Der Redakteur | 21.01.2022 Zwischen Faszination und Furcht: Das Bild von Russland in den Medien

Christina Koch aus Masserberg fragt: "Warum wird in der Berichterstattung Russland als Feind hingestellt und die Amerikaner haben praktisch einen Freibrief?" Redakteur Thomas Becker hat sich das mal genauer angeschaut.

Touristen in Sankt Petersburg
Sehnsuchtsort Sankt Petersburg. Wie wir über andere Länder denken, hängt auch davon ab, wer uns von ihnen erzählt. Bildrechte: imago/Sven Simon

Auf dem Stundenplan stehen heute Geschichte und Medienkunde, и заглянуть в русскую душу, also ein Einblick in die russische Seele. Dafür ist nicht nur Wladimir Kaminer zuständig, Vorzeigerusse, Putin-Kritiker, Buchautor und charmant witziger Typ, der auch uns Deutschen gern mal den Spiegel vorhält.

Ihm ist wichtig: Wir dürfen in der Diskussion das System Putin nicht gleichsetzen mit den Russen. Die Situation sei auch nicht vergleichbar mit der Zeit vor gut 100 Jahren, also vor dem Ersten Weltkrieg, als der Patriotismus in Russland, aber auch in Deutschland, so wichtig war, dass selbst die Hausfrau in den Krieg ziehen wollte.

Wladimir Kaminer ist sich sicher, dass seine Landsleute massenhaft demonstrieren würden, wenn russische Truppen die Grenze zur Ukraine überschreiten sollten. Aus seiner Sicht hat Putin nach mehr als 20 Jahren an der Macht, seinen Zenit überschritten, er ist wirtschaftlich gescheitert und Inflation und Korruption gehören zum Alltag der Menschen, die Armut ist vielerorts greifbar.

Russland zwischen Mittel- und Supermacht

Professor Theocharis Grigoriadis vom Osteuropa-Institut der FU Berlin sieht Russland politisch als Supermacht, wirtschaftlich aber nur als Mittelmacht, bei Deutschland sei es eher umgekehrt. Und das Säbelrasseln Putins an der Grenze zur Ukraine zeigt eben genau das: Er will Stärke zeigen. Denn er braucht zum innenpolitischen Überleben außenpolitische Erfolge.

Natürlich sind die Russen immer noch ein stolzes Volk und vielleicht auch deshalb eines, das uns schon immer geheimnisvoll fasziniert. Da sind wir auch direkt bei der russischen Seele. "Die Berichterstattung über Russland ist durch Faszination und Furcht geprägt", sagt Professor Christoph Garstka vom Lotman-Institut für russische Kultur Ruhr-Uni Bochum. Und das ergäbe ein seltsames Gefühl, das wir nicht erklären können, eine Anziehungskraft, die besonders viele Ostdeutsche in sich tragen, aber eben nicht nur sie.

Amerika ist der visionäre Ort des Fortschrittsglaubens, aber nicht der Sehnsuchtsort der Seele.

Professor Christoph Garstka Lotman-Institut für russische Kultur, Ruhr-Uni Bochum

Und es kommt noch ein Aspekt hinzu, der Einfluss hat auf die Berichterstattung in Deutschland. Aktuell sind nur noch sehr wenige Korrespondenten vor Ort. Die Zeiten eines Gerd Ruge sind vorbei, man macht sich schnell unbeliebt, wird vom Journalisten zum Agenten erklärt, demzufolge werden die persönlichen Eindrücke vor Ort weniger.

Stattdessen greifen wir auf Menschen zurück - Stichwort Wladimir Kaminer - die Putins Russland verlassen haben, aber nicht die Russen. Diese Tradition ist auch schon fast 200 Jahre alt, sagt Garstka, dass nämlich Menschen aus Russland Richtung Westen ziehen.

Kreml Weihnachtsmarkt 31 min
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Thomas Becker spricht mit Prof. Christoph Garstka über das deutsch-russische Verhältnis und über die Rolle Russlands aus deutscher Sicht.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 21.01.2022 16:10Uhr 31:01 min

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Auch Auswanderer prägen Russland-Bild

Es gab Dissidenten zu Sowjetzeiten und jetzt oft liberale Intellektuelle, die natürlich durch ihre Meinungen unser Bild von Russland prägen, schon alleine, weil sie oft Deutsch sprechen und somit als Gesprächspartner auch talkshowtauglich sind wie Wladimir Kaminer.

Trotzdem scheint ihr Bild vom heutigen politischen Russland nicht so schief zu sein, denn Osteuropa-Experten wie Garstka und Grigoriadis sind beide durchaus der Meinung, dass die aktuelle Eskalation rund um die Ukraine einen Schuldigen hat und das ist Putin. Inwiefern dieser durch die Fehler des Westens erst so geworden ist, dass ist Teil des Geschichtsunterrichts.

In Russland nennt man das 'Anti-Midas-Komplex'. Alles was der griechische König Midas anfasste, verwandelte sich in Gold. Und jedes Gold, das Putin anfasst, verwandelt sich in Scheiße.

Wladimir Kaminer Buchautor und Satiriker aus Russland

Was ist nur aus Putin geworden?

Es gab am 25. September 2001 einen denkwürdigen Moment in der deutsch-russischen Geschichte. Der Deutsche Bundestag applaudierte geschlossen stehend einem Mann, der gerade eine Rede gehalten hat. Wladimir Putin. Der Endvierziger war damals erst etwas mehr als ein Jahr russischer Präsident und wirkte geradezu jugendlich und noch etwas unbeholfen.

Wladimir Kaminer 18 min
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Redakteur Thomas Becker spricht mit Wladimir Kaminer über das Verhältnis zwischen Russland und Deutschland.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 21.01.2022 16:10Uhr 17:36 min

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Seine Rede schloss er mit dem Hinweis in feinstem Deutsch, dass Russland erst am Anfang des Aufbaus der demokratischen Gesellschaft und der Marktwirtschaft stehe. Er verwies auf objektive Probleme und die eigene Unbeholfenheit - er sagte Ungewandtheit - und reichte uns dann die Hand mit den Worten:

Unter allem schlägt das lebendige Herz Russlands, welches für vollwertige Zusammenarbeit und Partnerschaft geöffnet ist.

Wladimir Putin am 25.09.2001 im Deutschen Bundestag

Es hätte der Beginn einer echten deutsch-sowjetischen Freundschaft werden können. Wurde es aber nicht. Gabriele Krone-Schmalz beschrieb 2015 in ihrem Buch "Russland verstehen", in dem es auch schon um die Ukraine-Frage ging, wie im Anschluss im Westen mit Putin umgegangen wurde. Statt diese Chance zu ergreifen, wurde die mediale und politische Diskussion "von der KGB-Vergangenheit des neuen Präsidenten dominiert". Dabei hätte es durchaus andere Dinge gegeben, über die man auch hätte reden können und die ein Auseinanderdriften von Russland und der EU/Deutschland verhindert hätten.

Diese Vision, die Putin damals geäußert hat, einen Handelsraum von Lissabon bis Wladiwostok zu schaffen, das wäre möglich gewesen.

Professor Christoph Garstka Institut für russische Kultur, Ruhr-Uni Bochum

Heute irritiert Putin nicht nur mit einem Soldatenaufmarsch an der Grenze zur Ukraine und Manövern in verschiedenen heimischen Gewässern, sondern auch mit einem Aufsatz, der ein fragwürdiges Geschichtsbild offenbart. Darin wird die Ukraine als Staatswesen nicht ernst genommen, die ukrainische Souveränität sei nur eine Idee Lenins gewesen.

Auch die Interpretation der Gründung der Kiewer Rus um 838, eines Staates am Dnepr, der durch Russland, Weißrussland und die Ukraine fließt, teilen Historiker nicht. Sie lehnen die putinsche Sichtweise ab, dass diese Tradition einzig und alleine nur in Moskau weitergetragen wurde und Russland quasi das Oberhaupt der Ostslaven ist. An dieser Stelle springt auch Kaminer seinem Brudervolk - und so definieren sich Ukrainer und Russen tatsächlich - in der Ukraine bei. Der russische Präsident könne nicht behaupten, dass es ein Land wie die Ukraine gar nicht gibt.

Die Ukrainer sind schon der Meinung, dass es sie gibt!

Wladimir Kaminer Buchautor und Satiriker aus Russland

Welche Schuld trägt die Deutsche Einheit?

Eines der Hauptargumente dieser Tage ist die Frage der Nato-Osterweiterung im Zuge der Zwei-plus-Vier-Gespräche zur Deutschen Einheit. Hier seien den Russen Versprechungen gemacht wurden, die niemand gehalten hat. Vertraglich, mündlich, was auch immer.

Vertraglich wäre einfach, dann könnte man es nachlesen, also muss da etwas Mündliches gewesen sein. Die Historiker sind sich nicht einig in ihrer Bewertung. Die amerikanischen Archive sind diesbezüglich erst seit 2017 offen und bieten Einblicke, die zum Beispiel Krone-Schmalz für ihr Buch noch nicht haben konnte. Warum aber niemand amtlich versprochen haben kann, die Nato niemals in die Staaten der ehemaligen Sowjetrepubliken oder des Warschauer Vertrages auszudehnen, das kann jeder ganz einfach mit dem Blick auf den Kalender überprüfen. Zum Zeitpunkt der Verhandlungen existierte nämlich die Sowjetunion noch und auch der Warschauer Pakt.

Da konnte es keine Zusagen gegeben haben, wenn dann nur Projektionen. Aber die sind natürlich nicht verschriftlicht worden.

Professor Christoph Garstka Institut für russische Kultur, Ruhr-Uni Bochum

James Baker, damals US-Außenminister, erinnerte sich an eine Diskussion im Weißen Haus mit Gorbatschow und die Frage, ob denn ein Land seine Bündnisse frei wählen darf, was dieser mit einem "Ja" beantwortet haben soll und etwas weitergedacht ist es - bei aller historischen Verbundenheit auch anmaßend - wenn in Moskau entscheiden dürfte, was die drei baltischen Staaten zu wollen haben.

So ähnlich schwebt es Putin bei den aktuellen Sicherheitsgarantien vor, die die Amerikaner aber eben nicht geben wollen. Welches Land auch immer künftig andere Wege gehen will, muss selbst entscheiden dürfen, wo es hingehört. Und die möglichen Bündnispartner müssen entscheiden, ob sie empfänglich sind. Natürlich kann man hinter der Weigerung der Amerikaner, solche Garantien zu geben, auch Eigeninteressen vermuten, aber ob die sich aktuell wirklich die Konflikte weiterer ehemaliger Sowjetrepubliken ans Bein binden wollen, ist mehr als fraglich.

Welche Rolle spielt die Krim?

Nun ist die letzte Eskalation des Ukraine-Konflikts, nämlich die Besetzung der Krim, noch gar nicht so lange her. Diese war zuvor Teil des Russischen Reichs, später der Sowjetunion, bis Nikita Chruschtschow, selbst Ukrainer, die Krim der Ukrainischen Sowjetrepublik schenkte.

Bis zu einer Scheidung sind bekanntlich größere Schenkungen kein Problem, doch dann wird es schnell hässlich. Nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion lebten plötzlich Millionen Russen außerhalb ihrer eigenen Landesgrenzen. Und zwar in einem Nationalstaat, der zum Beispiel Estland hieß, Kasachstan oder eben Ukraine.

Und nicht immer waren die Russen dort beliebt, obwohl sie familiär und auch sonst eng mit den "Einheimischen" verbunden waren. Solche Erfahrungen machten übrigens einst auch die Deutschen in verschiedenen Regionen Osteuropas.

In der Altstadt Ulitsa Ryleyeva mit der Kirche Uspenskaya Tserkov im Hintergrund 8 min
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8 min

Professor Theocharis Grigoriadis vom Osteuropa-Institut der Freien Universität Berlin zu den Hintergründen der derzeitigen Krise zwischen Russland und dem Westen.

MDR THÜRINGEN - Das Radio Fr 21.01.2022 16:10Uhr 08:20 min

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Als der Westen mit Geld lockte

Der Krimkrise war der Höhepunkt einer Entwicklung, an der auch die EU nicht unschuldig war. 2013 war die Ukraine nahezu pleite, das war ein Zustand, den übrigens auch die Sowjetunion zur Wendezeit innehatte, in den Verhandlungen zur Deutschen Einheit spielte deshalb auch ein Fünf-Milliarden-Kredit Deutschlands an die Sowjetunion eine Rolle. In beiden Fällen hat der Westen also direkt oder indirekt mit Geld gelockt, wie verführerisch das sein kann, muss man uns Ostdeutschen nicht erklären.

Das mit der Ukraine ausgehandelte Assoziierungsabkommen bedeutete de facto, die Ukraine sollte sich entscheiden zwischen Russland und der EU. Es gab damals einige Stimmen, die davor warten, das könnte das Land zerreißen und das nicht eingebundene Russland erzürnen, aber das hat nichts geholfen.

Aus dem April 2013 stammt eine Umfrage des Kiewer Rasumkow-Zentrums. Demnach waren damals 42 Prozent der Ukrainer für die Annäherung an die EU und das Abkommen, 33 Prozent wollten die Zollunion mit Russland und weiteren ehemaligen Sowjetrepubliken, der Rest war unentschlossen oder wollte nichts von alledem. Der damalige ukrainische Präsident Viktor Janukowitsch hat dann das Abkommen im letzten Moment nicht unterzeichnet. Das war am 28. November 2013 und geschah sicher nicht ohne Druck aus Moskau. Seitdem (und vorher auch nicht) gibt es keinen Plan der Europäer, wie man dem Wunsch eines Teils der Ukrainer einer Annäherung an die EU entsprechen kann, ohne den russisch geprägten Teil des Landes abzuspalten und Russland zu verprellen.

Wir müssen anerkennen, dass Russland in der Ostukraine Interessen hat.

Professor Christoph Garstka Institut für russische Kultur, Ruhr-Uni Bochum

Spagat zwischen verschiedenen Interessen

Garstka sieht zum Beispiel Gespräche als Möglichkeit, die zu einem gewissen Autonomiestatus der Region führen könnte. Und auch Grigoriadis mahnt eine Lösung an, die den Willen des ukrainischen Volkes respektieren sollte, das sich der EU zuwenden will, aber eben unter Berücksichtigung der Interessen Russlands.

Dass das nicht einfach ist, das ist auch klar. Und dass das militärische Aufrüsten der Ukraine keine Lösung ist, da waren sich alle unsere Gesprächspartner heute einig. Auch dürften sich mögliche Sanktionen nicht gegen das russische Volk richten - Stichwort Abtrennung Russlands vom europaweiten Zahlungssystem. Vielmehr, so Garstka, sollte man die wenigen aber einflussreichen russischen Entscheidungsträger oder Meinungsmacher ins Visier nehmen, wie zum Beispiel den Moderator Artjom Scheinin, der eine eigene Talkshow im russischen Staatsfernsehen hat, die alle Vergleiche und "Staatsfunk"-Vorwürfe gegen die Öffentlich-Rechtlichen Anstalten in Deutschland ad absurdum führen.

Was machen eigentlich die russischen Medien?

Über die Schwachstellen der deutschen Russland-Berichterstattung haben wir ja schon gesprochen, aber ohne in Selbstzufriedenheit zu zerfließen, was in Russland derzeit abgeht, das ist bei uns unvorstellbar. Stellen wir uns eine politische Talkshow unter Beteiligung der AfD vor und der Moderator, dem eine gewisse Ferne von dieser Partei unterstellt wird, stellt seinem Gast einen Eimer Fäkalien vor die Füße und der Saal tobt vor Vergnügen.

Diesen "Spaß" erlaubte sich Moderator Artjom Scheinin, einem Gast gegenüber, weil der sich weigerte, die Krim als russisch anzusehen. Sein Kollege Wladimir Solowjow ist ebenso für deutliche Worte in Richtung Westen bekannt, was Professor Garstka sogar als "Westbashing" bezeichnet, weil tatsächlich der Westen dämonisiert und als Feind dargestellt wird. Allerdings ist offenbar auch bei uns nicht alles schlecht und das eröffnet Möglichkeiten für wirklich schmerzhafte Sanktionen, die der russischen Bevölkerung nicht wehtun.

Die Scheinheiligekeit im Medienbereich zeigt sich dadurch, dass solche Einheizer und Chefpropagandisten des Kremls wie Wladimir Solowjow natürlich Wohnsitz in Italien haben und auch ihre Gelder hier haben.

Professor Christoph Garstka Institut für russische Kultur, Ruhr-Uni Bochum

Quelle: MDR (mm)

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 21. Januar 2022 | 16:00 Uhr