Der Redakteur | 15.06.2022 Digitale Stromzähler: Warum müssen alle zahlen?

Derzeit werden in vielen Haushalten die Stromzähler auf den digitalen Betrieb umgestellt. "Ich als Kunde brauche diese digitalen Zähler nicht und habe den Wechsel nicht gewünscht. Wieso muss ich trotzdem dafür zahlen?", fragt Elke Martin aus Kraftsdorf. Redakteur Thomas Becker hat recherchiert.

Intelligente Stromzähler
In den nächsten Jahren werden alle analogen Stromzähler gegen digitale Modelle ausgetauscht werden. Bildrechte: imago images / Sabine Gudath

Gegen den Einbau eines digitalen Stromzählers kann man sich nicht wehren. Der ist im Messstellenbetriebsgesetz verankert, das auch die Höchstpreise regelt. Dass wir überhaupt neue Zähler bekommen sollen, ist der Energiewende geschuldet. Nun ist unser Stromnetz ein sehr komplexes Gebilde, bei dem man genau darauf achten muss, dass sich Angebot und Nachfrage die Waage halten. Das heißt: Es muss für produzierten Strom immer direkt ein Abnehmer da sein, der ihn verwendet.

Vereinfacht gesprochen hatten wir bisher große Kraftwerke als Erzeuger, deren "Produktionsvermögen" war bekannt und auch deren Vermögen, die Leistung in einem bestimmten Zeitraum zu steigern oder zu reduzieren. Es gab und gibt zudem zum Beispiel große Pumpspeicherwerke wie Goldisthal, die je nach Bedarf Strom abnehmen oder ins Netz einspeisen können.

Oberbecken des Pumpspeicherkraftwerkes Goldisthal
Im Pumpspeicherkraftwerk Goldisthal wird elektrische Energie in Form von potentieller Energie gespeichert. Bildrechte: dpa

Nun wird unser Strom der Zukunft kleinteiliger produziert werden und auch dezentraler. Neben großen Windparks beispielsweise in der Nordsee wird es viele kleine Erzeugergemeinschaften geben bis hin zu privaten Solardächern. Hinzu kommt, dass unsere E-Autos sich auch aus dem Pool bedienen werden, deren Durst auch nicht so leicht berechenbar ist, wie die Verbrauchskurve des normalen Haushalts bisher. Um das alles künftig regeln zu können, werden über die nächsten Jahre alle Verbraucher digitale Zähler bekommen. Das braucht Zeit, deshalb ist die Umstellung bereits angelaufen. Aber nur sehr langsam.

Nicht verwechseln mit dem turnusgemäßen Zählertausch

Den alten Ferraris-Zähler mit der Scheibe, die nie still steht, kennt wohl jeder. Der kann im Zuge des turnusgemäßen Austauschs durchaus auch gegen einen digitalen Zähler getauscht werden, der aber noch nichts mit der Energiewende zu tun hat. Denn es ist schon immer so gewesen, dass die Zähler alle paar Jahre ausgetauscht und durch neu geeichte Zähler ersetzt werden.

Also selbst wenn Sie hier einen digitalen Zähler bekommen, bleibt noch alles beim Alten. Das liegt auch daran, dass es überall Lieferprobleme gibt wegen Corona und wegen des Ukraine-Krieges. Weltweit sind die Lieferketten durcheinander geraten, Schiffe sitzen fest und Chips fehlen, somit fehlen am Ende auch die modernen Geräte, die eigentlich - so war der ursprüngliche Plan - schon in größerer Zahl verbaut sein sollten.

Verbrauch ablesen an einem modernen Stromzähler 19 min
Bildrechte: imago images / Shotshop

Was sind denn nun die neuen Mess-Systeme?

Wir haben derzeit in der Regel den alten schwarzen analogen Zähler, der nur den Eingang zählt. Den gibt es wie gesagt auch in digital. Dann gibt es für Solaranlagen noch Zähler, die in beide Richtungen messen können, das ist auch noch alter Standard. Und nun wird es neu. Der unterste neu Standard ist eine sogenannte "moderne Messeinrichtung". Die wird zunächst per Post von Ihrem Stromlieferanten und von ihrem Messstellenbetreiber angekündigt, die identisch sein können, aber nicht müssen.

Die "moderne Messeinrichtung" kann schon deutlich mehr als der schwarze Kasten. Zum Beispiel messen, wann der Strom verbraucht wurde. Das Problem nur ist: Noch hat der Verbraucher nichts davon. Die Kritik der Verbraucherzentrale deshalb: Ein direkter finanzieller Nutzen, der die zusätzlichen jährlichen Kosten aufwiegt, ist für Verbraucher nicht zu erwarten. Denn noch fehlen die variablen Tarife, bei denen der Strom etwa nachts günstiger ist. Der moderne Zähler macht also zunächst nichts anderes als der bisherige, kostet aber mehr.

Ein Wechselstromzähler zeigt den aktuellen Zählerstand in Kilowattstunden in einem Haushalt an.
An einem modernen Stromzähler kann man sogar ablesen, wann Strom verbraucht wurde. Bildrechte: dpa

Der Verbraucher bezahlt also die volle Leistung, ohne dass er die volle Leistung erhält, das finden wir nicht gut.

 Tom Janneck, Experte Energiewende und Nachhaltigkeit der Verbraucherzentrale

Werden da auch gleich meine Daten umhergefunkt?

Diese "moderne Messeinrichtung" kann keine Daten senden oder empfangen, sie muss weiterhin abgelesen werden. Das "Funken" ginge nur mit einem Zusatzgerät, das zukünftig die Sende- und Empfangseinheit für sämtliche Zähler im Haus werden könnte. Bis dahin fließt aber noch eine Menge Strom durch die Leitungen. Für die meisten Leute wird es also bei der "modernen Messeinrichtung" bleiben, nämlich für Haushalte mit einem Verbrauch bis zu 6.000 kWh pro Jahr. Deren Kostenpunkt: Maximal 20 Euro jährlich, das ist nur unwesentlich mehr als das, was der im Grundpreis versteckte schwarze Kasten bisher gekostet hat.

Wer mehr als 6.000 kWh pro Jahr verbraucht, selbst Strom erzeugt (zum Beispiel durch eine Photovoltaikanlage mit einer Nennleistung von mehr als 7.000 kW) oder eine "steuerbare Verbrauchseinrichtung", wie eine Wärmepumpe oder eine Nachtspeicherheizung betreibt, der bekommt diese Sende- und Empfangseinheit dazu, das Gesamtsystem wird damit zum "intelligenten Messsystem", auch Smart Meter genannt. Der Zähler selbst und das Kommunikationsmodul ("Smart-Meter-Gateway" genannt) sind also zwei Paar Schuhe, die am Ende gemeinsam laufen.

Was kosten die intelligenten Messsysteme?

Wer mehr als 6.000 kWh pro Jahr verbraucht oder eines der erwähnten Systeme betreibt, bezahlt etwas mehr als diese 20 Euro pro Jahr für die moderne Messeinrichtung. Die Kosten sind abhängig vom Verbrauch und nach der Anzahl der Messstellen gestaffelt und zwar über das Messstellenbetriebsgesetz. Faustregel: Der Privatmann wird die 100-Euro-Grenze pro Jahr für ein solches intelligentes Messsystem nicht überschreiten.

Ein intelligentes Messsystem für Strom, ausgerüstet mit einem LTE Smart Meter Gateway
Ein intelligentes Messsystem für Strom: das Smart Meter. Bildrechte: dpa

Schalten die mir künftig einfach den Strom ab?

Nein und einfach schon mal gar nicht. Grundsätzlich schaltet sich der Strom auch jetzt schon quasi ab, wenn Leitungen überlastet sind. Also wenn zum Beispiel wegen eines Sturms Leitungen abreißen und deren Last dann andere mittragen müssen, kann es dort zu Überlastungen führen, die entweder menschliches oder automatisches Eingreifen erforderlich machen. Solche Situationen wird es künftig auch geben.

Allerdings nicht nur, weil Leitungen vom Sturm zerlegt wurden, sondern beispielweise wenn zur Gänsebratenzeit alle Öfen unter Volllast laufen und - da dann alle Leute zu Hause sind - auch noch alle E-Autos am Netz hängen. Das wäre ein Moment, an dem die Systeme eingreifen und beispielsweise die Autos mit etwas weniger Leistung versorgen oder mal eine Ladepause verordnen. Solche Steuerungsmöglichkeiten wird es geben müssen, das ist einerseits der Preis für die Energiewende, aber auch eine Chance für ganz neue Tarife. Wer nämlich dann lädt, wäscht oder kocht, wenn viel Strom da ist, der zahlt deutlich weniger. Die intelligenten Messsysteme werden dies erst möglich machen.

Strom wird teurer
Intelligente Messsysteme können neue Stromtarife möglich machen. Bildrechte: Colourbox

Was ist mit dem Datenschutz?

Die Verbraucherzentrale weist darauf hin, dass jedes Gerät, das Daten über Funk oder Kabel versendet, von Schmutzfingern angreifbar ist. Aus den Messwerten könnten also Erkenntnisse über Alltag und Gewohnheiten der Bewohner gewonnen werden. Deshalb gibt es hohe gesetzliche Anforderungen an die Sicherheit der Software und Hardware der Messstellenbetreiber, die durch das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) zertifiziert werden müssen. Hier sind auch noch längst nicht alle Regelungen und Gesetze fertig, zum Beispiel auch was die Tarife betrifft.

Denkbar wären neben der Förderung von Verbrauchern, die außerhalb der Spitzenbelastungszeiten Strom verbrauchen auch günstige Tarife, die eine zeitweilige Drosselung der Lieferung oder gar eine Abschaltung erlauben. Beispiel: Wer einen solchen Tarif bucht, zahlt vielleicht nur den halben Preis übers Jahr, wird aber für eine fest definierte Anzahl von Stunden im Monat nur auf Sparflamme versorgt werden. Vergleichbar mit der Internetgeschwindigkeit beim Handy, wenn das Datenvolumen aufgebraucht ist.

Strommasten einer Stromtrasse bei Sonnenuntergang in Nordrhein-Westfalen
Durch Energieoptimierung können Kosten eingespart werden. Bildrechte: imago images/imagebroker

Brauche ich einen neuen Zählerschrank?

Das ist für die Verbraucherzentrale die große Unbekannte. Berechnungen haben ergeben, dass deutschlandweit bei einem Viertel der Haushalte - insbesondere bei Bauten vor 1965 - ein neuer Zählerschrank nötig werden könnte. Hier wären durchaus Kosten in Höhe von mehreren tausend Euro denkbar.

Da in Thüringen und in den anderen neuen Ländern nach der Wende überall saniert wurde, dürfte es solche Probleme hier kaum geben, so die Einschätzung von Elektrofachbetrieben. Und wer wirklich noch einen Schrank der Bauart "Erichs Rache" zu Hause hat, der sollte sich schon aus Sicherheitsgründen ohnehin dringend um ein neues häusliches Stromnetz kümmern. Bisher - so die Signale aus der Praxis - ist die in Thüringen übliche sogenannte Drei-Punkt-Befestigung in den Zählerschränken in der Lage, auch die moderne digitale Zählertechnik festzuhalten. Und drum herum ist in den allermeisten Fällen auch genügend Luft.

Dieses Thema im Programm: MDR THÜRINGEN - Das Radio | Ramm am Nachmittag | 15. Juni 2022 | 15:40 Uhr

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