MEDIEN360G im Gespräch mit... Prof. Dr. Vinzenz Wyss

In der Corona-Pandemie spielen die Medien eine wichtige Rolle. Auch wenn andere Informationskanäle wichtiger geworden sind: Gerade in Krisenzeiten greifen
viele Menschen vor allem auf die Angebote der klassischen Medienhäuser und Sendeanstalten zurück, um zuverlässige Informationen zu bekommen. Zur Aufgabe der Medien gehört dabei auch immer, Nachrichten zu erklären und zu hinterfragen. Das hat nach Meinung des Schweizer Journalistik-Professors Vinzenz Wyss nicht immer gut geklappt.

Porträt von Prof. Dr. Vinzenz Wyss 15 min
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15 min

Der Journalismus steckt in Krisen wie der Corona-Pandemie in einem Dilemma. Denn er muss beides sein: Schneller Informationsvermittler und kritischer Hinterfrager, sagt der Journalistik-Professor Vinzenz Wyss.

Fr 19.06.2020 09:58Uhr 14:48 min

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Steffen Grimberg: Wir begrüßen jetzt, in der Schweiz zugeschaltet, Prof. Vinzenz Wyss. Er ist Professor für Journalistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaft in Winterthur. Herzliche Willkommen hier bei MEDIEN360G. Herr Prof. Wyss, welche Rolle spielen die Medien in der Corona-Krise?

Prof. Dr. Vinzenz Wyss: Ich denke, die Corona-Krise hat gezeigt, wie unheimlich wichtig die Medien in einer solchen Krisensituation sind. Wir bezeichnen sie ja in der Journalismus-Forschung schon lange als "systemrelevant". Man hat da vor allem auch an den politischen Diskurs gedacht. Aber auch in Zeiten, in denen wir bedroht werden von einem unheimlichen Virus, wo so viel Unbekanntes, soviel Ungewisses da ist, da ist unser Informationsbedarf hoch. Da braucht es unabhängige Medien, die quasi als Vermittler zwischen der Bevölkerung und auch den Regierenden versucht, den Dialog zu fördern, verschiedenste Perspektiven in den Diskurs aufzunehmen und Orientierung zu stiften. Nicht nur zu informieren, aber auch kritisch den Regierenden beispielsweise auf die Finger zu schauen. Die Corona-Krise hat es meines Erachtens gezeigt, wie enorm wichtig Journalismus ist.

Steffen Grimberg: Jetzt gibt es aber auch viel Kritik. Nehmen wir zum Beispiel mal das, was hier in Deutschland Hygiene-Demonstrationen genannt wird, wo eben viele Menschen zusammenkommen, die sagen: Wir fühlen uns von den klassischen Medien, die Sie gerade als systemrelevant beschrieben haben, nicht mehr richtig verstanden. Da ist doch ganz viel ausgeblendet worden, zum Beispiel die von Ihnen angemahnte Kritik an der Politik, an politischen Maßnahmen. Die sei doch so gut wie gar nicht vorgekommen, die habe gar nicht stattgefunden. Ist da was dran?

Prof. Dr. Vinzenz Wyss: Ich denke, wir müssen auf jeden Fall diese Stimmen ernst nehmen. Wenn man das Vielfaltsgebot ernst nimmt im Journalismus, dann gilt es auch hier hinzuhören, welche Sorgen und Ängste die Menschen auf die Straße treiben. Natürlich kann man sehr schnell die Analyse machen: Ja, das sind Menschen, die sind unzufrieden. Die sind von der Verunsicherung derart gepackt, dass sie einfache Lösungen suchen oder einfache Erklärungen und deshalb in die Fänge der so genannten Verschwörungstheoretiker geraten. Da macht man es sich einfach. Ich denke, man müsste genau hinschauen: Was sind das für Sorgen und Ängste? Ich meine, da gibt es ja auch Menschen, die sind nicht einfach auf den Kopf gefallen.

Also ich denke schon, dass es wichtig ist, diese Stimmen zu hören. Und ich glaube, es lässt sich auch erklären, weshalb diese Stimmen gerade jetzt auf die Straßen gehen. Selbstverständlich wissen wir alle: Das ist ein Nischendasein. Das sind ganz kleine Minderheiten, die da demonstrieren. Aber trotzdem, der Journalismus ist ja nicht dafür da, einfach quasi Wirklichkeit abzubilden. Sondern wo es irritierende Stimmen gibt, genau hinzuhören und auch diese in den öffentlichen Diskurs zu tragen.

Steffen Grimberg: Sie haben es schon erwähnt. Gerade am Anfang hatten wir ja das Gefühl, der Journalismus ist im Prinzip zu einer Art, ja "Virus-Mitbekämpfer" geworden. Es wurden die Maßnahmen verkündet. Es wurde informiert im Sinne von Krisenkommunikation, um Schlimmeres zu verhindern. Die schrecklichen Bilder aus Italien oder Spanien waren jeden Tag in den Nachrichten zu sehen, und es war alles ja gewissermaßen von diesem Gefühl getrieben: So weit soll es bei uns, wenn es irgend möglich ist, nicht kommen. Aus Ihrer Sicht: War das von den Medien eine richtige Reaktion, oder hätten sie auch schon da kritischer und vielfältiger sein müssen?

Prof. Dr. Vinzenz Wyss: Unsere Beobachtungen zeigen - die sind eher qualitativer Art - das gerade in den Anfängen, in den ersten Märzwochen, zum Teil hat sich das bis in den April hinein fortgesetzt, die Medien sehr stark einfach an den Zahlen hingen. Also [vor allem] die Zahlen verlautbart haben. Das kann zum Teil auch zu Panik führen. Weil wir so etwas wie einen "Horserace-Journalism" beobachtet haben: Welche Länder führen da an, wo sind die Erkrankungen oder Infektionen am meisten fortgeschritten? Und dann hat sich aber auch gezeigt, dass diese Zahlen gar nicht so zuverlässig sind: Was wird da eigentlich gemessen, da wird ganz unterschiedlich gemessen. Ich denke dieser Einklang auch mit der Regierung hat zu einem dominanten Narrativ geführt, das da lautet: "Da kommt ein unheimliches Virus in unser Land hinein. Die Virologen sollen uns jetzt sagen, wie wir uns zu verhalten haben. Und hoffentlich beraten sie die Politik gut. Und die Politik hat sich entschieden, hier hart durchzugreifen. Mit zum Teil sehr, sehr groben Maßnahmen." Dieses dominante Narrativ hat vorgeherrscht. Und es war eigentlich nicht sichtbar, dass es in diesen ersten Phasen auch alternative Stimmen gab, skeptische Stimmen.

Ich denke, wir dürfen hier den Medien nicht einfach einen Vorwurf machen, quasi aus dem Elfenbeinturm heraus. Tatsächlich lässt sich das auch erklären. In den meisten Krisen handeln Medien so, dass sie zu Beginn einfach aus offiziellen Stellen die Informationen haben müssen. Alle sind verunsichert. Alle wissen nichts, auch die Journalisten. Und da gibt es den Reflex, einfach mal zu verlautbaren: Wie wird das eingeschätzt in der Politik.

Meines Erachtens hat diese Verlautbarung zu lange gedauert. Trotzdem kam dann eine Zeit, in der man mehr kritische Distanz von den Medien erwartet hat, dass sie auch unangenehme Fragen stellen. Das Ganze zu hinterfragen, ob die Maßnahmen richtig sind. Das hat meines Erachtens schon eingesetzt, aber einfach zu spät.

So lässt sich diese Dynamik erklären. Selbstverständlich habe ich Verständnis dafür, dass Regierungen so gehandelt haben. Aber Journalismus sollte meines Erachtens trotzdem ein bisschen kritischer sein, früher hinterfragen, dass es gerade nicht zu dieser Skepsis kommt. [Er muss] das Ohr offen haben auch für Stimmen, die vielleicht schon in den Fängen von Verschwörungstheoretikern sind, die aber sicher auch berechtigte Anliegen, Sorgen und Ängste haben.

Vielleicht darf ich noch einen Satz dazu sagen. Ich habe mir auch angeschaut, wie dann die Medien über diese Demonstrierenden berichtet haben. Sie haben [die Demonstrationen] thematisiert, also das wollen wir hier gar nicht in Abrede stellen. Aber es geht ja um das wie. Wie wurde hier thematisiert? Und da habe ich den Eindruck: schon stark diffamierend. Man hat sich zum Teil ein bisschen lächerlich gemacht über diese seltsamen Aussagen. In der Schweiz beispielsweise konnten Menschen auf der Straße sagen: "Wir leben in einer DDR-Demokratie" und so weiter. Die Leute hat man auch noch pauschal "Cov-Idioten" genannt, obwohl wir es mit ganz unterschiedlichen Gruppierungen zu tun haben, die jetzt aus ganz unterschiedlichen Motiven versuchen, Widerstand zu leisten.

Steffen Grimberg: Würden Sie denn sagen: Jetzt sind die Medien aufgewacht und machen ihren Job richtig? Nachdem wir ja gerade gesagt haben, es hat am Anfang nicht so richtig funktioniert. Ist jetzt das Bewusstsein da? Hat der Journalismus eine gewisse Anlaufphase gebraucht?

Prof. Dr. Vinzenz Wyss: Ich denke, der Journalismus war von Anfang an mit einem Dilemma konfrontiert: Soll man jetzt tatsächlich im Einklang mit der Regierung einfach verkünden: "Bleibt zu Hause, das sind die richtigen Maßnahmen!" Sich auch verbünden mit der Regierung? Es gab Tageszeitungen, die haben auf der Frontseite die Kampagnen abgebildet. Soll man das machen oder Verantwortung übernehmen? Ja nicht Panik schüren und keine irritierende Stimmen zulassen, weil die ja dann zu Verunsicherung noch beitragen könnten. Und auf der anderen Seite hätten wir die sogenannte Pflichtethik, genau zu recherchieren, auch unangenehme Fragen zu stellen, das Ganze zu hinterfragen. [Dieses Dilemma] war von Anfang an so. Aber mit der Zeit wurde man ja tatsächlich kritischer. Ich glaube, diejenigen Menschen, die jetzt auf die Straßen gehen, die hatten sehr stark in den Anfängen den Eindruck gewonnen, dass es sich hier um eine Elite handelt. Die Medien wurden als "Mainstream-Medien" bezeichnet, die alternative Stimmen nicht zulassen.

Es ist spätestens jetzt der richtige Zeitpunkt, auch diesen Stimmen Gehör zu verschaffen und genau hinzuhören. Das heißt ja nicht, dass man jedem Verschwörungstheoretiker das Mikrofon hinhalten soll. Man kann das viel geschickter machen, indem man auch die Themen im Sinne der Sorgen und Ängste aufgreift: Was steckt dahinter? Was sind das für Ängste? Wie sind sie zustande gekommen? Das ist jetzt sicher ein Zeitpunkt, um das viel stärker zu tun, damit diese Menschen sich nicht weiter ungehört fühlen und in die Fänge der Verschwörungstheoretiker geraten.

Steffen Grimberg: Welche Konsequenzen sollte man denn jetzt als Journalist - oder sollten die Medien übergeordnet gesprochen - aus der Krise, aus der Berichterstattung, auch aus den Defiziten ziehen?

Prof. Dr. Vinzenz Wyss: Ja, ich hätte da drei Empfehlungen. Zum einen hatten wir alle den Eindruck: Ja die Medien wurden total überrascht - [das] ist ja auch so. Natürlich, wir alle waren wahnsinnig überrascht. Aber eigentlich weiß man ja: Solche Krisen kommen immer wieder. Sie werden wiederkommen. Und ich habe den Eindruck, dass in den Medien solche Katastrophenszenarien oder ein Risikomanagement: Was machen wir, was sind die Gefahren - zum Beispiel, dass man zu stark verlautbart: Wie gehen wir damit um? [Wir brauchen] Pläne, wie man mit der nächsten überraschenden Krise umgeht. Solche Pläne könnte man jetzt machen, auch in den Redaktionen. Was sind Szenarien, wie können wir verhindern, dass wir gewisse Stimmen nicht zulassen. Das wäre eine erste Empfehlung

Dann eine zweite Empfehlung - haben wir schon angesprochen - den Verdacht, dass man eben zum Mainstream gehört oder das man zu stark im Einklang mit den Regierenden, die man ja kontrollieren sollte, zu denen man ja Distanz halten sollten im Journalismus, wie man damit umgeht. Das wäre etwas was man von Anfang an stärker reflektieren sollte. Und eben auch hinhören. Also zum Beispiel über Menschen, die jetzt auf die Straße gehen, nicht einfach zu sagen: Die kannst du vergessen, die sind für rationale Argumente gar nicht mehr erreichbar. Das mag ja stimmen für gewisse Gruppierungen. Aber wir haben bei diesen Menschen ganz verschiedene Gruppen: Wir haben Impfgegner, wir haben Evangelisten. Wir haben Leute, die technologieskeptisch sind - [der neue Mobilfunkstandard] 5G als Stichwort. Wir haben Radikale. Das ist ein unheimliches Gemisch, das jetzt mit dem Beschneiden der Grundrechte einen gemeinsamen Nenner gefunden hat. Und da vielleicht doch ein bisschen genauer zu differenzieren, bei einigen vielleicht doch mehr hinzuhören als man das bis jetzt gemacht hat, das wäre eine weitere Empfehlung

Und eine dritte, wenn ich die noch eingeben darf: Ich habe den Eindruck, dass die Medien sich selber zu lange nicht erklärt haben: Wie gehen sie selber jetzt mit dieser Krise um? Was sind die Grenzen, die sie überschreiten müssen. Wo sind eben gerade diese Dilemmata, die ich auch erwähnt habe. Wo sind die Paradoxien, mit denen die Medien konfrontiert sind, den Spagat, den sie machen müssen. Auch [sollten die Medien] erklären: Warum tun wir etwas und warum lassen etwas anderes? Warum geben wir beispielsweise bestimmten Personen nicht das Gewicht, das vielleicht einige Menschen erwarten würden? Warum kommen gewisse Verschwörungstheoretiker bei uns nicht gleichermaßen vor, wie der Gesundheitsminister? Das kann man alles erklären. Und ich denke diese Meta-Kommunikation, so nenne ich das gerne, die hat sehr stark gefehlt. Eigentlich bis heute, muss ich sagen. Das in den Programmen mitläuft, wie man selbst recherchiert hat - und weshalb man gewisse Dinge nicht getan hat. Also nicht nur berichten, was geschehen ist, sondern auch darüber berichten, warum man wie berichtet hat.

Steffen Grimberg: Ein bisschen ist es aber doch passiert - ich weiß nicht, wie Sie das einschätzen: Es hat ja relativ viel Berichterstattung darüber gegeben, wie Journalistinnen und Journalisten jetzt mit den veränderten Arbeitsbedingungen umgehen, dass ganze Redaktionen aus dem Homeoffice arbeiten. Aber das meinen Sie nicht, wenn ich es richtig verstehe?

Prof. Dr. Vinzenz Wyss: Das ist richtig. Das sind ja wieder einzelne selbstreflektierende Geschichten. Aber sie kommen losgelöst vom anderen Programm. Einfach als ein weiteres Thema: Wie ist es, wenn Journalisten vielleicht selber betroffen sind, im Homeoffice arbeiten müssen, Angst haben um ihren Arbeitsplatz. Vielleicht auch zum ersten Mal [von einem solchen] Thema selbst betroffen sind. Das ist anders, als wenn ich zum Beispiel über eine Firma berichte, die in Konkurs geht. Das ist schon gut, das ist auch wichtig. Aber ich meine gerade bei der Berichterstattung. Beispielsweise, wenn ich zeige, wie die Situation vor Ort in den Spitälern ist, auch mitliefern: Warum geht man jetzt in diese Spitäler, mit welchen Leuten hat man warum gesprochen und warum mit gewissen Leuten nicht? Oder warum hat man gewisse Themen nicht mehr weiterverfolgt. Das könnte man nicht nur losgelöst von der Berichterstattung machen, sondern auch in der Berichterstattung selbst. Dieser meta-kommunikative Journalismus ist nicht so stark verbreitet, auch nicht bei anderen Themen. Das muss man lernen. Und ich glaube, da gibts noch Luft nach oben, wie man so schön sagt.

Steffen Grimberg: Herr Professor Wyss, vielen Dank für das Interview.

Zur Person Prof. Dr. Vinzenz Wyss

Vinzenz Wyss ist Kommunikationswissenschaftler und Professor für Journalistik an der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Winterthur (ZHAW). Der Schweizer Medien- und Kommunikationswissenschaftler arbeitet im Schwerpunkt Journalismustheorie, journalistische Qualität und Qualitätsmanagement, Medienethik und Medienkritik.