Der Nachruf aus redaktioneller Sicht Wer bekommt einen öffentlichen Nachruf?

Wir werden sterben. Das ist unausweichlich. Tatsache ist auch, dass bei prominenten Verstorbenen das letzte Wort oft Nachrufautoren haben. Wenn eine Person des öffentlichen Lebens stirbt, gehört es für viele Redaktionen zur Pflicht, das Lebenswerk des Verstorbenen zu würdigen. Sie besitzen deshalb Nachruflisten und greifen auf vorbereitete Nachrufe in gut gepflegten Archiven zurück. Wer sind die Entscheider hinter journalistischen Nachrufen?

Person steht im Lichtkegel einer geöffneten Tür. Porträtumrisse verschiedener Typen sind mit Fragezeichen oder Kreuzen versehen.
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Angela Merkel, Harald Schmidt, Karel Gott und Steffi Graf haben eine Gemeinsamkeit: Sie stehen mit hoher Wahrscheinlichkeit auf einer ARD-geführten Liste für NachrufkandidatInnen. Sie sind nicht die einzigen.

Wer kommt auf eine Nachrufliste?

Porträt von Kai Gniffke 3 min
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3 min

In seiner Journalisten-Laufbahn sind Kai Gniffke, Chefredakteur der ARD-Nachrichten, unzählige Nachrufe untergekommen. Trotzdem sei Tod und Sterben kein Thema, mit dem Redaktionen "ständig hausieren" gehen.

Do 11.04.2019 14:31Uhr 02:30 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-kai-gniffke-104.html

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Die Nachrufliste der ARD-Nachrichten setzt auf Aktualität. Ein bis zweimal im Jahr beraten Vertreter aller öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, zu welcher Person aus Politik, Sport, Kultur und Gesellschaft noch zu Lebzeiten ein Nachruf entstehen muss, damit im Falle ihres Todes schnell reagiert werden kann. Für kürzere Filmbeiträge (bis zu 15 Minuten Länge) kommen so pro Jahr schätzungsweise bis zu 700 vorbereitete Nachrufe zusammen. Für längere Beiträge beraten sich hingegen die RedakteurInnen der Nachrichtensendung tagesthemen oder nachtmagazin im kleineren Kreis. Nur für wenige Prominente wie der Bundeskanzlerin oder dem Bundespräsidenten würde das laufende Rundfunkprogramm bei einer Eilmeldung zum Tod oder einem Nachruf direkt unterbrochen werden.

Grund für die hohe Zahl sieht ARD-Nachrichtenchefredakteur Kai Gniffke in "der förmlichen Explosion von Medien" der letzten 50 Jahre, die mehr Prominente erschüfen. Private und öffentlich-rechtliche Fernseh- und Radiosender, soziale Netzwerke und Portale wie Youtube trügen dazu bei, dass immer mehr Menschen einer breiten Öffentlichkeit bekannt werden. Auch historische Ereignisse ließen die Zahl jetzt – etliche Jahre später – steigen. "Beispiel Sport: 1963 wurde die Fußballbundesliga gegründet und jetzt kommen die Fußballurgesteine, die erste Generation der Bundesligaspieler in ein Alter, indem sich das Leben dem Ende nähert. Und plötzlich haben wir immer mehr Nachrufe über berühmte Fußballspieler in unseren Sendungen", erklärt er.

Alter oder Gesundheitszustand sind jedoch nur zwei von vielen Faktoren, warum Redaktionen einen Nachruf vorab in Auftrag geben. "Wenn wir Informationen erhalten, dass es jemandem sehr schlecht geht, schauen wir schon einmal vorsorglich: Haben wir einen Nachruf und ist der noch à jour? Die Liste hängt nicht davon ab, wie alt oder wie gebrechlich jemand ist, sondern ob diese Person jetzt einen Nachruf verdient hätte", sagt Kai Gniffke.

Der Grad der Prominenz könne sich auch im Laufe der Zeit verändern, deshalb lasse sich aus Nachruflisten keine bindende Faustregel ableiten, ab wann PolitikerInnen, SportlerInnen, Kulturschaffende und andere Personen des öffentlichen Lebens einen vorbereiteten Nachruf erhalten. Wenn das Nachrufarchiv der ARD-Nachrichten jährlich aktualisiert wird, zählt also vor allem der Status quo.

Unser Gesprächspartner: Dr. Kai Gniffke

Kai Gniffke ist seit 2006 Chefredakteur für ARD-aktuell. Die ARD-aktuell-Redaktion ist für die Nachrichten im Ersten, tagesschau, tagesthemen, nachtmagazin und wochenspiegel, zuständig.

Wie kritisch darf ein Nachruf werden?

Porträt von Dr. Torsten Unger 3 min
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3 min

Als Kulturredakteur gehören Nachrufe zum journalistischen Alltag. Torsten Unger erzählt MEDIEN360G, wonach er Nachrufautoren auswählt und wie er zu Kritik in Nachrufen steht.

Do 11.04.2019 14:32Uhr 02:31 min

https://www.mdr.de/medien360g/medienwissen/interview-torsten-unger-102.html

Rechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

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Auf dem Rechner von Torsten Unger, Kulturredakteur von Radio MDR Thüringen, liegt eine Liste bekannter noch lebender Persönlichkeiten. Die Personen in diesem Dokument kommen aus Thüringen oder sind mit dem Bundesland eng verbunden. Torsten Unger schreibt und gibt selbst Nachrufe in Auftrag – wenn möglich an JournalistInnen, die die Person kennen. "Jemanden in seinem Umfeld erlebt zu haben, ist durch Nichts zu ersetzen", sagt er.

Wenn das nicht möglich ist, zählen bei den AutorInnen vor allen Dingen Fachwissen und Fairness. Kritik in Nachrufen sieht er jedoch zwiegespalten. "Normalerweise werden in Nachrufen keine kritischen Töne angeschlagen. Es sei denn der Verstorbene ist von Beruf Spitzbube gewesen oder Massenmörder - dann kann man das nicht weglassen. Ansonsten hält man sich daran, einen Verstorbenen zu würdigen und nicht, ihn zu kritisieren", meint er. Wenn Fehltritte oder Skandale eng mit dem öffentlichen Wirken oder der beruflichen Tätigkeit des Verstorbenen verbunden waren, könne auf Kritik jedoch nicht verzichtet werden.

Unser Gesprächspartner: Dr. Torsten Unger

Torsten Unger ist Redakteur für die Kultursendung Marlene beim Radio MDR Thüringen und moderiert seit 20 Jahren die MDR Thüringen Kulturnacht. "Gut geführte Redaktionen haben ein Nachrufarchiv, um nicht zu häufig überrascht zu werden", sagt er.

Exkurs: Der Nachruf bei der New York Times - "Hi, ich bin gerade gestorben" Bei der New York Times füllen Nachrufe ganze Seiten. Im Jahr 2007 startete die Redaktion einen neuen Ansatz. Auf ihrer Online-Plattform veröffentlichen sie filmische Nachrufe, in denen die porträtierte Person direkt in die Kamera über ihr Lebenswerk spricht. So wie bei dem US-amerikanischen Publizisten und Satiriker Arthur Buchwald, der für die New York Times-Reihe „Letzte Worte“ selbstironisch in die Kamera sagte, dass er gerade gestorben sei. Diese präventiv angefertigten Interviews werden bis zum Tod der Person unter Verschluss gehalten. Aktuell sind gerade zwölf solcher Interviews entstanden.