 21 min
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Auf der Intensivstation im Jenaer Uniklinikum liegen nach wie vor in erster Linie Ungeimpfte und kämpfen um ihr Leben. Deren Leiter, Michael Bauer, warnt vor Omikron und BA.2.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Mo 14.03.2022 16:40Uhr 20:56 min

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Klare Antwort: Nein. Und das hat etwas mit dem Grundirrtum zu tun, was denn nun "leichter Verlauf" bedeutet. Klar ist, Omikron ist zwar deutlich ansteckender, aber es müssen prozentual weniger Menschen in die Klinik, haben also nur leichte Verläufe. Das ist für das Gesundheitssystem ein Segen.

Hätten wir hier noch die Hospitalisierungswerte wie zu Delta-Zeiten, hätten wir längst nicht beherrschbare Zustände in den Kliniken. Aktuell sind die Kliniken vor allem deshalb unter Druck, weil der Krankheitsstand bzw. die Quarantänepflicht beim Personal auf einem sehr hohen Niveau ist. Das liegt auch daran, dann man es nicht verantworten kann, Infizierte auf Arbeit zu lassen und sei es, auf der Covid-Station. Diskutiert wird ein solches Szenario aber schon, um noch Schlimmeres zu verhindern, wenn sich die Lage weiter zuspitzt. 

Die Impfung wirkt auch gegen Omikron

Die Omikron-Welle ist auch deshalb nicht mit voller Wucht durch die Kliniken gerauscht, weil ein großer Teil der Bevölkerung geimpft ist. Das wird in der schrägen Diskussion rund um die Sinnhaftigkeit von Impfungen gern ignoriert, nur weil es positive Tests von Geimpften gibt, oder Geboosterte mit Symptomen. Und vor der Idee, sich ohne das "Sicherheitsnetz" Impfschutz quasi absichtlich anzustecken mit Omikron, warnen Mediziner sehr eindringlich. Professor Michael Bauer nennt es einen "gefährlichen Irrglauben". Aus verschiedenen Gründen.

Die Omikron-Variante ist nicht die 'Impfung light'. Eine Erkrankung ist viel weniger kalkulierbar als eine Impfung.

Prof. Michael Bauer, Intensivmediziner Uni-Klinikum Jena

Das geht über die schweren Grippesymptome, mit denen aktuell viele flach liegen, die aber aus medizinischer Sicht noch keine schwere Erkrankung sind, hinaus. Diese fängt dann an, wenn die Organe - meistens die Lunge - schwer in Mitleidenschaft gezogen werden, auch mit tödlichen Folgen. Und auf der Intensivstation von Professor Bauer liegen nach wie vor in erster Linie Ungeimpfte und kämpfen um ihr Leben.

Hinzu kommt die Long Covid-Gefahr, also die verschiedenartigen schweren Beeinträchtigungen, die von absoluter Schwäche bis zum Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns monatelang andauern oder vielleicht sogar für immer bleiben. Es sei auch eine sehr naive Vorstellung, dass jetzt eine Art milde Grippewelle durchs Land läuft und anschließend sind alle immun, so Bauer.

Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Omikron-Variante allein nach allem, was man weiß, für keine sonderlich hohe Immunität sorgt. In Verbindung mit einer Boosterimpfung hingegen schon.

Und ewig rollt die Herbstwelle

Auch mit Blick auf die Tatsache, dass weitere Varianten vom Schlage Delta und schlimmer auftreten können, ist der Glaube an eine Immunisierung nach einer Omikron-Immunisierung fatal. Und wer sich verinnerlicht, wie eigentlich Mutationen entstehen, müsste eigentlich auch noch aus gesellschaftlicher Verantwortung zum Impfen gehen. Denn das Virus braucht uns als Wirt für seine Vermehrung.

Je weniger Immunschutz da ist, umso mehr Viren werden durch die Zellen des Wirtes produziert bis das Immunsystem anspringt und desto höher ist schon rechnerisch die Wahrscheinlichkeit, dass sich dabei Mutationen bilden. Mit dem Wissen, dass Omikron-Genesene eben nur einen ungenügenden Schutz haben, laufen wir im kommenden Herbst sehenden Auges in die nächste Welle.

Die haben wir dann größtenteils der Ignoranz einiger Bevölkerungsschichten zuzuschreiben, die mit "Argumenten" unterwegs sind, die Fachleute nur noch mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen. Dazu gehört die grundsätzliche Impfskepsis, obwohl Impfungen die größte medizinische Errungenschaft aller Zeiten sind, sagt Bauer.

Und dazu gehört auch der DNA-Unsinn, der bezogen auf die Wirkung der mRNA-Impfstoffe verbreitet wird. Das ist Molekularbiologie in einem seit den 50er-Jahren von Nobelpreisen geadelten Bereich, hat aber nichts mit Genmutation zu tun - und so "neu" ist der Ansatz auch nicht und nach milliardenfachem Einsatz schon gar nicht.  

Das ist untersucht bis ins Detail, aber jeder hat dazu eine Meinung, das ist hanebüchen.

Prof. Michael Bauer, Intensivmediziner Uni-Klinikum Jena

Und noch schlimmer wird es dann, wenn Menschen Meinungsfreiheit mit dem Recht auf eine eigene Wahrheit verwechseln. Aus dieser Gruppe kommen auch diejenigen, die Menschen wie Professor Bauer Morddrohungen in den privaten Briefkasten werfen.

"Aber ich habe trotzdem Angst"

Die völlig überzogenen Ängste, die viele Menschen vor einer Impfung haben, sind oft nicht greifbar und vermischen sich mit der Kritik an staatlichen Organen. Weil hier - ob berechtigt oder nicht - Grundvertrauen verloren gegangen ist, verweigern Menschen die angebotenen Hilfsmittel. Man will das Auto lieber ohne Airbag, weil es ja sein könnte, dass dieser versagt oder für blaue Flecken sorgt.

Mit diesem Denkansatz kann jeder gern beim Autohändler vorsprechen, mit der Bitte, das Teil doch bitte auszubauen, wenn der Wagen geliefert wird. Allerdings muss man hier mit fachlich fundiertem Widerspruch rechnen. Den Auto-Vergleich zieht auch Professor Bauer, der es wie viele andere Kollegen leid ist, dass sich medizinische Laien die Deutungshoheit herausnehmen.

Wenn ich zu meinem Kfz-Mechaniker gehen würde und so einen Unsinn über die Nockenwelle erzählen würde, dann würde der mich wegschicken. Aber über Immunologie kann jeder schwadronieren, das ist schwer erträglich.

Prof. Michael Bauer, Intensivmediziner Uni-Klinikum Jena

MDR

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 14. März 2022 | 16:40 Uhr

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