Tag der Pressefreiheit Von der Schwierigkeit, das Richtige zu tun

Der Tag der Pressefreiheit steht dieses Jahr ganz im Zeichen des Kriegs in der Ukraine. Unter den Millionen, die in den vergangenen drei Monaten geflüchtet sind, finden sich auch viele Journalistinnen und Journalisten. Für sie, aber auch für Medienschaffende aus Russland und Belarus, gibt es mittlerweile zahlreiche Hilfsangebote. Daneben haben viele deutsche Medien - auch der MDR - zielgerichtete Nachrichten- und Service-Angebote für Geflüchtete aus der Ukraine gestartet.

Eine stilisierte Hand hält ein Reportermikrofon. Eine weitere stilisierte Hand greift danach. Der Hintergrund ist in den Farben der Ukraineflagge gestaltet.
Bildrechte: MDR MEDIEN360G

Zusätzlich gibt es auch Unterstützung für Medienschaffende aus Russland und Belarus. Denn auch wenn in Russland und Belarus kein Krieg herrscht, drohen unabhängige Berichterstatter aufgrund der drakonischen Unterdrückungsmaßnahmen der Regierungen von Wladimir Putin und Viktor Lukaschenko Verfolgung, Gewalt und willkürliche Verurteilungen.

Festanstellung bei "Katapult" in Greifswald

Bei den direkten Hilfsmaßnahmen für betroffene Journalistinnen und Journalisten ging das Greifswalder Magazin Katapult den schnellsten und bislang wohl ungewöhnlichsten Schritt. Eigentlich ist Katapult eine Zeitschrift, die mit vielen Grafiken und Karten sozialwissenschaftliche Erkenntnisse auf kreative Weise einer breiten Öffentlichkeit verständlich machen will. Außerdem baut das Team um Katapult-Gründer Benjamin Fredrich gerade Regionalredaktionen in Mecklenburg-Vorpommern auf.

Doch gleich nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine startete Katapult einen Aufruf für "Ukraineabos", um damit ukrainische Journalistinnen und Journalisten zu unterstützen. Und das auf eine so nachhaltige wie verblüffend einfache Art und Weise: Mit dem Erlös aus diesen Solidarität-Abos werden sie ganz unkompliziert fest bei Katapult angestellt. Über 25 ukrainische Medienschaffende stehen jetzt auf der Payroll. Einige haben die Ukraine verlassen und sind nach Greifswald gekommen, andere bleiben weiter in der Ukraine und berichten von dort. "Die wollen bleiben, wir sagen denen: Bitte kommt, wenn es gefährlich wird", sagte Fredrich im Interview mit der taz. Pressefreiheit wird bei Katapult seit Anfang an groß geschrieben, für die neuen ukrainischen Kolleginnen und Kollegen gilt das erst recht: "Sie sollen veröffentlichen, was für das Land und die Menschen gut ist", sagt Fredrich.

Ukraine-Ticker und Stress in der Redaktion

Den Ukraine-Ticker von Katapult gibt es auf Twitter mittlerweile auch auf Deutsch und Englisch, seit Anfang März wird auch ein eigener Kanal beim in Osteuropa sehr verbreiteten Messengerdienst Telegram bespielt. Anfang April ist Fredrich selbst in die Ukraine gefahren und hat von dort berichtet: "Auf der Beerdigung des ukrainischen Journalisten und Fotografen Max Levin sind wohl 70 % Journalisten. Sie machen Fotos auf der Beerdigung. Immer und überall. Manchmal wirkt das befremdlich, aber in diesem Fall scheint es eine angemessene Verabschiedung", lautete einer seiner Posts. Mit im Gepäck hatte der Katapult-Gründer nach eigenen Angaben journalistische Ausrüstung und Medikamente im Wert von 70.000 Euro, die aus Spenden finanziert wurden.

Seit den ersten Kriegswochen dreht sich auch bei der deutschen Katapult-Redaktion alles um die Ukraine. Es gibt einen Live-Blog, und auch sonst verlangt das Engagement für die Ukraine der Redaktion einiges ab. Zumal Fredrich seine Mitstreitenden auch dazu aufgerufen hatte, auf rund die Hälfte ihres Gehalts zu verzichten und für das Projekt zur Verfügung zu stellen. Hier machen längst nicht alle mit. Und in Verlag und Redaktion gibt es Stimmen, denen dieses Engagement zu weit geht und die sich die Frage stellen, was das Ganze wirklich bringt.

Initiative der großen Verlage

Ende März starteten die Zeit, die Frankfurter Allgemeine Zeitung, das Handelsblatt, die Süddeutsche Zeitung und der Tagesspiegel eine gemeinsame Initiative, um ukrainische und russische Journalistinnen und Journalisten zu unterstützen. Die Medienhäuser kündigten an, nach Deutschland geflüchtete Journalistinnen und Journalisten untereinander zu vernetzen und ihnen Mittel für ihre Arbeit zur Verfügung zu stellen. So sollen sie ihre Arbeit im Exil aber auch wie beim Katapult-Projekt vor Ort weiter fortsetzen können. "Ohne freie Presse wird Journalismus zur Propaganda. Staatliche Willkür ist die Folge", so die Redaktionsleitungen und Geschäftsführungen der beteiligten Medienhäuser. Ziel sei, denjenigen eine Stimme zu geben, die der Pressefreiheit beraubt wurden.

Parallel dazu haben Reporter ohne Grenzen (RSF) und die Schöpflin-Stiftung und die nach dem Spiegel-Gründer Rudolf Augstein benannte Stiftung einen europäischen Fonds für Journalismus im Exil eingerichtet. Dieser sogenannte "JX Fonds" will nach eigenen Angaben "Medienschaffenden unmittelbar nach ihrer Flucht aus Kriegs- und Krisengebieten schnell und flexibel dabei helfen, ihre Arbeit weiterzuführen". Außerdem setzt der Fonds auf Nachhaltigkeit und verspricht daher eine Unterstützung "unabhängiger Medien im Exil auch über die jetzige Phase hoher Aufmerksamkeit hinaus". Solche Exilmedien seien „oft die einzige Quelle unabhängiger Informationen über autoritär und diktatorisch regierte Länder. Wenn wir sie nicht unterstützen, gewinnt die Zensur“ - und damit das Gegenteil von Pressefreiheit, so die Initiatoren.

Viele deutsche Medienhäuser haben angekündigt, RSF für diesen Fonds Mittel zur Verfügung zu stellen. Gleichzeitig soll der Fonds Beratung und Hilfe bieten, um langfristig tragfähige Modelle für neue Exil-Medien zu entwickeln.

Ukrainisch-Angebot des MDR will mit Service helfen

Der MDR zielt mit seinem "Willkommens-Angebot" ganz allgemein auf Menschen, die aus der Ukraine geflüchtet sind. Für sie gibt es jetzt im Netz unter www.mdr.de/ukraine Service und Informationen aus Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. Bei diesem Nachrichtenangebot auf Ukrainisch kooperieren die Landesfunkhäuser in Magdeburg, Erfurt und Dresden mit der Programmdirektion Leipzig. "Wir bieten von Montag bis Freitag ein Nachrichtenangebot, für das alle MDR-Landesfunkhäuser zuliefern", sagt Bettina Friedrich von der MDR-Chefredaktion, die gemeinsam mit Nico Nickel vom Landesfunkhaus Sachsen für das Projekt verantwortlich ist. "Diese Nachrichten werden dann übersetzt und als eine Art Podcast auf Ukrainisch aufgenommen. Aus Transparenzgründen gibt es dabei immer auch eine deutsche Version, damit alle wissen, was da läuft."

Als Basisangebot gibt es viele Service-Beiträge auch in Schriftform, so Friedrich im Gespräch mit MDR MEDIEN360G. In ihnen geht es um Tipps und Hinweise zum täglichen Leben in Deutschland - von Fragen rund um Wohnen, Arbeiten und Krankenversorgung bis zu Kita und Schule. Außerdem ist ein "Flüchtlingstagebuch" geplant, erzählt Friedrich. Hier sollen zwei aus der Ukraine geflüchtete Journalistinnen, die jetzt mit ihren Kindern in Halle bzw. im sächsischen Borna wohnen, über ihre Eindrücke und persönlichen Erfahrungen in Deutschland berichten. "Daneben wollen wir auch Fernsehbeiträge mit ukrainischen Untertiteln anbieten, hier arbeiten wir gerade am Workflow", so Friedrich. "Gemessen an der kleinen Zielgruppe werden die neuen Angebote gut angenommen - wir haben rund 350 Zugriffe pro Tag." Dass ihre Arbeit ankommt, ist den Macherinnen und Machern vom MDR dabei wichtig - schließlich "wollen wir ja nicht für das Archiv arbeiten".  

Die Bilanz bei vielen Projekten ist offen

Viele dieser ganz unterschiedlichen Projekte sind sehr schnell entstanden. Wie viel Erfolg sie am Ende haben werden, ist oft unklar. Es ging und geht um spontane Unterstützung angesichts der dramatischen Situation in der Ukraine. Die Schwierigkeit, das Richtige zu tun, bleibt. Doch solche Projekte sichern nicht nur das Menschenrecht auf Presse- und Meinungsfreiheit, sondern sind gerade in diesen Zeiten auch Zeichen gelebter Solidarität.

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