Umgangsrecht Sollten gewalttätige Väter ihre Kinder sehen dürfen?

Eigentlich gilt: "Wer schlägt, der geht." Durch das Gewaltschutzgesetz sollen Frauen bei Häuslicher Gewalt besser geschützt werden. Doch wenn Kinder da sind, wird dem Vater – also dem Täter – häufig der Umgang gewährt. Denn jedes Elternteil hat das Recht auf Umgang mit seinem Kind. Für von Gewalt betroffene Frauen kann das bedeuten, dass sie sich mit dem Mann vor Gericht über den Umgang einigen müssen, der sie krankenhausreif geschlagen hat.

Mit der linken Faust schlägt er auf die Mutter ein, auf seinem rechten Arm sitzt der gemeinsame kleine Sohn – so schildert es Cindy. Sie heißt anders, MDR exakt hat den Namen zu ihrem Schutz geändert. Cindy berichtet weiter: "Ich war in einer hilflosen Situation." Sie habe sich immer weiter in Richtung Wand bewegt, bis sie nicht weiter zurückweichen konnte. Ihr Mann habe sie geschlagen, "immer auf den Hinterkopf. Unermüdlich drauf und drauf und drauf". Schließlich habe sie aus der Ecke und auf die Straße entkommen können: blutend, barfuß, nur mit Unterwäsche und T-Shirt. Cindy ruft laut um Hilfe. Ihre Nachbarin alarmiert die Polizei. Dieser Vorfall passiert vor rund fünf Jahren.

Doch ihr Mann sieht es völlig anders. Sein Anwalt teilt auf MDR-Anfrage mit, sein Mandant habe seine Frau nicht geschlagen. Den Kleinen habe er auf dem Arm gehabt, um ihn vor seiner Mutter zu schützen. Der größere Sohn habe keine Kenntnis von dem Vorfall. Was wirklich passiert ist, wissen wir nicht.

Cindy muss zur Versorgung ihrer Wunden ins Krankenhaus. Die ärztliche Diagnose nach ihrer Untersuchung: Opfer häuslicher Gewalt mit vielen Prellungen. 18 Jahre lang war Cindy mit ihrem Mann zusammen. Er sei immer aggressiver geworden, sagt sie, – bis er an jenem Abend ausgerastet sei, als sie die damals ein und fünf Jahre alten Söhne ins Bett bringen wollte.


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Nach der Trennung fangen die Probleme richtig an

Zwar hat sich Cindy anschließend von ihrem Mann getrennt, doch dann haben die Probleme erst richtig angefangen, sagt sie. Ein dicker Ordner voller Dokumente hat sich seitdem angesammelt. Bereits drei Wochen nach der Tat gab es den ersten Termin vor Gericht: Der Umgang mit den Kindern soll geregelt werden. Doch ihre Gewaltvorwürfe gegen den Vater spielen dabei offenbar keine Rolle.

Ich wusste nicht mehr, ob ich in der Realität oder im falschen Film bin.

Cindy

Cindy habe kaum glauben können, was in der Verhandlung geschehen sei. Sie sei zu diesem psychisch labil gewesen. Die Richterin habe festgestellt, dass man Cindy ansehe, wie sehr sie angeschlagen sei. "Doch leider hat keiner beachtet, warum", sagt Cindy. Dabei hatte sie dem Gericht ihre Sichtweise geschildert und Belege für die Tat vorgelegt. Trotzdem hat das Amtsgericht beschlossen: Der Vater darf seine Söhne jedes zweite Wochenende von Freitagnachmittag bis Sonntagnachmittag bei sich haben, mit Übernachtung – beginnend schon einen Monat nach dem Vorfall.

Mutter hat Angst um ihre Kinder und sich selbst

"Das macht einen als Mutter wahnsinnig, wenn man nicht weiß, ob den eigenen Kindern nicht vielleicht das gleiche widerfährt, wie einem selbst", sagt Cindy. Sie sei so perplex gewesen, dass sie dem Beschluss zustimmte. Auch später legte sie keine Beschwerde ein – der Grund: "Die Richterin hat mich sehr unter Druck gesetzt und mir gedroht", sagt Cindy. Sie solle sich es sich gut überlegen, schließlich könne ihr bei einer Weigerung auch das Sorgerecht entzogen und die Kinder dem Vater zugesprochen werden. "Ich stand mehr oder minder mit dem Rücken an der Wand." Zu diesen Vorwürfen äußert sich das zuständige Amtsgericht auf Anfrage von MDR exakt nicht.

Bei Häuslicher Gewalt gehe es im Kern um "Macht, Kontrolle und Dominanz", sagt Professorin Susanne Nothhafft. Die Juristin und Kriminologin forscht seit 20 Jahren zu Gewalt gegen Frauen. Nehme Frau den misshandelnden Männern diesen Kontrollmechanismus, indem sich räumlich trenne, suchten diese nach andere Möglichkeiten, weiter Kontrolle über die Frau auszuüben. "Das Vehikel, was sich anbietet, ist das Umgangsverfahren."

Gerade in Umgangssituationen kommt es wieder zu Gewalt

So gibt es auch viele Frauen, die sagen: Ich habe Angst vor der Trennung, weil er damit gedroht hat, dass er mir dann die Kinder wegnimmt. "Das erleben wir oft", sagt Kerstin Lindsiepe. Sie ist Geschäftsführerin der Frauenberatung Nürnberg für gewaltbetroffene Frauen und Mädchen. Solche Stellen gibt es in jeder größeren Stadt. Rund 500 Betroffene beraten sie allein hier jedes Jahr. Die Frauen würden häufig mit problematischen und gefährlichen Umgangssituationen allein gelassen.

Dabei kommt es gerade in den Umgangssituationen nach Recherchen von MDR exakt häufig durch den Vater zu Gewalt gegen die Mutter. Und 60 Prozent der Kinder erfahren beim Umgang mit einem Elternteil, das häusliche Gewalt ausgeübt hatte, selbst Gewalt. Das zeigen Studien. Und auch: Häusliche Gewalt endet nicht mit der Trennung, im Gegenteil: Die gefährlichste Zeit für Frauen ist die nach einer Trennung. Dann werden die meisten Körperverletzungen verübt – bis hin zu Mord.

Auch Cindy fühlte sich nach der Trennung von ihrem Mann unter Druck gesetzt. Aus Angst vor Eskalation ging sie zunächst zurück zu ihm, ein Jahr nach dem oben geschilderten Vorfall. Er habe ihr dann psychisch zugesetzt: "Man fühlt sich schwach, man wird unterdrückt, das ganze Leben wird einem vorgeschrieben." Der Anwalt ihres Mannes bestreitet diese Vorwürfe. Cindy sagt, ihr sei es immer schlechter gegangen. Sie magerte ab, hatte Schlaf- und Essstörungen. Vor einem Jahr schließlich schaffte sie es, sich endgültig zu trennen.

Immer wieder Gerichtsverfahren

Danach ging es wieder vor das Familiengericht. Es ging wieder um Umgangsregelungen für die Kinder. Cindy sagt: Wieder seien die Belege für die körperliche und psychische Gewalt ihres Ehemannes gegen sie nicht beachtet worden. "Immer hieß es: wir wollen in die Zukunft schauen. Das habe ich vom Jugendamt gehört. Das Gericht hat das gesagt. Das habe ich von verschiedenen Stellen gehört", berichtet Cindy. Diesen Satz: "Wir wollen in die Zukunft schauen", hören gewaltbetroffene Frauen immer wieder. Das Vergangene – also die Gewalt –  soll ausgeblendet werden.

Doch woher kommt das? Vor knapp 25 Jahren gab es eine Reform des Kindschaftsrechts: der Fokus liegt seitdem auf Einigung und Kooperation zwischen den Elternteilen. "Umgang mit beiden Eltern ist grundsätzlich zu gewähren", so steht es im Gesetz. Professorin Nothhafft erklärt MDR exakt, dass dahinter der Gedanke steckt, Umgang mit beiden Elternteilen sei gut für das Kind.

Dieses System funktioniere sicher gut, wenn es eine einvernehmliche Scheidung gibt, doch "das erweist sich als Falle, wenn Frauen mit ihren Kindern aus einer gewaltbelasteten Beziehung" kommen, sagt Nothhafft. Weil auf dieser werde ebenfalls die Kooperations- und Einvernehmenslogik angewendet. Doch das schaffe die Gefahr, "dass sich die Macht- und Kontrollstrukturen des Täters gegenüber der Frau über dieses familienrechtliche Verfahren fortsetzen."

Sonderleitfaden am Amtsgericht München

Dagegen wird nur wenig getan – eine Ausnahme ist das Amtsgericht München. Hier haben sie erkannt, dass Fälle, bei denen häusliche Gewalt eine Rolle spielt, andere Regeln haben müssen für Umgangsverfahren. Richter Dr. Jürgen Schmid hat gemeinsam mit anderen einen "Sonderleitfaden" entwickelt. Darin geht es "hauptsächlich auch darum, dass man in den Gewaltfällen aufklärt, wie der Sachverhalt war, was in den Normalfällen nicht ganz so wichtig ist", sagt Richter Schmid. Nur so könne einigermaßen die Zukunft prognostiziert werden. Denn das Ziel sei, dass sich die Gewalt nicht wiederhole.

Wichtige Punkte im Münchner "Sonderleitfaden" • Kindeswohl und Opferschutz haben absoluten Vorrang
• Spezialisierte Beratungsstellen werden von Anfang an ins Verfahren mit einbezogen
• Elternteile werden zumeist getrennt angehört
• Alle Familienrichter und Richterinnen werden im Bereich Häusliche Gewalt fortgebildet

Ähnliche Leitlinien gibt es in Deutschland nur an sehr wenigen Amtsgerichten. So ist es für betroffene Frauen ein Lotteriespiel, ob das zuständige Familiengericht im Umgangsverfahren ihre Gewalt-Geschichte in den Fokus nimmt oder eben auch nicht.

"Ich habe bis heute noch manchmal Ängste, dass wieder etwas passieren könnte", sagt Cindy. Gegen ihren Mann ist ein Strafbefehl wegen Körperverletzung fallen gelassen wurden. Für ihn gilt weiterhin die Unschuldsvermutung. Inzwischen hat er das Wechselmodell beantragt und wieder Recht bekommen. Die Kinder sind jetzt sieben Tage bei ihr, sieben Tage bei ihm.

Cindy ist sich unsicher, was mit den Kindern sei, wenn sie nicht bei ihr sind. "Ich habe bei Auseinandersetzungen mit dem Vater, die es leider immer wieder gibt, immer wieder Sorge, ob er vielleicht austicken könnte." Der Entscheidung zum Wechselmodell hatte Cindy nicht zugestimmt. Sie hat Widerspruch eingelegt. Nun muss das Oberlandesgericht entscheiden, wie es weitergeht. Cindy sagt, sie will sich nichts mehr gefallen lassen.

Quelle: MDR exakt

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Dieses Thema im Programm: MDR FERNSEHEN | MDR exakt | 24. November 2021 | 20:15 Uhr

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