MEDIEN360G im Gespräch mit... Prof. Dr. Bernhard Vogel

Als ehemaliger Ministerpräsident in gleich zwei Bundesländern, Thüringen und Rheinland-Pfalz, ist Bernhard Vogel ein Nachrufkandidat schon allein von Amts wegen. Wie viel Kritik verträgt ein journalistischer Nachruf? Sollte es dazu Kontakt zwischen Autor und Porträtierten geben? Wie offen sollten Redaktionen mit dem Thema umgehen? MEDIEN360G hat der 86-jährige CDU-Politiker erzählt, was er über vorbereitete Nachrufe - auch seine eigenen - denkt.

Porträt von Bernhard Vogel 3 min
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Als ehemaliger Ministerpräsident in gleich zwei Bundesländern ist Bernhard Vogel ein Nachrufkandidat schon allein von Amts wegen. Mit MEDIEN360G sprach er über das journalistische Format.

Do 11.04.2019 14:30Uhr 03:24 min

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MEDIEN360G: Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, dass bereits vorab Nachrufe über Sie existieren?
Bernhard Vogel:
Dass Material gesammelt wird, dass man sich darauf vorbereitet, Nachrufe zu machen - das akzeptiere ich und halte ich für richtig. Aber ein bisschen mehr Nachdenklichkeit der Autoren in dem Augenblick, wo die Todesnachricht eintrifft und wo der Tote gewürdigt werden muss und gewürdigt werden sollte, würde ich mir schon wünschen. Das stört mich ein bisschen, weil daraus deutlich wird, der hat das schon vor einem halben Jahr oder vor fünf Jahren geschrieben. Ich fände es also besser, wenn man ein paar Tage vergehen ließe, bis es zu einem wirklich aus der Situation des Augenblicks des Todesdatums heraus geschriebenen Nachruf käme.

MEDIEN360G: Sollte der Autor oder die Autorin den Porträtierten kennen?
Bernhard Vogel:
Nein, natürlich nicht, es gibt ja Gott sei Dank auch Porträts von Kaiser Wilhelm und von Cäsar. Natürlich muss er den nicht kennen. Man merkt dem Porträt oder dem Nachruf oft an, ob er den Betreffenden selber gekannt hat, wenn es sich um jemanden aus seiner Lebenszeit handelt. Das gibt natürlich jedem Nachruf und jedem Porträt eine besondere Farbe, aber es nicht verboten ein Porträt von jemandem zu machen, den man nicht gekannt hat. Dazu bin ich zu abgebrüht, als dass ich aus Pietät nicht daran dächte, dass Leute vorbereiten, dass andere sterben. Das ist leider so. Das ist leider so.

MEDIEN360G: Würden Sie die Person, die Ihren Nachruf schreibt, treffen wollen?
Bernhard Vogel:
Unter Umständen vielleicht, wenn mich Widerspruch reizt oder Zustimmung besonders gegeben ist, dann würde es mir Spaß machen, dem auch mal zu begegnen. Im Extremfall, wenn ein besonders großer Irrtum meiner Ansicht nach ihm unterlaufen ist, könnte ich mir vorstellen, dass ich ihn anriefe, aber in den allerseltensten Fällen.

MEDIEN360G: Sollte auch Kritik in Nachrufen eine Rolle spielen?
Bernhard Vogel:
Das ist eine uralte lateinische Lehrformel De Mortuis nihil nisi bene - über Tote nichts, sondern nur Gutes. Eine würdige und schöne Formulierung, der ich aber nicht unter allen Umständen und in jedem Fall zu folgen geneigt bin. Sondern eine wirklich fundierte Würdigung, die nicht nur aus der Aneinanderreihung von ein paar Daten geschieht, sondern wirklich der Person gerecht zu werden versucht, die sollte nicht nur das Gute und Vorbildliche, sondern sollte möglichst die ganze menschliche Gestalt schildern. Da gibt es auch bei den größten Vorbildern den ein oder anderen Schatten. Den sollte man nicht leugnen. Zu viel Weihrauch schwärzt den Heiligen.“