Auslagern, laufen lassen oder einschränken Alles eine Frage der Netiquette

Die Erkenntnis, dass Kommentare im Netz Segen und Fluch zugleich sind, fordert Medien wie Nutzerinnen und Nutzer immer wieder heraus. Lange gab es nur wenige konkret aufs Netz bezogene gesetzliche Grundlagen.

Stilisierter Mann hält Kehrschaufel mit Kommentarblase in der Hand und hebt einen Vorhang an. Hinter ihm ist ein großer Besen und einen Haufen mit Kommentarblasen zu sehen.
Bildrechte: MDR MEDIEN360G

Auch wenn sich das seit diesem Jahr mit dem Gesetz gegen Hasskriminalität geändert hat, bleiben die Herausforderungen für die Redaktionen enorm. Und jedes Medium geht anders damit um.

Die Privatsendergruppe RTL lässt auf ihren Websites direkt beispielsweise gar keine Kommentare zu. Kommentiert werden kann bei "GZSZ" oder "Deutschland sucht den Superstar" nur auf den Fanpages der Sendungen in den sozialen Netzwerken. Bei der Tagesschau ist dagegen beides möglich. Hier werden die direkten Kommentare auf tagesschau.de aber anders behandelt als Debatten über den ARD-Nachrichtenkosmos und seine Programme und Inhalte in den sozialen Netzwerken.

Die Netiquette steht im Mittelpunkt

Dreh und Angelpunkt ist dabei immer die Netiquette, also das Benimm-Buch für das Miteinander-Kommunizieren im Internet. Auch bei diesen Spielregeln gibt es Unterschiede. Bei RTL ist die aktuelle Netiquette schon seit 2017 in Kraft. Darin heißt es: "Behandle dein Gegenüber immer so, wie du selbst gerne behandelt werden möchtest. Grundsätzlich gilt deshalb: Erst lesen, dann denken, dann schreiben. Vergiss nicht, dass hinter jedem Nicknamen ein echter Mensch steckt, und denke immer darüber nach, wie du dich diesem gegenüber außerhalb des Internets verhalten würdest." Nutzerinnen und Nutzer müssen sich außerdem bei den RTL-Communities bzw. Fanpages anmelden.

"Das ist meist schon ein guter Leitfaden, um den passenden Umgang zu finden", sagt Claus Grewenig, der bei RTL für Medienpolitik zuständig ist. Rechtsradikale oder rassistische Parolen, Gästebucheintragungen und Bilder mit rechtsradikalem oder rassistischem Hintergrund sind ausdrücklich untersagt und können zu einer sofortigen Sperrung führen. Das Gleiche gilt für Nachrichten mit pornographischem, diskriminierendem, gewaltverherrlichendem, oder generell widerrechtlichen Inhalten. Diese Spielregeln gelten bei allen Medien.

Was ist eine Netiquette? In der "Netiquette" kommen das Netz (engl. net) und die Etiquette, also das gute Benehmen, zusammen. Seit über zehn Jahren formulieren so Medien und andere Organisationen die Spielregeln für die Kommunikation auf ihren Seiten und in ihren Ac-counts. Als Grundprinzip gilt: "Kommentiere so, wie auch über dich im Netz geschrieben werden sollte." Die Netiquette ist zwar kein Gesetz, aber auch nicht völlig unverbindlich. Bei schweren oder zu häufigen Verstößen drohen die Löschung des Kommentars, (zeitweilige) Sperrung des Accounts und bei Hassreden und Rassismus auch Anzeigen bei der Polizei.

Die Süddeutsche erwartet konkrete Beiträge zur Diskussion

Bei der Süddeutschen Zeitung (SZ) ist die Netiquette schon ab 2010 gemeinsam mit den Nutzerinnen und Nutzern von sueddeutsche.de entwickelt worden. "Sie ist sehr vom common sense geprägt", sagt SZ-Social Media-Chef Daniel Wüllner. So soll ein gemeinsames Verständnis geschaffen werden, was in den Diskussionen geht und was nicht. "Wir erwarten da schon ein bisschen mehr", sagt Wüllner. Plumpe Einzeilen-Kommentare wie "Merkel ist doof" sind daher out, es geht um "konkrete Beiträge zur Diskussion".

Doch wer ist überhaupt für Kommentare zuständig? Wer checkt sie und reagiert, wenn nötig? Dass ist bei den Sendern und Zeitungen, bei denen MDR MEDIEN360G exemplarisch nachgefragt hat, höchst unterschiedlich.

tagesschau.de: Unterschiede zwischen Website und Social Media

In der tagesschau.de-Redaktion gibt es für alle Kommentare, die direkt auf der Homepage laufen, eine Vorkontrolle. Jeder Post wird angeschaut und über eine Veröffentlichung entschieden. Anders sieht es bei den Social-Media-Auftritten der Tagesschau aus, wo die überwiegende Mehrheit der Kommentarschlachten tobt. Hier sind die zuständigen Redakteurinnen und Redakteure angehalten, die Postings und Kommentare zu ihren Berichten eine zeitlang im Blick zu haben und notfalls einzuschreiten, sagt André Steins, der zusammen mit seinem Kollegen Patrick Weinhold die Social-Media-Redaktion der Tagesschau leitet. "Das ist schon mal ein gutes Feedback, selbst wenn es um etwas ganz Banales wie Rechtschreibfehler in den redaktionellen Beiträgen geht", so Steins. Dabei werden die Macherinnen und Macher von der Community-Redaktion unterstützt, die auch regelmäßig auf die Tagesschau-Netiquette hinweist.

Bei RTL posteten die nach eigenen Angaben insgesamt 38,7 Millionen Fans und Follower 2020 zusammen rund 18 Millionen Kommentare auf den Facebook-Seiten und Instagram-Accounts der verschiedenen RTL-Angebote. Eine solche Zahl von Kommentaren lasse sich nicht mehr manuell steuern, sagt Claus Grewenig: "Das übernimmt für uns ein externer Dienstleister, der mit Hilfe von künstlicher Intelligenz hier draufschaut und das so genannte Monitoring macht. Als Ergänzung kommen dann noch händische Stichproben dazu".

Reduzierung der Kommentar-Menge

Einen ganz anderen Weg ist die Süddeutsche Zeitung gegangen. Sie hat aus den Erfahrungen mit Online-Kommentaren ihre Konsequenzen gezogen. 2015 wurde das gesamte System umgestellt. Früher konnten einzelne Beiträge kommentiert werden, was sich bei mehreren Artikeln zum gleichen Thema schwierig gestaltete, berichtet Wüllner. "Da gab es dann Diskussion zum selben Thema an unterschiedlichen Orten, was die Moderation sehr aufwändig machte." Konkreter Anlass für die Umstellung war die Ukraine-Krise, die auch bei der SZ zu verhärteten Userkommentar-Fronten führte. Heute kann auf sz.de nicht mehr jeder Beitrag kommentiert werden, dafür gibt es verschiedene Thementhreads, die die Diskussion bündeln sollen. Gab es vorher rund 2000 Kommentare am Tag, die für die Redaktion oft nicht mehr handlebar waren, "liegen wir jetzt je nach Thema bei zehn oder zwanzig Prozent davon. Der Inhalt und vor allem die Qualität der Beiträge ist aber wesentlich höher und die Diskussion insgesamt viel sachlicher." Die Moderation der Kommentare ist bei der SZ eine In-House-Aufgabe. Hier externe Dienstleister ranzulassen, hält Wüllner für keine gute Idee. "Natürlich ist es nicht möglich, allen einzeln zu antworten, auch wenn es wünschenswert wäre".

Während bei der Süddeutschen die Kommentare oft eine Diskussion zwischen den Journalistinnen und Journalisten und den Nutzerinnen und Nutzern auslösen, sehen André Steins und seine Kolleginnen und Kollegen bei der Tagesschau ihre Aufgabe nicht darin, selbst in der Debatte mitzumischen. Sie wollen vielmehr die Diskussionen der anderen ermöglichen."Das ist manchmal eine ganz schöne Herausforderung", sagt Steins: Vor allem, seitdem sich in der Pandemie der Ton der Auseinandersetzung vor allem bei allen Themen rund um Corona nochmal verschärft habe. "Im April hatten wir einen Rekordwert an Facebook-Kommentaren". Viele Entgleisungen dabei passierten sicherlich aus der Emotionalität heraus. "Aber es ist generell nicht gut für eine Debatte, wenn Userinnen und User da mit maximalem Erregungspotential unterwegs sind".

 Als Strafen drohen Sperrung oder sogar Anzeigen

Was also tun gegen User, die übergriffig werden, andere beleidigen oder mit Hass-Posts angreifen? In seinem "Sanktions-Werkzeugkoffer" hat das Social-Media-Team der Tagesschau die Möglichkeit, bestimmte Kommentare zu löschen und/oder die Kommentarfunktion für einzelne User-Accounts zu schließen. "Hier gibt es ein abgestuftes Verfahren, von einer kurzen Sperrung für 24 Stunden bis zum Ausschluss für 30 Tage oder länger".

Bei besonders schwerwiegenden Fällen wird härter durchgegriffen. RTL macht beispielsweise bei der NRW-Initiative "Verfolgen statt nur Löschen" mit, die problematische Inhalte an die Staatsanwaltschaften weiterleitet. Ähnliche Programme gibt es in fast allen Bundesländern. "Bislang haben wir rund 900 Postings angezeigt, in rund der Hälfte dieser Fälle wurden dann auch Ermittlungen aufgenommen", sagt Grewenig. Bei 20 Fällen hätten Gerichte schon Urteile gefällt, jüngst erst wieder zu einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten. "Wir berichten auch medial über diese Verfahren, um klar zu machen: Was jemand im Netz tut, bleibt nicht folgenlos", so Grewenig. Trotzdem sei das mit dem Bewusst-Machen oft "ein langer Weg". Neue Einrichtungen wie die Zentralen Ansprechstellen für Cybercrime (ZAC) bei den Länderpolizeibehörden und beim Bundeskriminalamt sorgen jetzt für klarere Zuständigkeiten und mehr Know-how in den Behörden. "Es geht uns aber nicht darum, eine Riesenzahl von Verfahren zu produzieren, sondern den Menschen bewusst zu machen: Was du tust, kann Konsequenzen haben", bekräftigt Grewenig.

Dabei verlagern sich die Problemzonen immer mal wieder oder es kommen neue hinzu. Eine dieser neuen Herausforderungen sind laut André Steins die Kommentare bei Livestreams. "Das gab es früher so ja nicht. Jetzt versuchen Menschen teilweise, unsere Livestreams durchs 'Zuspammen' mit entsprechenden Kommentaren zu stören." Problematisch sei auch, dass bislang jeder Beitrag im Netz und so dauerhaft kommentierbar bleibt. "Das macht die tägliche Arbeit unglaublich schwierig und ist nicht sinnvoll", sagt Steins. Denn nach übereinstimmender Erfahrung aller befragten Social-Media-Verantwortlichen seien die ersten 24 Stunden entscheidend, weil in dieser Zeit der Großteil aller Kommentare gepostet werde: "Danach sind eigentlich meist alle Argumente ausgetauscht", sagt Steins. Als eine Konsequenz können bei Youtube daher nur noch ganze Sendungen, aber nicht mehr Einzelbeiträge der Tagesschau oder Tagesthemen kommentiert werden.

Katz und Maus-Spiel zwischen Usern und Redaktionen

Problematisch ist hierbei oft nur eine kleine Minderheit von Kommentierenden, die aber das ganze Kommentarwesen in Schieflage bringt und schon mal dafür sorgt, dass manche Medien entnervt ihre Kommentierfunktionen vorübergehend schließen oder zu bestimmten Beiträgen und Themen erst gar keine Kommentare erlauben. Doch diese problematischen Nutzerinnen und Nutzer spielen mit den Redaktionen ein Katz- und Mausspiel. Denn sie beherrschen die Gratwanderung zwischen klar Verbotenem und gerade noch Erlaubten immer besser. "Da verschiebt sich viel", sagt Steins: "Früher haben wir uns noch über haltlose Vorwürfe aufgeregt. Heute gehen wir darauf nicht mehr ein". Die Hoffnung, dass sich die User selbst disziplinieren und die am echten Austausch Interessierten die Krakeeler in Schach halten, geht nach Steins Erfahrung leider nicht auf: "Die gemäßigten Userinnen und User haben verständlicherweise wenig Lust, sich in die erregten Debatte der anderen einzumischen." Es bestehe die Gefahr, dass sich im Netz nur noch laute Minderheiten gegenüberstehen und damit ein falsches Bild vom Diskurs gezeichnet werde.

Die Social-Media-Plattformen wie Facebook verstärken diese Fehlentwicklung noch, sagt Daniel Wüllner. "Es sollten ja die besten, auch wirklich ernst zu nehmenden Kommentare nach oben rutschen. Doch der Algorithmus belohnt de facto die, die am lautesten schreien und sich Gefechte mit dem Moderator liefern. Denn der Algorithmus sieht nur: Da ist viel los, scheint daher wichtig zu sein und bringt Klicks, also ab nach oben damit." Richtig genutzt sind Online-Kommentare laut Wüllner dagegen eine gute Methode, Leserinnen und Leser an die Zeitung bzw. die Marke Süddeutsche zu binden. "Das sind ja Menschen, die sich für uns Zeit nehmen und engagieren."

Washington Post: eigener Newsletter für Online-Kommentare

Die Zeitung Washington Post aus den USA hat dieses Prinzip noch weiter entwickelt. Sie bietet seit 2017 jeden Freitag ihren Leserinnen und Leser einen sehr speziellen Newsletter an - der die besten Leserinnen- und Leserkommentare der Woche bündelt.

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