Corona-Daten-Newsletter | Mittwoch, 15. Dezember 2021 Die vorhersehbare Katastrophe

Ein großer Mann mit Locken und Brille steht vor einer Betonwand.
Bildrechte: MDR/Viktoria Schackow

Im multimedialen Corona-Daten-Update: Der absehbare Impfstoffmangel macht einige sprachlos. Andere sind wegen Omikron ziemlich besorgt. Und: die gernegroße Mini-Mehrheit nervt die Mehrheit, teilt im Internet Unfug und wird gefährlich.

Illustration Omicron
Bildrechte: imago images/VWPics

Einen schönen guten Abend!

Auch heute wieder das blöde K-Wort in der Überschrift. Das passt gut zu der ersten Meldung heute, finde ich.

Außerdem möchte ich für Sie durch die Corona-Brille auf die erste Regierungserklärung von Bundeskanzler Olaf Scholz schauen. Und Ihnen ein paar schlaue Sätze aus Ihren E-Mails weitergeben, die uns erreicht haben.

Zu wenig Impfstoff

Die Reserven und Bestellungen von Corona-Impfstoff für das erste Quartal reichen nicht aus, hat Gesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) gestern den Tagesthemen gesagt.

Karl Lauterbach
Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) in den Tagesthemen im Ersten. Bildrechte: MITTELDEUTSCHER RUNDFUNK

Und ich bin (wie vermutlich viele von Ihnen) sprachlos.

Lassen Sie uns an dieser Stelle – zwei Jahre nach Beginn der Pandemie und ein Jahr nach der Zulassung des ersten Impfstoffs – sprachlos bleiben, sonst wird es nur laut, weil wir alle schreien müssen.

Die Worte fehlen auch dem Präsidenten der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt. Er sagte im Deutschlandfunk: "Wenn man das hört, bleibt einem der Mund offen stehen." Es sei völlig unvorstellbar, dass die Logistik in einem Land wie Deutschland nicht funktioniere: "Ich bin etwas sprachlos angesichts der Nachricht."

Bundesarbeitsminister Hubertus Heil (SPD) sagte im Morgenmagazin von ARD und ZDF, die Nachricht vom Impfstoffmangel sei "schwer irritierend". Da habe die Vorgängeradministration im Bundesgesundheitsministerium offensichtlich "nicht klar Schiff gemacht".

Gestern hatten sich die Gesundheitsminister von Bund und Ländern geeinigt, dass Corona-Geimpfte mit Auffrischimpfung künftig von der Testpflicht bei 2G-Plus-Regeln ausgenommen sind. So soll das Boostern attraktiver gemacht werden. 

Eine "irrsinnige Idee" angesichts der Omikron-Variante, schreibt die Virologin Sandra Ciesek auf Twitter. Und fragt: "Was ist mit den geboosterten Reiserückkehrern aus Südafrika/Namibia?"


Sie führt drei weitere Gründe an, weshalb sie es falsch findet, Geboosterte von einer Testpflicht auszunehmen:

  • Wir wissen, "dass man sich nach der Boosterimpfung auch infizieren kann".
  • Das Problem verstärkt sich mit der Ausbreitung von Omikron.
  • Das Problem verschärft sich mit zunehmendem zeitlichem Abstand zur Boosterimpfung.


Und noch habe ich nichts anderes gelesen oder gehört: 0,8 Prozent der Menschen, die sich mit Corona infizieren, sterben. Das hat der Chef des RKI vor ein paar Wochen gesagt.

Die vorhersehbare Katastrophe

In Deutschland sind in den vergangenen 24 Stunden 453 Menschen im Zusammenhang mit Corona gestorben. In Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen waren es 209.

Auf einen Blick: Die aktuellen Zahlen

Dem Robert-Koch-Institut (RKI) sind am Freitag, dem 5. November 2021, bundesweit 51.301 neue bestätigte Corona-Infektionen gemeldet worden.

Die bundesweite Inzidenz beträgt 353,0. Unsere drei Länder liegen deutlich über diesem Wert: In Thüringen beträgt die Inzidenz 952,6, in Sachsen 824,0 und in Sachsen-Anhalt 702,7.

Es sind die höchsten Inzidenzen in ganz Deutschland. Alle anderen Länder außer Brandenburg haben Inzidenzen unter 500. Am niedrigsten liegt der Wert in Schleswig-Holstein: 160,8.

Deutschlandweit haben sich bisher mehr als 58 Millionen Menschen vollständig impfen lassen. Das entspricht einer Impfquote von 69,8 Prozent. Die Quote für die Auffrischungsimpfung beträgt 25,9 Prozent.

Im Folgenden nun die Zahlen von Behörden und Landkreisen, auf die sich die Länderministerien beziehen. Diese Werte können unter Umständen von denen des RKI abweichen, da sie meist etwas aktueller sind.

Sachsen

  • Aktive Fälle: 84.726 (-3.220 zum Vortag)
  • Hospitalisierungsrate*: 7,59 (-1,97)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 583, davon 299 beatmet, 56 freie 
  • COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 59,1 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 30,9 Prozent
  • 18-59 Jahre: 60,6 Prozent
  • 60+ Jahre: 80,0 Prozent
  • Auffrischungsimpfung: 21,0 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 12.006 (+156)

Thüringen

  • Aktive Fälle: 50.095 (+717 zum Vortag)
  • Hospitalisierungsrate*: 17,07 (-2,5) 
  • COVID-19-Intensivpatienten: 219, davon 120 beatmet, 32 freie 
  • COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 64,0 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 35,9 Prozent
  • 18-59 Jahre: 66,4 Prozent
  • 60+ Jahre: 83,4 Prozent
  • Auffrischungsimpfung: 23,6 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 5.518 (+27)

Sachsen-Anhalt

  • Aktive Fälle: 36.040 ↘ (-397 zum Vortag)
  • Hospitalisierungsrate*: 10,36 (+2,43)
  • COVID-19-Intensivpatienten: 166, davon 103 beatmet, 22 freie 
  • COVID-19-Intensivbetten
  • Impfquote: 66,3 Prozent (vollständig geimpft)
  • 12-17 Jahre: 33,2 Prozent
  • 18-59 Jahre: 69,0 Prozent
  • 60+ Jahre: 85,6 Prozent
  • Auffrischungsimpfung: 23,7 Prozent
  • Todesfälle im Zusammenhang mit COVID-19: 4.027 (+26)

* Die Hospitalisierungsrate beschreibt die 7-Tage-Inzidenz der hospitalisierten COVID-19-Fälle. Durch Übermittlungsverzug wird die Rate in gewissem Maß unterschätzt werden, schreibt das RKI. Auch Recherchen der "Zeit" und des "Spiegel" zeigen das. Ein deutschlandweit gültiger Grenzwert dafür, welche Maßnahmen eine bestimmte Hospitalisierungsrate nach sich ziehen, wurde nicht festgelegt. Die Bundesländer beziehen die Rate derzeit in komplexe Berechnungen ein (Sachsen und Thüringen) oder überlassen die Entscheidung über Maßnahmen den einzelnen Landkreisen (Sachsen-Anhalt). Warum die Hospitalisierungsrate in der jetzigen Form als neue Corona-Kennzahl untauglich ist, erklärt MDR-Datenjournalist Manuel Mohr in diesem Artikel.

(Quellen: Schätzung der aktiven Fälle: eigene Berechnung, LAV Sachsen-Anhalt, TMASGFF, Sozialministerium Sachsen | Hospitalisierungsrate: RKISozialministerium SachsenTMASGFF | IntensivpatientenDivi | Impfquote: RKI | Todesfälle: LAV Sachsen-Anhalt, TMASGFF, Sozialministerium Sachsen, RKI)

Alle Grafiken und weiteren Zahlen finden Sie hier in den Übersichten der Kolleginnen und Kollegen.

Scholz: "Jeder Erwachsene könnte zweifach geimpft sein"

Olaf Scholz (SPD) sagte heute bei seiner ersten Regierungserklärung im Bundestag: "Niemandem geht es in dieser Zeit gut. Aber es wird wieder besser."

Er rief erneut zu Impfungen auf. Sein Ziel sind 30 Millionen Booster-Impfungen bis Jahresende, 19 Millionen seien bereits erreicht.

Scholz dankte allen Bürgerinnen und Bürgern, die sich haben impfen lassen.

Bemerkenswert in seiner Rede fand ich drei Sätze:

  • "Heute könnte jeder Erwachsene zweifach geimpft sein."
  • "Dann hätten wir die Pandemie im Griff und würden mit alten Freiheiten mit Freunden und Familie eine besinnliche Vorweihnachtszeit erleben."
  • "Die Kraft des wissenschaftlichen Fortschrittes" hat uns die Impfstoffe ermöglicht.


Außerdem rief Scholz dazu auf, die Kontakte zu Weihnachten behutsam einzuschränken. Es gebe keine roten Linien und seine Regierung werde alles tun, "bis wir alle unser früheres Leben und alle unsere Freiheiten zurück bekommen haben".

Das mit dem "früheren Leben" hat Scholz mehrfach gesagt. Mich hat das stutzen lassen: Wollen wir unser früheres Leben zurück? War früher alles besser? Oder verklären wir das? Und wollen wir nicht lieber eine bessere Zukunft?

Kekulés Corona-Kompass

Die Inzidenzen sinken, aber der Virologe warnt vor der Omikron-Variante. Und er ist auch dagegen, die Testpflicht für Geboosterte aufzuheben.

Die gernegroße Mini-Minderheit

Der Bundeskanzler sagte heute auch, es gebe Wirklichkeitsverleugnung, absurde Verschwörungsgeschichten, mutwillige Desinformation und gewaltbereiten Extremismus.

"Aber wir lassen uns nicht gefallen, dass diese Minderheit versucht, uns ihren Willen aufzuzwingen."

Wie wichtig dieser Satz ist, zeigen heute mindestens zwei Meldungen, eine aus Sachsen und eine aus Sachsen-Anhalt.

Ein ekelhafter Vorgang: In einer Dresdner Gruppe im Messenger-Dienst Telegram wurde über Mordpläne an Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) diskutiert und sich mit Waffenkäufen gebrüstet.

Heute haben Polizei und Landeskriminalamt sechs Wohnungen durchsucht. Auch Sprengstoffexperten waren dabei. Die Ermittlungen richten sich gegen fünf Männer und eine Frau. 

Bei der Razzia wurden Waffen gefunden, die nun untersucht werden.

"Endlich eine Razzia", kommentiert meine Kollegin Uta Deckow von MDR SACHSEN und fragt besorgt, wie gut Sachsens Polizei bedrohte Menschen überhaupt schützen kann, weil nicht die Behörden, sondern ZDF-Journalisten die Telegram-Gruppe entdeckt haben.


Auch die Meldung aus Sachsen-Anhalt ist ohne das Internet nicht möglich: In Zerbst ist kein Schüler nach einer Corona-Impfung gestorben. Dieser Unfug wurde aber in sozialen Medien verbreitet, die AfD hat das sogar in der Kreistagssitzung thematisiert.

Dieser ganze Dreck schaukelte sich so hoch, dass im Internet Unbekannte gegen eine Ganztagsschule vor Ort Gewalttaten androhten.

Der Bürgermeister schaltete sich ein, recherchierte in seinen Ämtern und verfasste einen flammenden Appell:

"Diese Falschmeldung ist kein Scherz und auch kein Kavaliersdelikt. Es ist vielmehr eine perfide Form der Volksverhetzung, mindestens ist es aber die unterste Schublade schlechten Geschmacks."

Das Internet ist eine großartige Erfindung, mit der sich Menschen einfach verbinden können. Und die bleibt es auch. Wir müssen nur lernen, dass sich dort eben auch gewalttätige Menschen finden und vernetzen, und wir müssen lernen, wie wir damit umgehen, ohne das Internet kaputt zu machen.

In Freiberg zeigen das zum Beispiel die Initiatoren eines offenen Briefes. Sie wehren sich gegen die montäglichen sogenannten "Corona-Spaziergänge". MDR AKTUELL hat gestern mit einem der Initiatoren gesprochen.

Ich glaube, die Mehrheit der Menschen muss sich hin und wieder vergewissern, dass sie in der Mehrheit ist.

Ein Vergleich:

Bei Protesten am Montag waren in Sachsen-Anhalt mehrere Tausend Menschen auf den Straßen, in Thüringen geht das Innenministerium von 8.100 Protestierenden aus, in Sachsen von mindestens 2.500. Sehr großzügig aufgerundet sind das vielleicht 20.000.

Dagegen die Zahl der Menschen, die sich erst- oder zweitimpfen oder boostern haben lassen: 109.113. Und das nur gestern, an einem Tag!

Dazu passen auch Ihre E-Mails, die ich so interpretiere, dass die große Mehrheit die Proteste und deren Anführer ablehnt. All die Krakeler, Demonstranten, Wirrköpfe und Terroristen sind die Minderheit.

Ihre E-Mails

Ich muss zugeben: Ich hätte nach unserem Newsletter vom Montagabend Wetten angenommen, dass wir kritische, böse, gar gemeine E-Mails bekommen. Aber: Nichts dergleichen.

Ein paar Sätze aus den E-Mails:

  • "Wie sagte schon einst ein wahres Sprichwort: 'Womit man umgeht, das hängt einem an.'"
  • "Ich verstehe diese Menschen nicht mehr, ich bin dafür, dass ein Staat auch mal richtig hart durchgreifen muß. (...) Diese Menschen verhalten sich unsozial."
  • "Bitte benennen Sie doch auch kritisch, dass die niedrige Impfquote klar mit dem Abschneiden der AfD korreliert."
  • "Der Weg von der Angst (vor dem Abgehängtwerden, vor Arbeitsplatzverlust, vor Veränderung...) zum Nazi ist einfach zu kurz. Das geht so nicht."

Oft haben Sie in Ihren E-Mails genauso viele Fragezeichen im Kopf wie wir Journalisten:

  • "Wie kann es sein, dass bei einem positiv getesteten Kind vom Gesundheitsamt gesagt wird, die Eltern können weiter arbeiten gehen, da sie 'KEINE KONTAKTPERSONEN' vom Kind sind. Ich verstehe hier wirklich 'die Welt' nicht mehr."
  • "Wenn Eltern von Kindern, die sie täglich drücken, die ihre 'Kuscheleinheiten' von Mama und Papa bekommen in dieser schwierigen Zeit, keine Kontaktpersonen sind, wer ist es dann."
  • "Die vielen Zahlen machen mich irre . Und dann kommt vom RKI noch die Aussage: Die Zahlen stimmen so nicht. Die Lage ist ernst. Dies ist mein Fazit."

Ein gutes Fazit. Und noch ein Blick über den Tellerrand:

  • "Einige Bekannte von uns sind in Portugal (...) auf Campingplätzen, sie schreiben mir aktuell, dass dort sehr viele Menschen geimpft sind, es ist einfach entspannter dort. Es wird nicht so viel diskutiert sondern gehandelt. Auch in Spanien ist es zum Glück nicht so schlimm, wie hier in unseren drei Bundesländern."

Impfquote in Portugal 89 Prozent.
Impfquote in Spanien: 81 Prozent.

Diskriminieren Sie also niemanden, ärgern Sie sich über niemanden, entspannen Sie sich.

Und freuen Sie sich auf Freitag, dann übernimmt hier mein Kollege Maximilian Fürstenberg.

Alles Gute
Marcel Roth

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Dieses Thema im Programm: MDR AKTUELL | 15. Dezember 2021 | 06:05 Uhr

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